Zeit der Namenlosen

  • Bonn - 21.11.2013

Der schwere rote Vorhang schließt sich gemächlich. Am Ende bleibt tiefe Betroffenheit und Scham – Scham darüber, dass sich solch menschenverachtende Szenarien in Deutschland, einem Rechtsstaat, abspielen können. In dem kleinen abgedunkelten Saal des Bonner Kinos herrscht betretenes Schweigen. Die Bilder des Films Zeit der Namenlosen von Marion Leonie Pfeifer haben sich tief in das Gedächtnis des vornehmlich weiblichen Publikums eingebrannt. Sie sind einer Einladung der Frauen- und Menschenrechtsorganisation Solwodi gefolgt, die mit der Vorführung der Dokumentation ein klares Ziel verfolgt: die Geschichten hinter den Schaufenstern deutscher Rotlichtmeilen und Bordelle aufdecken. Und das tut der Film – schonungslos.

Er erzählt beispielsweise von Alina aus Rumänien, die mit dem Versprechen nach Deutschland gelockt wurde, hier erwarte sie ein Job als Kellnerin in einer Kleinstadt in der Nähe von Hamburg. Schon nach einer Woche stellte sich jedoch heraus, dass der Barbesitzer ein Zuhälter ist. Zusammen mit seinen Komplizen schlug er Alina zusammen, sperrte sie ein und schickte Freier auf ihr Zimmer. Einen nach dem anderen. Sie durften mit der 26-Jährigen zehn Minuten machen, was sie wollten. Die einzige Regel: ein Kondom benutzen. „Der Besitzer wollte gesunde Ware. Es war einfach nur eine Qual“, so Alina.

„Verschleiß“ spielt keine Rolle

Der Film zeigt deutlich, dass für viele Zuhälter der „Verschleiß“ der Frauen – ihres „Humankapitals“ – keine Rolle spielt. In der 90-minütigen Dokumentation erklärt ein Sprecher, dass seit der EU-Osterweiterung der Nachschub an Frauen schier unerschöpflich sei, trotz großer Nachfrage. Ein großer Teil der Zwangsprostituierten arbeite drei Schichten durch – teilweise mit nur einer Stunde Schlaf Unterbrechung. Im 10-, 20- oder 30-Minuten-Takt klopfe ein neuer Freier an, den sie bedienen müssten.

Auf der Jahrestagung Weltkirche und Mission 2013: Solwodi-Gründerin Lea Ackermann weltkirche.katholisch.de

Mit großer Sorge verfolgen Polizei und Beratungsstellen für Frauen in Not den Trend zu so genannten „Flatrate“-Angeboten. Die Dokumentation aus dem Jahr 2012 berichtet von einem Dortmunder Club, der zur Neueröffnung mit dem Slogan warb „Opening Night: All you can fuck“. Ein anderes Beispiel liefert ein Bordell in der Nähe von Hannover, das mit dem Angebot „Eine Frau, ein Bier, ein Würstchen für nur 8,90 Euro“ versuchte, Kunden anzulocken – mit Erfolg: In kürzester Zeit warteten hundert Männer auf drei Frauen – und das alles ganz legal.

Von Freiwilligkeit keine Spur

Auch Solwodi-Gründerin Schwester Lea Ackermann kennt solche Angebote nur zu gut. Für sie steht fest: Mit einem ganz „normalen Beruf“, wie ihn das Prostitutionsgesetz von 2002 für das Geschäft mit Sex vorsieht, hat dies nichts zu tun. „Wenn gesagt wird, diese Frauen machen das freiwillig, dann steht für mich dahinter ein ganz großes Fragezeichen“, erklärt Schwester Lea.

Warum also nicht einfach solche Flatrate-Angebote verbieten? Das Problem dabei: Ohne eine Aussage der Opfer von Zwangsprostitution sind der Polizei die Hände gebunden. „Was wir uns als Polizei wünschen, wäre ein Straftatbestand, der nicht so sehr an der Aussage der Frauen festgemacht wird, sondern in dem objektive Ausbeutungskriterien beschrieben sind“, erklärt Heidemarie Rall, 1. Kriminalhauptkommissarin des Bundeskriminalamtes (BKA), in „Zeit der Namenlosen“. Zu diesen Kriterien zählten die Flatrate-Angebote. Hier sei unweigerlich ein Verstoß gegen die Menschenwürde festzustellen – auch unabhängig von der Aussage der Opfer.

„Diese Frauen sind hochtraumatisiert“

Menschenrechtlerin Inge Bell über die Mechanismen von Frauenhandel und Zwangsprostitution.

Lena Kretschmann

Überarbeitung des Prostitutionsgesetzes

Eine Neuregeleung des Prostitutionsgesetzes fordern nicht nur Vertreter der Polizei. Spätestens seit dem Appell gegen Prostitution , den die Zeitschrift „Emma“ in ihrer aktuellen Ausgabe formuliert hat, ist die Debatte um Sexarbeit neu entfacht. Unterstützt wird „Emma“-Chefin Alice Schwarzer dabei von prominenten Gesichtern, wie der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, Margot Käßmann, der Schauspielerin Senta Berger oder dem Moderator Ranga Yogeshwar.

Auch Schwester Lea gehört zu den Erstunterzeichnerinnen. Mit der Solwodi-Kampagne Mach den Schluss-STRICH sammelt die 76-jährige Ordensschwester bereits seit Mitte September Unterschriften für ein Verbot des Kaufs von Sex. Die Petition werde voraussichtlich noch bis Ende November laufen, so Schwester Lea. „Wir hoffen, dass dann die Koalitionsgespräche beendet sind und wir die Ergebnisse der neuen Regierung vorlegen können.“

Ob Union und SPD ein komplettes Verbot von Prostitution durchsetzen, bleibt fraglich. Dennoch zeichnet sich ab: Beide Seiten wollen das Gesetz von 2002 grundlegend überarbeiten. Alina aus Rumänien und vielen weiteren ausgebeuteten Frauen, von denen „Zeit der Namenlosen“ erzählt, dürfte dieser Sinneswandel wieder Hoffnung geben.

Von Lena Kretschmann

Zeit der Namenlosen

Eine Dokumentation zum Thema Zwangsprostitution und Armutsvermarktung in der EU

Buch / Regie: Marion Leonie Pfeifer Kamera: Robert Porsch
Produktion: Matre-Filmproduktion D 2012 / 90 min

Solwodi lädt in ganz Deutschland zu Filmvorführungen ein. Eine Liste aller Termine finden Sie auf der Webseite des Aktionsbündnis gegen Frauenhandel:

www.gegen-frauenhandel.de

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