„Extrem besorgniserregend“

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  • Warschau - 22.11.2013

Ausbleibende Fortschritte, schlechte Stimmung: Umwelt-Referentin Anika Schroeder vom katholischen Entwicklungshilfswerk Misereor zieht im Interview in Warschau eine vorläufig negative Bilanz des Klimagipfels 2013.

Frage: Der Weltklimagipfel geht am Freitag zu Ende. Welche Bilanz ziehen Sie?

Schroeder: Vor dem Hintergrund, dass nur noch zwei Jahre Zeit sind, bis 2015 ein umfassender Klimaschutzvertrag beschlossen werden soll, ist es extrem besorgniserregend zu sehen, dass keine Fortschritte erzielt werden. Und dass einige der großen Klimaschaden-Verursacher – Australien und Japan – eine Klimakonferenz mit der Aussage beginnen, dass sie nicht mehr gewillt sind, etwas zu tun. Das hat sich natürlich auf den gesamten Verhandlungsverlauf ausgewirkt. Das Vertrauen zwischen Entwicklungs- und Industrieländern sinkt weiter; die Stimmung ist wirklich mehr als schlecht.

Frage: Schon beim Klimagipfel 2012 in Katar sprachen Sie von einem „düsteren Bild“. Wie düster ist es in Warschau?

Schroeder: Warschau war von Anfang an als Arbeitskonferenz gedacht, auf der weiter an einzelnen Verhandlungspaketen geschnürt wird, die 2015 in ein Gesamtpaket einfließen. Trotzdem stockt der Prozess. Und leider habe ich nach wie vor den Eindruck, dass die Verhandler sich hier in einer ganz anderen Welt bewegen und auf Zeit spielen, statt endlich auf die immer lauter werdenden Warnrufe aus den kleinen Inselstaaten zu hören, deren Existenz davon abhängt, ob hier ambitionierte Ergebnisse erzielt werden. Es sieht düster aus, ja. Aber wir haben ja noch viele Verhandlungsstunden vor uns.

Frage: Wenn die Arbeitskonferenz von vorne herein nicht viel bringen sollte, warum fand sie dann überhaupt statt?

Schroeder: Nach der misslungenen Einigung in Kopenhagen 2009 war klar, dass es einige Jahre dauern wird, die Verhandlungen neu aufzurollen – und dass erst 2015 ein neuer Klimaschutzvertrag unterzeichnet werden kann. Insofern ist Warschau kein unsinniger Gipfel, und diejenigen, die dies behaupten, haben noch keine zielführenden Alternativen präsentieren können. Jedes Jahr kommt man einen kleinen – leider viel zu winzig kleinen Schritt weiter. So ist das nun mal.

Klima-Expertin Anika Schroeder KNA

Frage: Zum Beispiel?

Schroeder: Ein konkretes Beispiel ist der Umgang mit Schäden und Verlusten durch den Klimawandel. Der sogenannte „Loss and Damage“-Mechanismus könnte hier beschlossen werden. Das würde die Möglichkeit eröffnen, zu überlegen, wie man die Betroffenen unterstützen kann – auch und gerade nach all den „unsichtbaren Katastrophen“, bei denen kaum internationale Hilfe anläuft, wie die heftigen Monsunregen in Indien. Oder wenn Inseln aufgrund des Meeresspiegels untergehen und gar ganze Staaten ihren Grund und Boden verlieren.

Frage: Der deutsche Umweltminister Peter Altmaier hat ja am Mittwoch schon konkrete Summen versprochen.

Schroeder: Aufgrund der andauernden Koalitionsverhandlungen will die Bundesregierung nichts Genaues zu Klimaschutzzusagen sagen. Und um überhaupt etwas liefern zu können, hat sie jetzt neue Gelder für den Klima- und Waldschutz zugesagt und 30 Millionen in den unterfinanzierten Anpassungsfonds gesteckt. Das ist ein gutes Signal – aber viel wichtiger wäre gewesen, die Bundesregierung hätte sich deutlich geäußert, wie viel Klimaschutz sie selbst leisten will. Zudem: Ob diese Gelder neue Gelder sind oder „alte“ längst eingeplante Mittel, müssen wir noch in Ruhe prüfen.

Frage: Welche Rolle spielen die Koalitionsverhandlungen für den Gipfel?

Schroeder: Sie werden hier definitiv wahrgenommen. Deutschland gilt in der Welt gewissermaßen als Beweis, dass Wohlstand und Klimaschutz miteinander vereinbar sind. Und die Koalitionsverhandlungen werden zeigen, wie ambitioniert Deutschland diesen Weg weitergehen will. In den Klimaschutz weiter zu investieren, kann auch für andere Staaten ein deutliches Signal sein. Insofern trägt die Bundesregierung eine große moralische Verantwortung.

Frage: Was bedeutet der bislang ergebnislose Klimagipfel für Misereor als Hilfswerk?

Schroeder: Was uns besonders auffällt: Es bleibt immer weniger Zeit für langfristige Entwicklungshilfe, weil nicht zuletzt durch den Klimawandel eine Katastrophe nach der nächsten hereinbricht. Viele Erfolge unserer Arbeit stehen dadurch auf dem Spiel. Unser großes Ziel, eines Tages überflüssig zu werden, rückt so in weite Ferne.

Frage: Ist die Welt überhaupt noch zu retten?

Schroeder: Ja, aber die Frage ist, für wie viele Menschen der Planet noch würdevolles Leben ermöglichen kann. Wer Macht und Geld hat, wird wohlmöglich nicht betroffen sein.

Von Julia Rathcke

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Weitere Informationen zum Engagement von Misereor im Bereich Klimaschutz finden Sie auf www.misereor.de .