„Das Bildungssystem ist extrem ungerecht“

  • Bonn - 29.11.2013

Am ersten Adventssonntag beginnt die bundesweite Weihnachtsaktion des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat . Im Mittelpunkt der Aktion stehen in diesem Jahr kirchliche Bildungsinitiativen. Darüber, welche Bildungschancen Kinder und Jugendliche in Chile haben, berichtete Erzbischof Fernando Chomalí Garib im Interview mit dem Internetportal Weltkirche. Seine Diözese Concepción zählt zu den ärmsten des Landes.

Frage: Herr Erzbischof, kirchliche Bildungsinitiativen stehen in diesem Jahr im Mittelpunkt der Adveniat-Weihnachtsaktion. Wie ist es um das Bildungssystem in Chile bestellt?

Chomalí: Das Bildungssystem in Chile ist extrem ungerecht. Kinder und Jugendliche aus armen Bevölkerungsschichten haben keine Chance auf höhere Bildung, da die staatliche kostenfreie Ausbildung nicht gut ist. Im Gegensatz dazu bekommen diejenigen, die über viel Geld verfügen, eine sehr gute schulische Ausbildung an privaten Einrichtungen und haben damit später auch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Es ist eine große Herausforderung, hier ein faires und gerechtes System zu schaffen.

Frage: Was tut die katholische Kirche dafür, dass auch ärmere Bevölkerungsschichten einen Zugang zu guter und bezahlbarer Bildung erhalten?

Chomalí: Die Kirche in Chile betreibt mehr als 1.000 Schulen. Ein Großteil davon befindet sich in Armenvierteln. Die Erzdiözese Concepción hat beispielsweise neun Schulen, von denen sich acht in den ärmsten Siedlungen der Stadt befinden. Die Gesellschaft in Chile erkennt die Bemühungen der katholischen Kirche an, das Bildungsniveau generell und speziell für die Ärmeren anzuheben.

Frage: Versucht die Kirche auch, durch Lobbyarbeit Druck auf die Regierung auszuüben, so dass auch in den staatlichen Schulen die Armen berücksichtigt werden?

Mapuche-Kinder in einer Grundschule in Temuco, Chile. Escher/Adveniat

Chomalí: Die Kirche in Chile ist natürlich unabhängig vom Staat. Über die Bischofskonferenz in Santiago de Chile versuchen wir jedoch, die Regierung auf Missstände hinzuweisen und mit ihr in Kontakt zu treten. In diesem Zusammenhang spielen auch die Rektoren der katholischen Universitäten eine bedeutende Rolle. Sie stehen auf allen Ebenen in einem engen Austausch mit dem Staat.

Frage: Die Kirche in Ihrem Erzbistum setzt sich auch dafür ein, dass die Mapuche, die Ureinwohner Chiles, eine Chance auf Bildung erhalten. Die Katholische Universität von Concepción hat in Cañete extra eine Schule für die Mapuchejugend gegründet. Welche Rolle spielt für Sie das Engagement für die Mapuche?

Chomalí: Die katholische Kirche fühlt sich den Mapuches und allen anderen indigenen Gruppen stark verpflichtet. Gemeinsam mit ihnen versuchen wir, ihre Lebensverhältnisse zu verbessern. Dabei verfolgen wir drei Ziele: Erstens, die Anerkennung der indigenen Bevölkerung zu erreichen; zweitens, eine Rückgewinnung derjenigen Ländereien, die den Mapuche rechtmäßig zustehen und drittens, die Indigenen in ihrer Identität zu stärken. Sie sind Mapuche und dürfen auch stolz darauf sein.

Frage: Welche Rolle spielt bei diesen Zielen der Zugang zur Bildung?

Chomalí: Viele Studenten, die in unserer katholischen Universität in Concepción eingeschrieben sind, gehören der Mapuche-Bevölkerung an. Darüber hinaus haben wir eine eigene Pastoralarbeit, die speziell auf die Bedürfnisse und die Situation der Mapuche ausgerichtet ist. In diesem Sinne ist die Kirche sehr bemüht, mehr soziale Gerechtigkeit für diese Bevölkerungsgruppe zu erreichen.

Frage: Folgen Sie mit Ihrem Einsatz für die Armen und Entrechteten dem Appell von Papst Franziskus, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen?

Chomalí: Ja, immer. Die Kirche in Chile fühlt sich den Armen und den Arbeitern ganz besonders verbunden. Darüber hinaus sorgt sie sich um die Menschenwürde und den Menschen an sich. Generell gilt dies aber für ganz Lateinamerika. Die Kirche dort liegt auf der Handlungslinie der Option für die Armen .

Frage: Die Bildungspolitik wird auch die neue Regierung Chiles beschäftigen. Michelle Bachelet hat bei den Präsidentschaftswahlen Mitte November mit 47 Prozent die absolute Mehrheit knapp verpasst. Im Dezember muss sie erneut gegen die Zweitplatzierte, Evelyn Matthei, antreten. Was wünschen Sie sich von der neuen Regierung in Chile?

Chomalí: Chile ist in den letzten Jahren wirtschaftlich stark gewachsen. Allerdings hat das Land große Probleme mit der Verteilung des Reichtums. Ich wünsche mir von der neuen Regierung, dass sie für mehr soziale Gerechtigkeit sorgt. Darüber hinaus sollte sie eine stärkere Führerschaft übernehmen und den Ärmsten eine wirklich gute und exzellente Ausbildung bieten. Im Augenblick bestehen diese Möglichkeiten für die armen Bevölkerungsschichten nicht.

Das Interview führte Lena Kretschmann.

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