Das Flüchtlingskloster

  • Sankt Augustin - 15.10.2013

Anlässlich der eklatanten Flüchtlingssituation in Europa ruft Papst Franziskus dazu auf, Klöster für Flüchtlinge zu öffnen – eine Forderung, mit der er bei den Steyler Missionaren offene Türen einrennt. Bereits seit 1992 stellt der Orden in St. Gabriel bei Wien Flüchtlingen einen ganzen Flügel ihres Klosters zur Verfügung. Daneben betreuen Steyler Pater Flüchtlinge in der Wiener Abschiebehaft.

Seit zwei Jahrzehnten leben sie in ihrem Kloster bei Wien Tür an Tür: Über 3.000 Flüchtlinge aus rund 30 Ländern dieser Welt haben bisher in St. Gabriel eine vorübergehende Bleibe gefunden. Einen ganzen Gebäudeflügel haben die Steyler Missionare zu einem Flüchtlingsheim umfunktioniert. Sie leben, arbeiten und beten unter einem Dach – die Religion oder Herkunft der Flüchtlinge spielen dabei keine Rolle.

Pater Paul Budi Kleden, Generalratsmitglied der Steyler Missionare. Steyler Missionare

„Am Anfang war das besonders für die älteren Mitbrüder nicht leicht. Zum Teil lebten sie 40 Jahre unter sich in diesem großen Haus und plötzlich rennen hier spielende Kinder durch die Gänge“, erinnert sich Pater Paul Budi Kleden, Mitglied des Generalrates in Rom. Er selbst war einer der jungen Fratres, auf deren Initiative das Flüchtlingsheim damals eingerichtet wurde. „Wir haben das Leid der Flüchtlinge gesehen und wollten unbedingt helfen. Also haben wir unsere eigenen Zimmer geräumt und sind in einen anderen Klostertrakt gezogen.“

Fachleute in den eigenen Reihen

Heute erweist sich gerade die Unterbringung im Kloster des internationalen Männerordens als echter Segen für die Flüchtlinge. „Unsere Missionare kommen aus der ganzen Welt, viele aus Ländern, aus denen auch Menschen nach Europa flüchten“, erklärt Pater Josef Denkmayr, Provinzial des Ordens in Österreich. „Sie sprechen ihre Sprache, kennen ihre Kultur, wissen wie sich die Flüchtlinge in einem fremden Land fühlen. So haben wir die Fachleute in unseren eigenen Reihen und können wohl am besten die Menschen in ihrer Situation verstehen und unterstützen.“

Einem jungen Pater reichte das aber nicht. Pater Patrick Kofi Kodom kam selbst 2001 aus Ghana nach Österreich. Er spürte schnell, wie schwer das Leben in der fremden Kultur ist, auch ohne sich über seinen Aufenthaltstitel sorgen zu müssen. „Ich war oft davor aufzugeben. Ich wusste aber immer, dass meine eigenen Erfahrungen kostbar für die Flüchtlinge sind. Um sie zu unterstützen bin ich geblieben.“

Pater Patrick Kofi Kodom im Gespräch mit einem abgelehnten Asylbewerber. Steyler Missionare

Bangen vor der Abschiebung

Pater Kofi wurde erster Seelsorger in den Abschiebegefängnissen in Wien. Hier landen oft auch die Flüchtlinge aus St. Gabriel, wenn ihr Asylantrag abgelehnt wurde. In der sogenannten Schubhaft warten sie dann auf ihre Abschiebung und die ungewisse Zukunft. „Die Ohnmacht ist mein größtes Problem. Ich kann bei den Menschen sein, aber ihnen nicht wirklich helfen“, so Pater Kofi. „Die Rückkehrer erwarten große Probleme in ihrer Heimat, sie sind Versager. Oft haben die Familien ihr einziges Stück Land verkauft und ihre ganze Hoffnung in die Hand eines Einzelnen gelegt, der mit Schleppern nach Europa gebracht wird. Vor der Abschiebung versuche ich ihnen zu vermitteln, egal was die Zukunft bringt, sie haben immer Gott an ihrer Seite – das gibt vielen Trost.“

„Die Ohnmacht ist mein größtes Problem. Ich kann bei den Menschen sein, aber ihnen nicht wirklich helfen.“

— Pater Patrick Kofi Kodom

Menschenhandel entgegenwirken

Um Abschiebung bereits im Kern zu verhindern, engagieren sich die Steyler Missionare auch in Ländern, in denen der Menschenhandel seinen Ausgangspunkt findet: „Die Armut und die fehlende Bildung machen die Menschen häufig zu leichten Opfern der Schlepper“, so Generalratsmitglied Pater Kleden. „Wir bauen Schulen, geben jungen Menschen eine Aufgabe. Wer weiß, was er kann, kann der Armut entfliehen.“ Zudem setzen die Missionare auf Aufklärung: Viele Steyler Schwestern und Brüder fahren von Dorf zu Dorf, um die Bewohner über Schlepperbanden aufzuklären und zu sensibilisieren, arbeiten mit der Presse vor Ort zusammen, protestieren in Häfen gegen den Schmuggel. So manifestiert sich die Problematik Schritt für Schritt im Bewusstsein der Menschen.

Das „Flüchtlingskloster“ wird auch weiterhin feste Anlaufstelle für Menschen aus aller Welt sein: „Solange Menschen aus ihren Heimatländern fliehen müssen, solange werden wir da sein und uns für ein menschenwürdiges Leben einsetzen – das ist unsere Aufgabe als Steyler Missionare überall auf der Welt“, so Kleden.

© Steyler Missionare