Argentinien im Chaos

  • Buenos Aires - 13.12.2013

Plünderungen, Tote und Gewalt. Für Alfredo Zecca ist die Lage in Argentinien nicht mehr hinnehmbar: „Wir können keine weitere Nacht der Angst akzeptieren“, erklärte der Erzbischof von Tucuman auf dem vorläufigen Höhepunkt der Krise in Argentinien.

Alles begann in der vergangenen Woche in Cordoba, einer 1,3-Millionen-Einwohner-Stadt in der Nähe von Buenos Aires. Ein chinesischer Einwanderer erstickte, als Plünderer sein Geschäft anzündeten. Der Mann hatte verzweifelt hinter der Ladentheke Zuflucht gesucht. Die Plünderer nutzten einen Polizeistreik, um den Laden leerzuräumen.

Polizeistreik führt zu Plünderungen

Die Polizisten verlangten Gehaltssteigerungen und Daniel Scioli, Gouverneur der bevölkerungsreichen Provinz Buenos Aires, lenkte schnell ein, um die Auseinandersetzung nicht weiter eskalieren zu lassen: Er verdoppelte nahezu das Ausgangsgehalt von umgerechnet rund 600 auf etwa 1.000 Euro. Doch nun wollten auch Polizisten in anderen Landesteilen kräftige Gehaltssteigerungen – und legten ihrerseits die Arbeit nieder. Die Folge: Plünderungen, Ausschreitungen und bislang bereits elf Tote in Folge der Unruhen.

Stimmen die Angaben der Behörden, dann sind bislang allein in Cordoba mehr als 1.000 Geschäfte betroffen. Der Sachschaden wird auf mehr als zwölf Millionen Euro geschätzt. Wer dafür aufkommt, ist ungewiss. Besitzer kleiner Läden stehen vor dem Ruin.

Seit Tagen zeigen die TV-Nachrichten Bilder von verwüsteten Supermärkten, leergeräumten Boutiquen und geplünderten Elektronikmärkten via Abendnachrichten. Die Polizisten, die Gehaltserhöhungen forderten, ließen die Plünderer gewähren; die Regierung spricht von Erpressung.

José María Arancedo, Erzbischof von Santa Fe de la Vera Cruz und Vorsitzender der Argentinischen Bischofskonferenz. presidencia.gov.ar / Creative Commons

Kirche als Vermittler

Schließlich richtete Erzbischof Jose Maria Arancedo, Vorsitzender der Argentinischen Bischofskonferenz, einen Appell an die Politik: Es müssten dringend Maßnahmen her, die Sicherheit und sozialen Frieden wiederherstellten. Man dürfe die Probleme nicht ignorieren, sondern müsse in einem ehrlichen und konstruktiven Dialog Lösungen finden.

Die Ausschreitungen im Heimatland des Papstes sind auch Thema im Vatikan. Cordobas Erzbischof Carlos Nanez teilte am Wochenende mit, Franziskus habe sich telefonisch über die Lage erkundigt: „Er hat die Hoffnung ausgedrückt, dass uns in Argentinien ein Wiederaufbau der Gesellschaft gelingt.“ Erste Erfolge: In Santa Fe vermittelte Erzbischof Arancedo erfolgreich zwischen Regionalregierung und Vertretern der Polizei. Auch aus anderen Diözesen gab es ähnliche Meldungen.

Die Unruhen überschatteten den 30. Jahrestag der Rückkehr Argentiniens zur Demokratie, den Präsidentin Cristina Kirchner mit einem offiziellen Festakt beging. Am 10. Dezember 1983 begann die Amtszeit des demokratisch gewählten Präsidenten Raul Alfonsin, die zugleich die Militärdiktatur (1976–1983) beendete.

In ihrer Rede verurteilte Kirchner die „geplanten und mit chirurgischer Präzision“ durchgeführten Aktionen im Vorfeld der Feiern. Das alles könne kein Zufall sein, gab sie sich überzeugt.

„Die Waffen, die sie tragen, sind zum Schutz der Bevölkerung und nicht gegen sie“, so Kirchner mit Blick auf die Polizei – und in Anspielung auf die Diktatur.

Die Opposition dagegen geht hart mit der Kirchner-Regierung ins Gericht. Die Ausschreitungen seien die Folgen verfehlter Wirtschaftspolitik. Vor allem die Inflation trifft die ärmeren Bevölkerungsschichten, bislang die Machtbasis der linksgerichteten Politikerin, hart.

Von Tobias Käufer

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