Zweite links

  • © Bild: KNA
  • Chile - 15.11.2013

Es waren Bilder für die Geschichtsbücher, als das chilenische Militär im Januar 2002 vor Veronica Michelle Bachelet salutierte: eine Frau als Verteidigungsministerin - eine Sozialistin noch dazu, ein Folteropfer der Pinochet-Diktatur. 2006 wurde Bachelet gar als erste Frau Staatsoberhaupt und Regierungschefin ihres Landes. Gegen Ende ihrer ersten Amtszeit hatte sie Ende 2009 traumhafte Zustimmungswerte von rund 80 Prozent.

Da aber eine Wiederwahl qua Verfassung nicht möglich war, entschieden sich die Chilenen für den konservativen Kandidaten, den milliardenschweren Unternehmer Sebastian Pinera - und brachten damit erstmals seit dem Ende der Pinochet-Ära 1990 wieder „die Rechten“ ans Ruder. Nun, begünstigt auch durch die Folgen der schweren Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe vom Februar 2010, herrscht erneut Wechselstimmung. Eine zweite Amtszeit für die 62-jährige Michelle Bachelet ist die wahrscheinlichste Option für den Ausgang der Präsidentschaftswahlen. Ob es am Sonntag schon im ersten Wahlgang reichen wird, ist allerdings fraglich.

Schon als Studentin war die im September 1951 geborene Tochter von General Alberto Bachelet politisch aktiv. Ihr Vater, der loyal zum sozialistischen Präsident Salvador Allende stand, wurde nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 inhaftiert und starb an den Folgen von Folter im Gefängnis. Während ihres Medizinstudiums wurde Michelle Mitglied der Sozialistischen Partei und demonstrierte auf den Straßen Santiagos. Sie versteckte untergetauchte Regimegegner und arbeitete selbst im Untergrund. Im Januar 1975 wurden sie und ihre Mutter verhaftet, gefoltert und nach zwei Wochen ins Exil abgeschoben.

Wahlversprechen mit fraglicher Praxistauglichkeit

Bachelet ging in die DDR, wo damals viele chilenische Sozialisten Aufnahme fanden, und studierte an der Berliner Humboldt-Universität. „Wir wurden als Gäste in der DDR empfangen. Das Land war extrem solidarisch mit uns“, erinnerte sie sich - und dankte später Margot Honecker, die ihrerseits nach 1989/90 Aufnahme in Chile fand. Bachelet selbst kehrte 1979 nach Chile zurück und beendete 1983 ihr Medizinstudium. Sie übernahm verschiedene Posten in der öffentlichen Verwaltung und wurde 2000 unter Präsident Ricardo Lagos zunächst Gesundheits-, später Verteidigungsministerin.

Als Präsidentin zog Bachelet in der durch und durch marktliberalen Volkswirtschaft Chiles zumindest einige gesetzliche Grundlinien gesellschaftlicher Solidarität ein, ohne jedoch grundlegend am neoliberalen Comment des Landes zu rühren. Im jetzigen Wahlkampf machte sie sich die populären Forderungen nach mehr Arbeitsschutz, Zwangseinrichtung von Gewerkschaften und kostenloser Hochschulbildung für alle zu eigen - Wahlversprechen, deren Bestand in der Praxis zumindest fraglich ist.

Weitere Gründe für Bachelets Popularität sind ihr Sinn für einfache, aber wirksame Gesten sowie ihre menschliche Bodenhaftung: die Fähigkeit, auch mal Wissenslücken einzugestehen und mit biografischen Brüchen offensiv umzugehen. Die Mutter, die ihre drei Kinder allein erzogen hat, wird selten als arrogant und meist als authentisch wahrgenommen. Seit September 2010 arbeitete sie als Direktorin der UN-Frauenorganisation UN Women - im Rang einer UNO-Untergeneralsekretärin.

Konsens mit der Kirche

Der katholischen Kirche Chiles ist jedenfalls vor der Atheistin Bachelet nicht bange. Man kenne sich seit langem, sagte Hauptstadt-Erzbischof Ricardo Ezzati der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Santiago. Bachelet habe ihn bereits eingeladen, Mitglied in einem neu zu schaffenden Bildungsrat zu werden. Zudem schätze er die Haltung der früheren Kinderärztin gegen Abtreibung sowie ihre menschlichen Qualitäten. Auch aktive Sterbehilfe lehnt Bachelet ab. Sie sei „Ärztin geworden, um Leben zu retten“, betont sie im politischen Diskurs.

Gleichwohl steht die Linkspolitikerin Bachelet nicht nur für sich selbst; sie ist Kandidatin des Mitte-Links-Parteienbündnisses „Nueva Meyoria“. Von ihrem Regierungsprogramm stehe noch vieles in den Sternen, räumt Erzbischof Ezzati ein. Es sei zu befürchten, dass der Säkularismus im Land weiter Raum greifen werde.

Von Alexander Brüggemann (KNA)

© KNA