Wie aus Feinden Freunde wurden

  • Aachen - 26.11.2013

Viel wird in den letzten Jahren über scheinbar interreligiöse vor allem christlich-muslimische Konflikte geschrieben – auch in Nigeria. Für ihr Engagement, diese Konflikte einzuschränken, haben Imam Muhammad Ashafa und Pastor James Wuye Ende Oktober den Hessischen Friedenspreis erhalten. Erhard Brunn, Journalist und Berater für interkulturelle Kooperationen, sprach mit den beiden Preisträgern über ihre anfänglich jahrelange tödliche Feindschaft, die spätere Einsicht, in eine gemeinsame Mission zu gehen, und ihre aktuellen wie zukünftigen Projekte.

Wenn sie an die ersten Jahre des Wissens voneinander sprechen, scheint es noch alles sehr präsent, also würden sie noch heute über diese wundersame Geschichte staunen, die ihnen nicht nur passiert ist, nein, in der sie die Hauptdarsteller sind. Wuye spricht darüber, dass sich in der Provinzhauptstadt Kaduna, im Norden von Nigeria, in den späten 70er Jahren viele Christen Übergriffen muslimischer Radikaler hilflos ausgesetzt fühlten. Es seien dann junge Christen wie er gewesen, die es ohne Absprache mit den Kirchenleitungen ab Mitte der 80er Jahre in die Hand nahmen, für mehr Sicherheit für die Christen zu sorgen. Ja, sie hätten ihre Verteidigung in die eigenen Hände nehmen müssen, da die Polizei nicht helfen konnte oder wollte. Sie hätten nicht angegriffen, aber es sei immer wieder zu handfesten Zusammenstößen mit radikalen Muslimen gekommen. Er verlor dabei eine Hand.

Auch für Ashafa sind diese Vorgänge noch sehr präsent. Er entstammt einer Familie, die sich traditionell dem westlich-christlichen Einfluss, gerade bezüglich der öffentlichen Schulbildung, widersetzt hatte. In den 90er Jahren gehörte er zu den Führern einer radikalen islamistischen Organisation, stand im direkten Konflikt mit militanten Christen. Sein spiritueller Führer und zwei Vettern seien dabei von Christen getötet wurden. Er habe ab der Zeit nach Wuye gesucht, denn so Ashafa „Sie starben in einer Gegend, in der ich wusste, dass dieser Wuye der Chef der christlichen Militanten ist. Monate und Jahre habe ich eine Gelegenheit gesucht, ihn aufzuspüren und zu töten.“ Doch ihre Wege sollten sich drei Jahre einfach nicht kreuzen.

„Monate und Jahre habe ich eine Gelegenheit gesucht, ihn aufzuspüren und zu töten.“

— Muhammad Ashafa

Das erste Treffen

Erst dann, im Mai 1995, trafen sie sich erstmals von Gesicht zu Gesicht, doch in einem staatlichen Gebäude, indem sie sich schlicht nicht angreifen konnten. Und Ashafa sah, dass auch Wuye vom Konflikt gezeichnet war. Plötzlich brachte sie ein Journalist zusammen und legte, ohne dass sie es so gewollt hätten, ihre Hände ineinander. „Er sagte uns, wenn wir es zusammen angehen, könnten wir den Frieden der Region bewerkstelligen“, so Ashafa.

Doch davon, dass dies ihr Ziel war, waren sie damals keineswegs überzeugt. Ganz im Gegenteil. Ashafa spricht ausführlich darüber, wie er weiter versuchte Wuyes Wege auszuspähen und einen Mordplan zu entwickeln. Das gegenseitige Misstrauen hielt sie einerseits auf vorsichtige Distanz während verschiedene andere Menschen sie versuchten dauerhaft in eine Zusammenarbeit zu bringen. Sie sahen sich von internationalen Geldgebern gemeinsam auf eine Konferenz in Birmingham eingeladen, ohne auch dort wirklich davon Abstand genommen zu haben, sich eigentlich ermorden zu wollen. Wieder in Nigeria hielt sie ihr weiter bestehendes Misstrauen auf Distanz.

