„Sie schicken die Kinder zu uns“

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  • Bangkok - 01.12.2013

Kook hat ihre langen, schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Die 16-jährige Thailänderin ist ein fröhliches Mädchen mit kühnen Zukunftsträumen: Ärztin möchte sie werden – doch das wird ein Traum bleiben. Ihre bescheidene Schulbildung reicht nicht für ein Studium. Aber immerhin hat die junge Frau aus Chonburi überhaupt wieder Träume – und eine Zukunft.

Kook war schwer krank. Sie ist HIV-positiv, wie auch ihre Eltern. Vater und Mutter hatten ihre Infektion mit dem Aids-Virus, ihre Krankheit verdrängt. Auch, dass Kook infiziert war, wollten sie nicht wahrhaben. So blieb die HIV-Infektion des Mädchens lange unbehandelt; das angeschlagene Immunsystem hatte Infektionen nichts entgegenzusetzen.

Zuflucht bei den Kamillianern

Seit dem Tod der Eltern lebt Kook in Rayong in einem von drei Sozialzentren des Kamillianerordens. Die mehr als 60 anderen HIV-positiven Kinder und Jugendlichen dort sind Waisen oder Halbwaisen, verstoßen von ihren Verwandten und Nachbarn. „Sie schicken die Kinder zu uns. Aids ist noch immer ein Stigma unter den Thais“, sagt der Direktor des Zentrums, Pater Chaisak Thaisonthi. Vor allem christliche Zentren wie das der Kamillianer, aber auch einige buddhistische Tempel und islamische Moscheen nehmen sich in Thailand Menschen mit HIV und Aids an.

Das Zentrum pflegt auch sterbenskranke Patienten jeden Alters. Etwa den Deutschen Jürgen Francis Kilbinger. „Ich war schwer erkrankt. Meine Lunge war ganz schwarz, von einem unbekannten Virus infiziert. Die Ärzte hatten mich aufgegeben. Aber ich wollte nicht in einem Krankenhaus sterben“, erzählt der 58-Jährige, der aus einer Sinti-Familie aus Koblenz stammt.

„Aids ist noch immer ein Stigma unter den Thais.“

— Pater Chaisak Thaisonthi

„In dem Hospiz wurde ich überraschenderweise wieder gesund.“ Er wolle nicht von göttlicher Fügung reden oder einem Wunder: „Es war einfach die liebevolle Pflege, die mir geholfen hat“, sagt Kilbinger, der seit über 20 Jahren in Thailand lebt. Nach seiner Genesung ist er bei den Kamillianern geblieben. In dem Zentrum in Rayong baut der handwerklich begabte IT-Spezialist Rollstühle und Gehhilfen für Patienten, die durch ihre Erkrankung zu Behinderten geworden sind.

Kilbinger ist homosexuell – für die Kamillianer kein Problem. In der Hafenstadt Rayong in der Provinz Chonburi, dem industriellen Herzen Thailands, blüht die Prostitution. Das nahe gelegene Pattaya gilt als das Epizentrum des thailändischen Sextourismus.

Unterkunft, Ernährung und Schulbildung

Die Kamillianer klären in Schulen, Vereinen und Fabriken über HIV und Aids auf. Dass es für einen katholischen Priester nicht einfach ist, über Sexualität, Homosexualität und sicheren Geschlechtsverkehr zu sprechen, gibt Pater Chaisak freimütig zu. Doch man müsse „die ethischen Dimensionen der Dinge“ erläutern. Natürlich darf er nicht für Kondome werben, geschweige denn welche verteilen. „Wir arbeiten mit Partnerorganisationen zusammen“, sagt er nur.

Jungen Menschen wie Kook bieten die Kamillianer sowohl Unterkunft, Ernährung, Schulbildung als auch Grundkenntnisse für einfache Berufe wie Haushaltshilfe oder Näherin. Die kostenlose Versorgung mit Aids-Medikamenten ist durch staatliche Krankenhäuser gewährleistet. Die älteren Jugendlichen werden im „Zentrum für unabhängiges Leben“ darauf vorbereitet, auf eigenen Füßen zu stehen. In der Wohngemeinschaft müssen sie die normalen Alltagsdinge selbst organisieren, putzen, einkaufen.

Bei der Jobsuche helfen die Kamillianer – keine einfache Aufgabe. Seufzend sagt Pater Chaisak: „Viele Arbeitgeber bestehen auf einem HIV-Test als Einstellungsbedingung. Und wer HIV-positiv ist, kriegt keinen Job.“ Die Stigmatisierung von Aids in Thailand.

Von Michael Lenz

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