Den Hunger bekämpfen

  • Aachen/Abidjan/Bamberg - 16.10.2013

Im Zeitraum von 2010 bis 2012 hungerten weltweit 870 Millionen Menschen , jeder achte Mensch. Die meisten von ihnen leben in Entwicklungsländern. Anlässlich des heutigen Welternährungstages zeigen sich Misereor , das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ und der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick besorgt. Sie fordern eine Verbesserung der weltweiten Nahrungsmittelversorgung.

Misereor und die afrikanische Nichtregierungsorganisation „Inades“ riefen die künftige Bundesregierung zu einem Kurswechsel in ihrer ländlichen Entwicklungspolitik auf. Statt auf symbolische Partnerschaften mit dem Agrarbusiness zu setzen, solle die neue Bundesregierung mindestens 10 Prozent ihrer Entwicklungsgelder in bäuerliche Landwirtschaft investieren, erklärte Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel am Montag in Aachen. Derzeit komme nur ein geringer Teil der ländlichen Entwicklungsförderung Kleinbauern unmittelbar zugute.

Francis Ngang, Hauptgeschäftsführer von „Inades“, betonte: „Forschung und Politik sind sich in der Theorie einig. Die Basis für eine gesicherte Versorgung mit Lebensmitteln in allen Regionen der Welt sind bäuerliche Familienbetriebe. Kleinbauern wurde das Wirtschaften in den vergangenen 30 Jahren aber massiv erschwert. Ihre Märkte wurden durch Handelsliberalisierungen mit Produkten aus dem Ausland überschwemmt, Forschung und Beratung wurden privatisiert und der Zugang zu Lagerhaltung und fairen Krediten erschwert.“

Misereor und Erzbischof Schick appellieren an die Regierung

Pirmin Spiegel erläuterte: „Die scheidende Bundesregierung hatte in ihrem Konzept zur ländlichen Entwicklung das Primat der Förderung kleinbäuerlicher Landwirtschaft angedacht.

Erzbischof Dr. Ludwig Schick in Afrika. KNA

Die neue Regierung muss dieses Denken weiterentwickeln und neue Impulse setzen, indem sie 10 Prozent der Entwicklungsgelder gezielt in bäuerliche Betriebe und lokale Marktstrukturen investiert. Gerade gegenüber den afrikanischen Regierungen wäre dies ein starkes Zeichen.“ Vor zehn Jahren hat sich die afrikanische Staatengemeinschaft verpflichtet, 10 Prozent ihrer Staatshaushalte in die Landwirtschaft zu investieren. Von 40 beteiligten Staaten sind dem bislang nur 8 Regierungen nachgekommen.

Auch der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick wendet sich anlässlich des Welternährungstages an die Politik. „Die neue Regierung muss den Kampf gegen Hunger endlich ernstnehmen. Soziale Gerechtigkeit darf kein leeres Versprechen bleiben“, betonte der Vorsitzende der Bischöflichen Kommission Weltkirche am Dienstag in Bamberg. Mit Blick auf den Tod Hunderter Bootsflüchtlinge vor der italienischen Insel Lampedusa mahnte er an, dass sich solche Katastrophen wiederholten, „so lange es nicht genug zu essen gibt für alle Menschen“.

Die Bekämpfung von extremer Armut und Hunger ist Millenniumsziel

Auf der Agenda der Millenniumsentwicklungsziele steht die Beseitigung von extremer Armut und Hunger an oberster Stelle. Ein Teilziel dabei benennt konkret, dass der Anteil der Menschen, die unter Hunger leiden, um die Hälfte gesenkt werden soll. Doch: Ist dieses Vorhaben realisierbar? Die Zahl der unterernährten Menschen weltweit sei in den letzten 21 Jahren zurückgegangen, so dass das Teilziel der Hungerbekämpfung global fast erreicht werden könne, erläuterte Annette Funke, Fachreferentin für Ernährung im Kindermissionswerk „Die Sternsinger“.

Warten auf die Krankenschwester in einer Gesundheitsstation in Kilimahewa/Tansania. Steffen/Kindermissionswerk

Kinder leiden besonders unter den Folgen des Hungers

Die Expertin gab allerdings auch zu bedenken: „Weltweit hungern aber weiterhin 870 Millionen Menschen.“ Funke wies darauf hin, dass Kinder ganz besonders unter den Folgen von Mangel- und Unterernährung litten. Diese habe langfristige Konsequenzen für die Entwicklung eines Kindes, zum Beispiel die Beeinträchtigung kognitiver Fähigkeiten und schulischer Leistungen, so Funke. Das fange schon im Mutterleib an. Die Fachreferentin erklärte: „Ist die Mutter schlecht versorgt, kann sich das Kind im Mutterleib nicht normal entwickeln und wird oftmals lebenslange Schäden davontragen. Mangel- und Unterernährung in den ersten zwei Lebensjahren schwächen das Immunsystem, führen zu einem schwereren Krankheitsverlauf und können so lebensbedrohlich sein“.

Häufig gehen dabei chronischer Hunger und extreme Armut Hand in Hand: „Armut geht meist mit einem quantitativen und qualitativen Mangel an Nahrung einher, dieser beeinträchtigt die individuelle Entwicklung und verstärkt wiederum Armut und Hunger. Ein Teufelskreis“, beklagte Funke.

Einfach mehr Nahrungsmittel zu produzieren sei allerdings kein Weg aus diesem Teufelskreis, gab Francis Ngang von „Inades“ zu bedenken. Obwohl die Zahl der hungernden Menschen weltweit zurückgegangen sei, litten immer noch zwei Milliarden Menschen täglich unter Vitamin- und Mineralstoffmangel. „Wir brauchen vielfältige, gesunde Ernährungssysteme vor Ort, um das zu ändern“, ergänzte Ngang. „Das kommende Jahr haben die Vereinten Nationen aus gutem Grund zum ‚ Internationalen Jahr der Familiären Landwirtschaft ‘ ausgerufen. Die deutsche Regierung kann sich mit einer ambitionierten Agenda an die Spitze der Bewegung stellen“, so Ngang. (lek mit Misereor/Erzbistum Bamberg/Kindermissionswerk)

© weltkirche.katholisch.de

Studie

Die von der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebene Studie "Den Hunger bekämpfen" beleuchtet die aktuelle globale Ernährungssituation sowie die historischen und ökologischen Bedingungen der Nahrungsmittelproduktion auf der Erde:

In Zahlen

  • 165 Millionen Kinder unter fünf Jahren (26 Prozent) sind aufgrund chronischer Unterernährung zu klein für ihr Alter.
  • 52 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind aufgrund akuter Unterernährung zu leicht für ihre Größe.
  • 43 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind übergewichtig (davon zwei Drittel in Ländern mit niedrigem oder mittleren Durchschnittseinkommen).
  • 870 Millionen Menschen (12,5 Prozent) sind chronisch unterernährt.
  • Zwei Milliarden Menschen sind mangelernährt (Eisen, Jod, Zink, Vitamin A).
  • Ein Drittel aller Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren ist auf Mangel- oder Unterernährung zurückzuführen. Sie sind dadurch wesentlich krankheitsanfälliger (Lungenentzündung, Durchfall, Malaria, Masern) und die Krankheiten verlaufen schwerer.
  • Bei schwer mangelernährten Kindern ist die Wahrscheinlichkeit zu sterben neunmal höher als bei wohlgenährten Kindern.

Quellen:

UNICEF, Key facts and figures on nutrition, 2013
FAO: The State of Food Insecurity in the World 2012

www.sternsinger.org