Notwendigkeit der Feindesliebe

„Dann ging ich eines Tages kurz vor einem Treffen mit Wuye in die Moschee und der Imam sprach von der Notwendigkeit der Feindesliebe. Es hat mich so ergriffen, ich fühlte mich so persönlich gemeint, dass ich meine Haltung endgültig ändern konnte“, spricht Ashafa die Phase der Umkehr an. Auch Wuye gelang dies und seitdem, dem Ende der 90er Jahre, seien sie ständig miteinander unterwegs, sähen sie sich – sagen die beiden unisono – untereinander weit mehr als sie ihre eigenen Ehefrauen sehen. Gemeinsam reisten sie erst in Nigeria, dann auch anderen Teilen Afrikas dorthin wo man sie rief, um Konflikte zu dämpfen; gründeten dabei auch in Kaduna das „Interfaith Mediation Centre“.

Erstmals deutliche gemeinsame Zeichen setzen konnten sie im Jahre 2002. Der Wahlsieg eines Christen bei den Präsidentschaftswahlen in 1999 brachte eine Angst vor Machtverlust der Muslime des Nordens, aus deren Reihen in Zeiten der Militärherrschaft bisher weitgehend die Präsiden gestellt worden waren. Die folgende Einführung der Sharia in Teilen des Nordens war die Reaktion, die schnell zur Eskalation führte. In Kaduna kamen bei Zusammenstößen rund 2000 Menschen um. Hundertausende flohen aus der Stadt.

„Es hat mich so ergriffen, ich fühlte mich so persönlich gemeint, dass ich meine Haltung endgültig ändern konnte.“

— Muhammad Ashafa

Die Friedenserklärung

2002 kam es durch die gemeinsame Initiative der Preisträger zu der Unterzeichnung einer Friedenserklärung, welche von mehreren christlichen und muslimischen Vertretern unterstützt wurde. Diese Friedenserklärung (Kaduna Peace Declaration of Religious Leaders) gilt heute noch als Modellbeispiel für den religiösen Frieden im Norden von Nigeria. Durch viele vertrauensbildende Treffen gelang es Ashafa und Wuye, einen neuen Konsens der gemeinsamen Verantwortung definieren zu lassen.

Mit der Durchsetzung der Kaduna-Erklärung gelang ihnen erstmals spektakulär die Durchsetzung eines regionalen Dialogabkommens zur Beendigung eines regionalen Konfliktes mit religiösem Bezug. In einer großen öffentlichen Feier verpflichteten sich christliche und muslimische Führer, unterstützt von der Lokalverwaltung, fortan auch er Beachtung deeskalierender Regeln. Dies sollte der Region fast 10 Jahre Stabilität bringen, wurde aber in Bezug auf die Einbeziehung von Frauen und Jugendlichen kaum umgesetzt. In der Folgezeit bauten sie in ihrem Peace Centre zusehends Teams aus, die in ihrem Sinne in Konflikte eingreifen konnten. Hatten sie anfangs ihre Wende fast verheimlicht, brachte sie die größere Öffentlichkeit für ihren Dialog unter starken Druck des jeweils eigenen Lagers. Viele hielten sie für Feiglinge und Verräter, aber eigentlich immer weniger. Viele Gegner ihrer Bemühungen der frühen Jahre seien heute selbst dabei.

Zwischen 2002 und Juni 2004 kam es zu Ausbrüchen von Gewalt gerade im Zentrum Nigerias, im Plateau-State. Allein im Mai kam es in und um die kleinen Orte Yelwa und Shandam zu über 630 Toten. Ashafa und Wuye eilten an den Ort des blutigen Geschehens, um die verfeindeten Lager zur Vernunft zu bringen. Wieder war es wichtig, dass die Initiative zur Befriedung von einem religiös gemischten Team ausging. Viele Einzeltreffen über Monate waren nötig, um es auch im Jahr 2005 hier zu einem Akt der Versöhnung kommen zu lassen. Täter bekannten ihre Schuld, Vertreter der Opfer zeigten Gesten der Versöhnung.

