Pinzette statt Hackebeil

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  • Nürnberg - 02.10.2013

Es ist eine scharfe Debatte, die um die gleichberechtigte Teilhabe von Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen (LSBTI) geführt wird. Ein ideologisches Schlachtfeld, in dem sich zwei Seiten scheinbar unversöhnlich gegenüber stehen. Die einen fürchten um traditionelle Werte, ihr Familienbild und die soziale Ordnung, die anderen kämpfen um ihr Recht, gleichberechtigt an allen Facetten des gesellschaftlichen Lebens teilzunehmen.

Die Religionen spielen in diesem Konflikt keine unwesentliche Rolle. Sie scheinen einerseits ein normatives Wertesystem vorzugeben, das mit den Antidiskriminierungsgesetzen kollidiert. Nicht selten wird mit der Religionsfreiheit argumentiert, wenn es darum geht, Schwulen oder Lesben gewisse Rechte vorzuenthalten. Doch andererseits ist auch die Religionsfreiheit ein Menschenrecht, ebenso wie die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Was also tun, wenn zwei Menschenrechte scheinbar miteinander kollidieren?

Dieser Frage widmete sich Heiner Bielefeldt in seiner Einführungsrede zur Konferenz „LSBTI-Rechte sind Menschenrechte – überall“ Ende September im Caritas-Pirckheimer-Haus. Der Professor für Menschenrechte an der Universität Erlangen-Nürnberg und UN-Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit kam nach Nürnberg, um anlässlich der Verleihung des Menschenrechtspreises an die lesbische Aktivistin Kasha Jacqueline Nabagesera aus Uganda zu sprechen. Den Preis erhielt die junge Frau für ihren unermüdlichen und lebensgefährlichen Kampf für die Rechte lesbischer, schwuler, bi-, trans- und intersexueller Menschen in ihrer afrikanischen Heimat.

Grenzen der Religionsfreiheit

„Religionsfreiheit ist nicht das Recht der Religionen, es ist das Recht der Menschen“, erklärte Bielefeldt. Es diene nicht dazu, bestimmte religiöse Wertvorstellungen durchzusetzen, sondern gewähre die Freiheit, sich selbstständig und frei zu orientieren. Dennoch, gibt er zu bedenken, sei es ein Recht, von dem praktisch alle Gruppierungen, von Fundamentalisten bis hin zu liberalen Strömungen, Gebrauch machen. Darunter seien manchmal fragwürdige Organisationen, wie die sogenannten Ex-Gays, die in den USA im Namen des Christentums Schwule „heilen“ wollen, oder konservative Gruppen, die ihre Religionsfreiheit verletzt sehen, wenn Homosexuelle öffentliche Ämter bekleiden. „Wenn Religionsfreiheit mit religiösen Überzeugungen gleichgesetzt wird, verlässt man die Logik menschenrechtlicher Freiheit“, so seine Überzeugung. Es sei ein Freiheitsrecht, das dazu diene, den Menschen einen möglichst großen Raum an Selbstverwirklichung zu eröffnen.

„Wenn Religionsfreiheit mit religiösen Überzeugungen gleichgesetzt wird, verlässt man die Logik menschenrechtlicher Freiheit.“

— Heiner Bielefeldt

Die Religionsfreiheit erlaube jedem, die Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen für einen Irrweg zu halten. Sie erlaube jedoch niemanden, anderen seine Überzeugung aufzuzwingen.

Heiner Bielefeldt bei seinem Vortrag im Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg. Stadtkirche Nürnberg

Einen deutlichen und unstrittigen Missbrauch menschenrechtlicher Begriffe sieht Bielefeldt daher dann gegeben, wenn im Namen des Glaubens zu Hass und Gewalt aufgerufen wird. „Religionsfreiheit darf kein Blockadeinstrument werden. Es kann niemals ein Titel sein, unter dem Verletzungen und Hassreden Rechtfertigung finden“, gibt er unmissverständlich zu verstehen.

Trotz allem bleibt es eine Gratwanderung. Wo beginnen die Rechte des Einzelnen, wo enden die Rechte einer Religionsgemeinschaft? Selbstverständlich können Diskriminierung, Verfolgung und gewaltsame Übergriffe nicht hingenommen und mit keinem Gesetz der Welt gerechtfertigt werden. Aber wie steht es um die Grauzonen?

Wege der Versöhnung

Eine britische Standesbeamtin weigert sich, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen. Sie klagt vor dem Europäischen Gerichtshof und verliert. Das gleiche Schicksal traf einen Paartherapeuten, der ein homosexuelles Paar nicht behandeln wollte. Beide haben jetzt keine Arbeit mehr.

Die westlichen Gerichte haben hier der Religionsfreiheit ihre Schranken zugewiesen und sich eindeutig positioniert. Diesen Weg betrachtet Heiner Bielefeldt jedoch kritisch. „Manchmal kann es von Vorteil sein, Probleme mit der Pinzette, nicht mit dem Hackebeil zu lösen“, so sein Fazit. Die ideologische Debatte werde durch solche Urteile unnötig befeuert.

„Manchmal kann es von Vorteil sein, Probleme mit der Pinzette, nicht mit dem Hackebeil zu lösen.“

— Heiner Bielefeldt

Die renitente Beamtin gilt in evangelikalen Kreisen mittlerweile als Märtyrerin – ein Ergebnis, das so sicherlich keinen zufriedenstellt. Sein Vorschlag geht daher in Richtung Deeskalation. „Es ist wichtig nach Kompromissen zu suchen“. Es wäre nicht notwendig gewesen, die Beamtin vor die Wahl zwischen ihrem Gewissen und ihrer Arbeit zu stellen. Ein Kollege hätte die Trauung ebenso vollziehen können. Für die Zukunft könnten nur Lösungen gefunden werden, „wenn die Menschen keine Spaltungen erfahren müssen. Entweder-oder-Entscheidungen sind immer ein fruchtbarer Nährboden für Konflikte“, weiß Bielefeldt. Es müsse ein Klima geschaffen werden, in dem religiöse Überzeugungen und die persönlichen Lebenswirklichkeiten sexueller Minderheiten in Frieden miteinander existieren könnten.

Die beiden großen Kirchen haben diese Problematik in weiten Teilen verstanden. Eine Öffnung hin zu größerer Akzeptanz wird sichtbar. Und Papst Franziskus bekräftigte unlängst in seinem berühmten Interview mit der Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ die Ablehnung der Kirche jeder Form von Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung. Heiner Bielefeldt, selbst Philosoph, Theologe und bekennender Katholik meinte abschließend dazu: „Es macht wieder Spaß, katholisch zu sein.“

Von Tanja Haydn, Stadtkirche Nürnberg

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