„Schande der Zivilisation“

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  • Vatikanstadt - 05.11.2013

Feminismus und katholische Kirche waren bekanntlich lange keine allzu engen Nachbarn. Im Kampf gegen sexuelle Ausbeutung jedoch sind sie seit einiger Zeit natürliche Verbündete. Nun bekam „Emma“-Gründerin Alice Schwarzer für ihre Kampagne gegen das deutsche Prostitutionsgesetz indirekt Unterstützung aus dem Vatikan.

Am Wochenende beriet in Rom erstmals eine Konferenz der beiden Päpstlichen Akademien der Wissenschaften und der Sozialwissenschaften über die Bekämpfung von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Durch die gesetzliche Anerkennung der Prostitution als Arbeit fördere Deutschland den Menschenhandel, so der Vorwurf von Akademiepräsident Bischof Marcelo Sanchez Sorondo am Rande der Veranstaltung. Die Bundesrepublik schaffe einen Markt für sexuelle Ausbeutung.

Kampagnen gegen Prostitutionsgesetz

Schon Papst Benedikt XVI. hatte 2011 gegenüber dem neuen deutschen Botschafter am Heiligen Stuhl, Reinhard Schweppe, den Umgang der deutschen Politik mit dem Thema Prostitution beklagt und sie als schweres Vergehen gegen die Menschlichkeit bezeichnet.

Schwester Lea Ackermann bekommt am 7. Oktober 2008 den Romano Guardini Preis der katholischen Akademie Bayern. Damit wird ihr Einsatz für verfolgte, bedrohte und misshandelte Frauen gewürdigt. Mit ihrem Verein Solwodi geht Schwester Lea seit Jahren gegen Menschenhandel vor und unterstützt in Not geratene Frauen. KNA

90 Prominente haben sich der „Emma“-Kampagne gegen das Gesetz angeschlossen, darunter auch der Katholische Deutsche Frauenbund. Zu den Erstunterzeichnerinnen zählt auch Lea Ackermann, katholische Ordensschwester und Gründerin der Frauenrechtsorganisation „Solwodi“. Diese hat unlängst ebenfalls eine Petition gegen Prostitution gestartet. Unter dem Motto Mach den Schluss-STRICH fordert Solwodi die Bundesregierung auf, den Kauf sexueller Dienstleistungen zu verbieten.

In den Fängen der Menschenhändler

Ein sauberer Job, eine eigene Wohnung und genug Einkommen, um der Familie zu Hause regelmäßig Geld zu überweisen – so lauten Versprechungen der Menschenhändler. Tatsächlich führt der Weg Frauen und Mädchen aus Osteuropa oder der Karibik, vom Balkan oder aus Schwarzafrika in deutsche Bordelle und Hinterzimmer. Die eingesperrten Opfer haben kaum eine Wahl. Wer nicht anschaffen will, riskiert sein Leben. Für die Lieferanten der Ware Mensch und die Zuhälter ist Sex-Sklaverei ein Milliardenmarkt.

Wie viele der schätzungsweise 400.000 Prostituierten in Deutschland ausgebeutet werden, lässt sich kaum beziffern. Der Fahndungsdruck wächst erst seit einigen Jahren. Und viel spricht aus Sicht der Kritiker dafür, dass das rot-grüne Prostitutionsgesetz aus dem Jahr 2002, dessen Änderung derzeit in den Koalitionsverhandlungen angestrebt wird, die sexuelle Ausbeutung unfreiwillig begünstigt.

Kurien-Bischof Marcelo Sánchez Sorondo Gcmarino / Creative Commons

Sorondo: Es fehlt an Problembewusstsein

Allerdings mahnte Akademiepräsident Sorondo zum Abschluss der Konferenz auch ein größeres Engagement der katholischen Kirche im Kampf gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel insgesamt an. Es fehle an Problembewusstsein für einen der dramatischsten Auswüchse der Globalisierung, so der Bischof im Vatikan.

Weltweit 30 Millionen Menschen sind derzeit laut Global Slavery Index 2013 Opfer des „Human Trafficking“. Allein zwei Millionen Opfer werden nach UN-Angaben jährlich in die Zwangsprostitution gezwungen.

Dagegen hätten die Teilnehmer der vatikanischen Konferenz mehrere Dutzend Vorschläge zum effektiveren Kampf erarbeitet, so Sorondo.

Übel an der Wurzel packen

Die Teilnehmer der Konferenz forderten vor allem eine Veränderung der Lebensumstände, die den Nährboden des Menschenhandels bilden. Er gedeihe vor allem dort, wo Armut herrscht, unterstrich der argentinische Soziologe und Konferenzteilnehmer Juan Jose Llach. Schwache und korrupte Staaten mit einer verelendeten und perspektivlosen Bevölkerung machten der Menschenhändler-Mafia das Geschäft leicht. Auch zerrüttete Familienverhältnisse und Drogensucht begünstigten das Milliardengeschäft mit den überwiegend jungen Opfern, die mit falschen Versprechungen in ausbeuterische Arbeitsverhältnisse gelockt würden.

Künftig will der Vatikan weitere Veranstaltungen zum Thema organisieren. Für 2015 ist eine Großkonferenz gegen den Menschenhandel vorgesehen. Der Papst, der aus seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires mit dem Problem eng vertraut sei, plane ein aufsehenerregendes Signal, kündigte Sorondo an. Mehrfach hat Franziskus bereits die modernen Formen der Sklaverei angeprangert, als eine „Schande für unsere Gesellschaften, die sich als zivilisiert bezeichnen“. Was genau der Papst 2015 unternehmen will, sagte Sorondo nicht. In Deutschland dürfte die Gesetzgebung zur Prostitution zu diesem Zeitpunkt dann schon nicht mehr dieselbe sein.

Von Christoph Schmidt

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Mitmachen

Wenn auch Sie die Kampagne „Mach den Schluss-STRICH!“ unterstützen wollen, dann gibt es zwei Wege: Laden Sie hier den Aktions-Flyer mit Unterschriftenliste herunter, sammeln Sie Unterschriften und schicken Sie diese an

Solwodi Deutschland e. V.
Propsteistr. 2
56154 Boppard-Hirzenach

Tel: 06724 / 2232
Fax: 06724 / 2310

www.solwodi.de

Oder unterzeichnen Sie direkt online unter:

www.change.org

Menschenhandel wirksam bekämpfen

Auf der Jahrestagung Weltkirche und Mission 2013 in Würzburg formulierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen eindringlichen Appell, Menschenhandel und Sklaverei in ihren modernen Formen wirksam entgegenzutreten.

Alle Informationen rund um die Jahrestagung sowie die Abschlusserklärung finden Sie in unserem Dossier:

Jahrestagung Weltkirche und Mission 2013