„Zum Himmel schreiendes Unrecht“

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  • Köln/Osnabrück - 09.10.2013

Ende September hatte die britische Tageszeitung „The Guardian“ erstmals über Missstände auf den Baustellen der WM-Sportstätten in Katar berichtet. Überwiegend aus Nepal stammende Arbeiter seien dort wie Zwangsarbeiter beschäftigt; mehrere Todesfälle stünden im Zusammenhang mit menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen. Die Berichte erschüttern auch den Sportpfarrer der Deutschen Bischofskonferenz Thomas Nonte.

Frage: Die Fußball-Weltmeisterschaft ist ein Ereignis, auf das sich die ganze Welt freut. Wie kann man das mit seinem Gewissen vereinbaren, wenn man weiß, dass die Verhältnisse in Katar sich nicht bessern und bis 2022 dann wahrscheinlich mehrere hundert Menschen für die WM gestorben sind?

Nonte: Ich habe mich am Wochenende erschrocken. Wer am Sonntag in der katholischen Kirche war, hat gehört, wie der reiche Prasser auf den armen Lazarus nicht reagiert hat. Mit einem Mal bekommt man ja Bilder von Menschen, die heute leben und sterben, sozusagen dazu ins Herz gebracht. Meine Hoffnung ist, dass der Fußball die große Aufmerksamkeit auf dieses kleine, reiche Land legt. Vielleicht auch noch Veränderung bewirkt. Kein Mensch kann da zusehen, finde ich.

Frage: Während die Fußballer, die beim Turnier antreten, teilweise Millionen verdienen, sterben Menschen, die für sie die Stadien bauen und unter widrigsten Bedingungen und schlechtesten Bezahlungen auch arbeiten. Das ist doch eine unglaubliche Diskrepanz – haben das die Profikicker denn schon kapiert?

Nonte: Ich würde es nicht nur auf die Profikicker beziehen. Ich würde es auf die Zuschauerinnen und Zuschauer, auf die Funktionäre beziehen, auf die teilnehmenden Nationen. Das ist ja mehr als nur eine Diskrepanz. Das ist ja ein Verbrechen an der Menschenwürde. Wenn das sich bewahrheitet und wenn Katar weder Einsicht zeigt, noch eine Änderung, dann muss sicherlich noch einmal ein Aufschrei erfolgen. Ich glaube, das sind wir jedem Gastarbeiter schuldig. Das sind ja Menschen aus einem armen Land, die in einem reichsten Land der Welt Arbeit suchen müssen und dann so ausgenutzt werden. Das ist ein zum Himmel schreiendes Unrecht. Ich hoffe sehr, dass es dann auch Sprecherinnen und Sprecher der Nationen gibt, auch der teilnehmenden Fußballnationen, die das nicht akzeptieren. Es ist ja noch ein bisschen Zeit, wobei jeder Tag natürlich zählt. Hier geht es ja um Wasser und Ruhe und Aufenthaltsräume für arbeitende Menschen. Man mag sich das im reichen Deutschland ja auch nicht vorstellen, dass das überhaupt noch so möglich sein sollte.

Frage: Meinen Sie, dass die Fifa gewillt ist, die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2022, dem Staat Katar angesichts der Zustände vor Ort zu entziehen? Oder zumindest damit zu drohen?

Nonte: Eine Drohung wäre sicherlich sinnvoll. Oder Kontrollen einrichten, Kommissionen schicken. Wir sehen in anderen Zusammenhängen, wie das ja auch geht. Wenn sich alle zusammentun, siehe Syrien, dann geht viel. Ich setze hier auch auf die muslimischen Glaubensbrüder und -schwestern ganz im Sinne unseres Papstes. Das ist ja ein muslimisch geprägtes Land. Das wir uns da, vielleicht sozusagen außerhalb der politischen Verantwortlichen, noch einmal zusammenfinden und für die Würde eines jeden Menschen eintreten. Das ist die große Herausforderung der Menschlichkeit jeder Religion.

Frage: Wie meinen Sie, geht jetzt die FIFA weiter vor?

Nonte: Wenn ich das richtig gelesen habe, gibt es Überlegungen, eine Anfrage an die Regierung in Katar zu schicken. Aber was sollen die auf so eine Anfrage antworten? Es sei denn, sie formulieren eine öffentliche Beichte, was vielleicht am sinnvollsten wäre, aber nicht zu erwarten ist. Ich vermute, das verläuft im Sand der Medienwelt, und ich hoffe sehr, dass sich die UNO und, wenn ich das richtig gelesen habe, die internationalen Gewerkschaften, da noch einmal zusammentun, ausdrücklich formulieren, Allianzen suchen mit anderen demokratisch Verantwortlichen. Aber auf die FIFA allein würde ich da nicht mein Vertrauen setzen.

Das Interview führte Christian Schlegel.

Stand des Interviews: 02.10.2013. Mit freundlicher Genehmigung von domradio .

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