„Industrieländer müssen Zusagen einhalten“

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  • Aachen - 19.11.2013

Noch bis Freitag tagt die Klimakonferenz in Warschau, während die Bilder von den Fluten auf den Philippinen um die Welt gehen. Der Geschäftsführer des katholischen Hilfswerks Misereor, Martin Bröckelmann-Simon, fordert vor dem Hintergrund des schon spürbaren Klimawandels stärkere Anstrengungen der Industrie, der Politik und der einzelnen Konsumenten. Bröckelmann-Simon war gerade in Papua-Neuguinea und berichtet im Interview auch davon, wie stark die Menschen dort schon unter den Folgen des Klimawandels leiden.

Frage: Herr Bröckelmann-Simon, in Warschau tagt noch die Klimakonferenz, auf den Philippinen hat der Taifun unvorstellbares Leid gebracht. Sie kommen gerade aus Papua-Neuguinea zurück. Wie macht sich dort der Klimawandel bemerkbar?

Bröckelmann-Simon: Papua-Neuguinea gehört laut Weltrisikoindex zu den am stärksten gefährdeten Ländern überhaupt, wobei dieser Index auch berücksichtigt, dass die meisten Bewohner aufgrund extremer Armut kaum eine Chance haben, sich aus eigener Kraft an Veränderungen anzupassen. Das gilt vor allem für die Inseln und kleinen Atolle. Der Meeresspiegel in der Südsee steigt kontinuierlich, und die Menschen an den Küsten und auf den kleineren Inseln sind besonders bedroht, weil Böden versalzen und die Lebensgrundlagen zerstört werden. Dazu kommen immer wieder Riesenwellen, die alles überfluten. Viele Inseln werden schlicht untergehen.

Frage: Was bedeutet das konkret für das Leben der Menschen?

Bröckelmann-Simon: Immer mehr müssen fliehen. Ich habe gerade mit Menschen gesprochen, die zu den ersten Klimaflüchtlingen der Welt gehören. Sie mussten wegen des steigenden Meeresspiegels bereits ihr Atoll verlassen. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird der Meeresspiegel dort um etwa eineinhalb Meter steigen, einige Inseln werden schon in den nächsten fünf bis zehn Jahren verschwunden sein. Auf den Carteret-Inseln zum Beispiel leben noch ungefähr 200 Familien, insgesamt etwa 2.500 Menschen. Die ersten sind jetzt geflohen und versuchen, sich auf der großen Nachbarinsel Bougainville eine neue Existenz aufzubauen – auch mit Unterstützung der Kirche.

Frage: Wie hilft die Kirche?

Die Fischerei ermöglicht zumindest ein wenig Einkommen. Missio/Fritz Stark

Bröckelmann-Simon: Das Bistum stellt den Familien vor allem Land zur Verfügung: meistens ein Hektar, auf dem sie dann wohnen und Gartenbau erlernen. Ich habe in einer Pfarrei acht Familien getroffen, die diesen Schritt gewagt haben, viele andere zögern aber noch. Der Boden ist fruchtbar, und alles wächst sehr gut. Aber die Familien müssen ihr Leben komplett umstellen, denn bisher haben sie vor allem vom Fischfang gelebt. Und bei der Hilfe ist noch etwas wichtig: Die Kirche tut sehr viel dafür, Konflikte zwischen den neu hinzugekommen Familien und den Ortsansässigen zu vermeiden. Papua-Neuguinea hat eine komplexe Clanstruktur, da muss man sehr viele Gespräche führen. Auf Bougainville etwa hat es noch vor knapp 20 Jahren einen gewalttätigen Bürgerkrieg gegeben, der bis heute tiefe Wunden hinterlassen hat. Die Kirche muss also neben der materiellen Hilfe auch viel Friedens- und Versöhnungsarbeit leisten.

Frage: Wie hilft Misereor dabei?

