„Die Kirche ist der einzige Hoffnungsträger“

  • Bonn - 05.12.2013

Über Jahrzehnte war das Verhältnis zwischen der kommunistischen Regierung Kubas und der katholischen Kirche auf der Karibikinsel angespannt. Doch eine Besserung ist in Sicht. Im Interview mit dem Internetportal Weltkirche spricht der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick über das Wirken der katholischen Kirche auf Kuba und ihr soziales Engagement in dem verarmten Land. Der Vorsitzende der Bischöflichen Kommission Weltkirche ist kürzlich von einer achttägigen Reise auf die Karibikinsel zurückgekehrt.

Frage: Herr Erzbischof, das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und der kommunistischen Regierung Kubas war jahrzehntelang angespannt. Nun scheinen sich die Beziehungen zu bessern. Welchen Eindruck hatten Sie auf Ihrer Reise?

Schick: Das Verhältnis hat sich zwar entspannt, aber die Kontakte zur Kirche sind immer noch sehr spärlich. Aufgrund des strikten kommunistischen Regimes konnte die Kirche sich viele Jahre gesellschaftlich nicht einbringen. Das hat sich nun geändert. Die beiden Papstbesuche innerhalb von 15 Jahren – Johannes Paul II. im Jahr 1998 und Benedikt XVI. 2012 – haben dazu geführt, dass die Kirche in Kuba erstmals medial sichtbar wurde. Seitdem wird mit ihr einfach stärker gerechnet – auch seitens der Regierung.

Frage: Mitte September haben die kubanischen Bischöfe ein pastorales Schreiben verfasst, in dem sie die kommunistische Regierung auffordern, das politische System des Landes zu reformieren. Wo sieht die kubanische Kirche Handlungsbedarf?

Schick: Dieses Dokument ist ein sehr ausgewogenes, klares und auch forderndes Schreiben. Kuba ist in einem Zustand der Verarmung, doch die Bischöfe geben die Hoffnung nicht auf. Sie stellen in dem Pastoralschreiben ganz konkrete Bedingungen, um die Situation der Menschen zu verbessern: Sie fordern, dass sich die Regierung hin zu einer partizipativen Gesellschaft öffnet – anstatt sie zu bevormunden. Alle Kräfte in der Gesellschaft müssen am öffentlichen Diskurs aktiv teilnehmen können – auch die Kirchen. Darüber hinaus setzen sich die Bischöfe für freie Bildung und eine freie Wirtschaft ein. Alles in allem stellt das Schreiben den Ruf nach einer demokratischen Bürgergesellschaft dar, in der sich jeder selbstbestimmt und in Eigenverantwortung entfalten kann. Die Bischöfe verweisen hierbei auf die christliche Soziallehre, die für eine solidarische und soziale Gesellschaft eintritt, in der jeder einzelne geachtet wird.

Acht Tage lang informierte sich Erzbischof Ludwig Schick über die Kirche auf Kuba. Erzbistum Bamberg

Frage: Um den Zusammenhalt in der Gesellschaft ist es in Kuba derzeit eher schlecht bestellt. Viele Menschen wandern in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die USA aus.

Schick: Drei Millionen Kubaner leben allein in Miami – das sind fast 30 Prozent der Gesamtbevölkerung Kubas. Es sind meist gut ausgebildete junge Erwachsene, die auswandern. Ältere sowie Kinder und Jugendliche bleiben hingegen auf der Insel und werden dann von ihren Verwandten im Ausland finanziell unterstützt. Ohne diese Gelder wäre das Leben in Kuba sicher noch ärmlicher. Daher haben die kubanischen Bischöfe in ihrem Pastoralschreiben einen dringenden Appell gegen die Auswanderung von jungen Leuten formuliert.

Frage: Das durchschnittliche Monatseinkommen eines Kubaners liegt derzeit bei knapp über 19 US-Dollar – das ist weniger als ein Dollar pro Tag. Wie leistet die katholische Kirche hier soziale Unterstützung?

Schick: Sie engagiert sich in allen drei Bereichen, die Kirche ausmachen: in der Verkündigung, im Gottesdienst und im Sozialen. Auf dem Gebiet der Verkündigung gibt es beispielsweise die katholischen Institute. Da der kubanische Staat das Monopol auf die Bildung im Land hat, darf die Kirche zwar weder Schulen noch Universitäten betreiben. Eine ergänzende Ausbildung, wie sie in den Instituten angeboten wird, ist jedoch möglich. Das Institut Bartolomé de Las Casas in Havanna oder das Padre-Felix-Varela-Zentrum bieten zum Beispiel Kurse in Englisch, Betriebswirtschaft, Geschichte, Philosophie und Religion an. Diese richten sich zumeist an Erwachsene. Kinder und Jugendliche können zusätzlich zur Schule oder Universität Kurse in christlicher Kultur belegen. Das Angebot wird sehr stark angenommen.

Im caritativen Bereich ist die kubanische Kirche ebenfalls sehr aktiv. Notleidende Menschen werden mit Nahrungsmitteln und vielen weiteren Hilfen unterstützt. Vor allem unter den älteren Menschen ist die Not sehr groß. Sie trifft die Auswanderungswelle der jungen Generation am härtesten. In der vergangenen Woche habe ich in der Diözese Havanna ein Altenheim besucht. Die Ordensschwestern dort kümmern sich liebevoll um die Bewohner. Während meines Aufenthalts auf Kuba traf ich auch den deutschen Botschafter und den Apostolischen Nuntius. Beide betonten: Die Kirche ist der einzige Hoffnungsträger in Kuba.

Frage: Welche Rolle spielen dabei ausländische Hilfswerke, zum Beispiel Adveniat ?

Schick: Überall, wo ich hinkam, waren die Menschen dankbar für die Unterstützung von Adveniat. Das Hilfswerk leistet beispielsweise einen wichtigen Beitrag zum Wiederaufbau, nachdem in den vergangenen Jahren mehrere Wirbelstürme über die Insel hinweggefegt sind. Auch die katholischen Institute, die ich eben genannt habe, und zwei Priesterseminare in Havanna und Santiago de Cuba werden von Adveniat unterstützt.

Alle Bischöfe, die ich auf meiner Reise getroffen habe, sagten, dass die Kirche ohne ausländische Hilfe hier gar nicht wirken könne. Denn die kubanische Kirche hat so gut wie keine eigenen Einnahmen. Aber sie sucht derzeit nach Wegen, unabhängig zu werden und sich selbst zu finanzieren. In diesem Zusammenhang kommt das Thema „Bildung“ wieder ins Spiel. Der Schulweg ist der kürzeste Weg zu allen Entwicklungen. Das starke Engagement der Kirche in der Ausbildung, zum Beispiel von zukünftigen Priestern und Ordensleuten, ist eine Maßnahme, damit diese Unabhängigkeit irgendwann zustande kommt. Aber das braucht Zeit.

Das Interview führte Lena Kretschmann.

© weltkirche.katholisch.de