Franziskus „lebt Befreiungstheologie“

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  • Innsbruck - 05.12.2013

Das Apostolische Schreiben Evangelii Gaudium ist ein „Dienstprogramm“ und kein „Regierungsprogramm“. Das betonte der österreichisch-brasilianische Bischof Erwin Kräutler im Gespräch mit der österreichischen Presseagentur Kathpress:

„Der Stil von ,Evangelii Gaudium´ ist ja ein wirklich lesbarer Stil. Das gilt auch für das ,einfache´ Volk. Das finde ich persönlich sehr wichtig. Was Franziskus konkret in dem Schreiben betont, ist meines Erachtens nur im Hintergrund seiner persönlichen Erfahrungen sowie der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen zu verstehen.“

Franziskus vertrete die Anliegen der Befreiungstheologie, auch wenn er deren Sprache nicht in den Mund nehme, so Kräutler weiter.

„Er sagt ja ganz klar, dass es eine Kirche bedarf für die Armen. Auch der Hinweis, dass die Kirche an die Peripherie gehen muss – das ist nicht nur geographisch gemeint. Das ist Befreiungstheologie pur. Es geht jetzt nicht darum zu sagen, dass er für die Befreiungstheologie sei. Das wird er auch gar nie sagen. Aber er wird diese Theologie leben.“

Kritik an „Kollateralschäden“ der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien

Ein zweites Thema, das der Bischof im Gespräch mit Kathpress ansprach: die kommenden Großveranstaltungen in Brasilien, darunter die Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Bei aller Fußballbegeisterung im Land sähen viele Millionen Menschen die Veranstaltung im kommenden Juni/Juli höchst kritisch, so Kräutler. Er selbst auch:

„Was da an Geld hinausgeschmissen und wie mit den Leuten umgegangen wird, das ist Wahnsinn! Wenn man sieht, wie im Umfeld von Stadien Häuser abgerissen werden und die Leute nicht wissen, wo sie hin sollen – das schreit zum Himmel.“

Belo Monte, mitten im Amazonasdschungel in Brasilien wo das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt entstehen soll. Auf dem Gebiet des ehemaligen Bauernhofes Pimental wird der Erdboden für den Bau hergerichtet. KNA

Der 74-jährige gebürtige Vorarlberger und Bischof von Xingu in Amazonien befindet sich derzeit auf „Heimatbesuch“ in Österreich.

„Ich bin besorgt, dass es rund um die Fußball-WM zu massiven Protesten kommen wird. Statt einer WM wollten die Menschen Bildung, Gesundheit, funktionierende Infrastruktur und Sicherheit im Land. Der Fußball-Weltverband FIFA greift viel zu sehr in nationale Rechte des Landes ein, was den Nationalstolz vieler Menschen verletzen würde.“

Belo Monte: Bemühen um Schadensbegrenzung

Zum umstrittenen Mega-Kraftwerk Belo Monte sagte Kräutler, dass man das Projekt nun nicht mehr verhindern könne. Jetzt gehe es nur mehr darum, sich für einen menschenwürdigen Umgang mit der betroffenen Bevölkerung einzusetzen. Das zehn Milliarden Euro teure Wasserkraftwerk soll mit einer Leistung von 11.233 Megawatt das drittgrößte der Welt werden. Es soll 2015 ans Netz gehen. Eine riesige Fläche Urwald sei bereits abgeholzt und ein Kanal gegraben, der das Wasser des Flusses umleitet und von den Erdbewegungen her „das Ausmaß des Panama-Kanals“ habe. Was noch fehle, sei die Errichtung des Staudamms. Mindestens 40.000 Menschen seien dann von der Flutung betroffen und würden, sobald das Wasser steigt, ihre Häuser, Heimat und Lebensgrundlage verlieren.

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