„Von den Kirchen des Südens lernen“

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  • München - 14.10.2013

Das internationale katholische Missionswerk Missio in München wird 175 Jahre alt. Im Interview spricht Missio-Präsident Pater Eric Englert über den Auftrag seines Hilfswerks und darüber, wie ein zeitgemäßes Verständnis von Mission aussieht.

Frage: Pater Eric, wen missionieren Sie denn so?

Englert: Das fängt bei der eigenen Person an: Denn missionieren kann nur der, der selbst missioniert ist, sich also auf den Boden der Frohbotschaft Jesu Christi gestellt hat.

Frage: Mit einer „Mission“ schmückt sich heute jedes Unternehmen, das etwas auf sich hält. Wie fassen Sie den Auftrag Ihres Hilfswerks knapp zusammen?

Englert: Missio ist das päpstliche Missionswerk in Deutschland und hat den Auftrag, die Ortskirchen in Afrika, Asien und Ozeanien zu unterstützen. In unserem Land sorgen wir dafür, dass das Bewusstsein lebendig bleibt: Kirche ist eine weltweite Gebets-, Lern- und Solidargemeinschaft.

Frage: Standen Sie schon einmal vor einer „mission impossible“?

Englert: Misserfolge gibt es auch in unserer Arbeit. Kirche besteht auch nur aus Menschen. Und Menschen machen nun mal Fehler. So mussten wir uns in einigen Fällen entscheiden, mit einigen Projektpartnern nicht mehr zusammenzuarbeiten.

Frage: Und wann konnten Sie zuletzt vermelden: „mission accomplished“?

Aktionsplakat zum Sonntag der Weltmission 2013 Missio

Englert: Wir haben in diesem Jahr mehrere Hilferufe eines syrischen Bischofs erhalten, wo wir helfen konnten. Aktuell bittet uns ein ägyptischer Bischof um Unterstützung, in dessen Diözese ein ganzes Dorf abgebrannt ist. Auch da können wir etwas tun. Wenn ich sehe, was etwa in Ostafrika in den letzten 50 Jahren entstanden ist an neuen Pfarreien und Bistümern mit vielen neuen Katholiken, dann muss ich sagen: Mission gelungen. In Deutschland haben wir unter dem Namen missio for life ein neues transmediales Ausstellungsprojekt auf den Weg gebracht, wo wir sehr sperrige Themen für Jugendliche erlebbar machen, von Armutsprostitution bis Zwangsheirat. Am iPad können sich Schüler spielerisch ernsten Aufgaben stellen und zum Beispiel in Indien den Brautpreis für eine Hochzeit auftreiben.

Frage: Papst Franziskus plädiert für eine arme Kirche. Inwiefern muss die reiche deutsche Kirche ihren Umgang mit Geld überdenken?

Englert: Es wäre zu kurz gegriffen zu meinen, wir müssten jetzt eine total arme Kirche werden wie in Lateinamerika. Aber man muss sich schon anschauen, ob bei uns die richtigen Prioritäten gesetzt werden. Bei der Würzburger Synode haben sich die westdeutschen Bistümer 1975 darauf verständigt, einen großen Teil der Kirchensteuern für Solidarprojekte in ärmeren Ländern auszugeben. In den letzten Jahren haben wir auf diesem Gebiet durch Sparmaßnahmen eher einen Schrumpfungsprozess erlebt.

Frage: Was kann die alte Kirche in Europa von den jungen Kirchen des Südens lernen?

Englert: In Deutschland reagiert die Kirche heute auf rückläufige Tendenzen vorrangig mit einer Strategie der Fusion, der Bildung größerer Räume. Man kann von den Ländern des Südens lernen, wie Kirche vor Ort trotz beschränkter materieller Mittel lebendig und nahe bei den Menschen ist, und zwar nicht vorrangig durch Priester oder andere bezahlte Hauptamtliche, sondern überwiegend durch ehrenamtliche Katechisten.

Frage: Warum gibt es eigentlich in Deutschland zwei Hilfswerke mit demselben Namen?

Englert: Erst 1972 haben sich die beiden Häuser in Aachen und München entschieden, unter dem gemeinsamen Namen Missio aufzutreten. Dass es zwei Häuser gibt, hat historische Gründe. Als sie entstanden, gab es noch keinen deutschen Nationalstaat. Im Königreich Bayern bildete sich der Ludwig-Missionsverein, in Aachen entstand der Franziskus-Xaverius-Verein. Beide haben ihre eigene Kultur und Identität entwickelt. Der Katholizismus in Bayern ist ein anderer als in Köln oder Hannover. So hat bis heute auch die Freisinger Bischofskonferenz ihre Eigenheiten und im Parteienspektrum denkt auch niemand daran, CDU und CSU zu fusionieren. Uns geht es ähnlich.

Von Christoph Renzikowski

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