Bröckelmann-Simon: Wir unterstützen das Bistum bei diesen Aufgaben. Denn wenn irgendwann alle 200 Familien umziehen müssen, kann die Kirche vor Ort das niemals alleine schaffen. Auch der Staat nicht. Solche Investitionen können diese armen Länder allein nicht leisten. Wenn es auf den Philippinen mehr Tornadoschutzbauten gegeben hätte und festere Häuser, dann wären nicht so viele Tote zu beklagen gewesen. Hier sind immer die Armen besonders gefährdet. Aber das alles kostet viel Geld, und wenn wir dabei nicht auch helfen, sind es nur Krokodilstränen, die wir über die Opfer vergießen, ohne etwas für künftig besseren Schutz zu tun.

Frage: Damit sind wir bei der Klimakonferenz in Warschau?

Bröckelmann-Simon: … bei der es ja auch um die Aufstockung des Fonds für Klimafinanzierungen geht. Bis 2015 werden 60 Milliarden US-Dollar benötigt und bis 2020 100 Milliarden US-Dollar, um schon bestehende Schäden und Verluste zu kompensieren und um die Anpassung in den besonders armen Ländern zu unterstützen.

Frage: Was fordern Sie in diesem Zusammenhang?

Bröckelmann-Simon: Die Industrieländer müssen ihre Zusagen einhalten! Und auch entschiedenere Maßnahmen ergreifen, um den Klimawandel abzubremsen und ihre CO2-Emissionen zu mindern. Deutschland etwa hat ja 40 Prozent weniger Emissionen bis 2020 versprochen, aber dieses Versprechen muss auch eingehalten werden. Und Deutschland muss sich auch dafür einsetzen, dass das Ziel von mindestens 30 Prozent Reduktion innerhalb der EU eingehalten wird. Hier muss vieles gleichzeitig passieren: konkrete Hilfe für die Opfer jetzt – nicht nur auf den Philippinen – und zugleich langfristig die Weichen stellen, um weitere Schäden zu begrenzen.

Menschen ohne Obdach schöpfen Wasser aus einem Brunnen einer zerstörten Siedlung nahe Tacloban, fünf Tage, nachdem der Taifun Haiyan Bereiche von philippinischen Inseln zerstört hat. KNA

CO2-Emissionen bleiben bis zu 100 Jahre in der Atmosphäre, und alles, was wir jetzt erleben, ist insbesondere von den Industrienationen in den vergangenen 50 bis 60 Jahren verursacht worden.

Frage: Stichwort Philippinen: Wie läuft die Hilfe von Misereor dort?

Bröckelmann-Simon: Zum Glück haben wir dort ein Netzwerk mit 150 Partnerorganisationen, mit denen wir zum Teil schon seit 1959 zusammenarbeiten. Mit ihnen zusammen leisten wir jetzt erst einmal solidarische Nothilfe, auch in Absprache mit der Caritas – und dann werden wir den Wiederaufbau unterstützen. Das gehört zum Auftrag Misereors als Entwicklungshilfswerk. Das wird sicher in der nächsten Zeit unsere Arbeit bestimmen.

Frage: Sie haben die Politik angesprochen, aber kann aus Ihrer Sicht auch jeder Einzelne etwas tun gegen den Klimawandel?

Bröckelmann-Simon: Sicher darf man da nicht nur auf die große Politik schauen. Jeder muss sich in seinem Alltag die Frage stellen, wie er CO2-Emissionen vermeiden kann. Wir müssen unseren Konsum überdenken, denn ohne eine Veränderung unseres Lebenswandels wird es nicht gehen. Wir müssen uns permanent die Frage stellen: „Wie wollen und wie werden wir leben?“. Aber zugleich darf auch die Politik nicht aus der Verantwortung entlassen werden: darauf müssen wir auch immer wieder drängen!

Von Sabine Just

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Weitere Informationen zum Klimwandel finden Sie auf der Webseite von Misereor .