Keimzelle der Konflikte

Doch worüber brechen die Konflikte aus? Es sind, so die zwei Preisträger, gerade Veränderungen in der Bewohnung und Nutzung von Teilen des Landes die Probleme schaffen. In Yewla und Shandam gab es schon Jahrzehnte Dispute darüber, welche Ethnie traditionell diese Region besiedelt und somit Recht auf Vorherrschaft habe. Viele Jahre habe es dabei keine religiöse Begründung für den Konflikt gegeben. Aber in der Situation der Demokratisierung und des Erstarkens der Parteien, argumentierten Politiker plötzlich damit, Garant des Einflusses der einen oder anderen Religion zu sein – um sich die Stimmen ihres religiösen Umfeldes zu sichern.

Ashafa und Wuye weisen darauf hin, dass die zunehmende Austrocknung von Böden, das Ausbreiten der Wüste, Menschen aus dem Norden Richtung Süden vertreibe. Konflikte seine da unvermeidlich. Zudem seien Nomaden tendenziell eher Muslime, Bauern oft Christen. Aber Konflikte um die Zugänge zu Märkten, Land und vielen Bürgerrechten der Zugezogenen, würden im Nigeria von heute gerne religiös verbrämt.

Die durch die Verschlechterung der natürlichen Bedingungen aus dem Norden Vertriebenen sorgen unzweifelhaft für weitere Destabilität. Über den Unfrieden, den ökologische Probleme im Norden zusehends in den südlicheren Teilen Nigerias brächten, seien sie dann zur Ökologie gekommen. So ist ihnen eine gemeinsame Initiative gegen das Verschwinden der Wälder und die Erosion der Böden heute von größter Bedeutung. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit solle zusehends die Betonung der Rolle der Frauen in der Friedensarbeit sein. Frauen seien als Zentrum der Familie ideal dafür, Kinder friedensorientiert zu erziehen und zum Frieden in der Gemeinschaft beizutragen.

Friedensvermittler

In den letzten Jahren wurden Ashafa und Wuye zudem immer mehr ins Ausland gerufen, nach Ghana und Somalia oder den Tschad oder Kenia im Nachklang des Nachwahlkonflikts 2007 / 2008 in Kenia. Gerade in westlichen Teilen des Landes, wo Viehdiebstahl und hohe Bewaffnung der viehhaltenden Ethnien in einer sehr trockenen Natur ein dauerndes Gefahrenpotential bedeuten, sind ihre Konflikterfahrungen in einem so Ashafa „innerchristlichen Konflikt“ von hoher Relevanz, bestehen ihre Inputs nicht nur aus Friedenstraining, sondern auch aus der Unterstützung des Wasser- und Bodenschutzes. Gleichzeitig hat es sie sehr beeindruckt, dass die Feinde der damals so blutigen Nachwahlzeit heute zusammen die Regierung bilden, sehen – wie in ihrem eigenen Beispiel – die Fähigkeit zur Vergebung als eine besondere afrikanische Qualität, die dem verrechtlichen Weg der vom Westen dominierten Staatengemeinschaft vorzuziehen sei.

Beide haben sich stark gegen westliche Modelle der Friedenserhaltung und der völkerrechtlichen Bestrafung von Konfliktbeteiligten ausgesprochen. Sie glauben viel mehr an eine afrikanische Lösung in Bezug auf Heilung von Wunden und Umgang mit Tätern, in der traditionellen Methoden plus christliche und muslimische Inputs zusammen wirksam werden sollen. So ist der Aufbau eines Forschungszentrums für afrikanische Wege der Friedenserhaltung eines der aktuellen Projekte ihres Friedensinstitutes.

Von Erhard Brunn

Mit Dank für die freundliche Abdruckgenehmigung an Erhard Brunn und den Missio-Blog „Bedängte Christen“ .

© Erhard Brunn