„Afghanistan muss keine westlich geprägte Gesellschaft werden“

  • Herat - 30.09.2013

Die Schweizer Pflegewissenschaftlerin Silvia Käppeli arbeitet seit mehreren Monaten als Freiwillige der Jesuitenmission Schweiz in der westafghanischen Region Herat. Im Interview spricht sie über das Engagement der Jesuiten in Afghanistan, den bevorstehenden Abzug der NATO-Truppen und die Zukunft des kriegsgebeutelten Landes.

Frage: Nach mehr als zehn Jahren Militärintervention in Afghanistan fokussieren die Medien zunehmend auf den bevorstehenden Abzug der westlichen Truppen. Weit weniger berichtet wird über das Leben der Menschen im Land. Wie sehen Sie deren Lage?

Käppeli: Zwei Jahrzehnte Krieg, extreme Dürren, Missernten und das Unvermögen des Staates, die zurückkehrenden Flüchtlinge wieder zu integrieren haben in Afghanistan deutliche Spuren hinterlassen, auch in Herat, wo ich seit einigen Monaten als Jesuit Volunteer lebe und arbeite. Viele Einwohner von Herat City hier sind bitterarm und unterernährt, und die Bewohner der umliegenden Rückkehrersiedlungen sind zusätzlich abgeschnitten von einer wirksamen Gesundheitsversorgung. Besonders betroffen sind die Frauen und Kinder.

Frage: Woran zeigt sich das?

Käppeli: Aufgrund der Mangelernährung (bereits im Mutterleib) leiden vor allem Kinder an massiven Konzentrations- und Lernbehinderungen. Sie können kaum Instruktionen folgen, nichts zu Ende führen, langweilen sich und sind oft gleichzeitig hyperaktiv. Sehr viele klagen über chronische Kopfschmerzen, Schwindel, Schlaf- und Augenprobleme. Viele von ihnen sind oft zu schwach, um zur Schule zu gehen. Die Konsequenzen solcher auch sozialer Verhaltensprobleme für das Erwachsenenalter sind leicht abzusehen.

Frage: Was ist Ihre Aufgabe in Herat? Wo können sie als Pflegewissenschaftlerin helfen?

Käppeli: Mein Einsatz ist recht breit gefächert. Zum einen schule ich Frauen in Rückkehrerlagern in ganz praktischen Dingen wie gesundheitlicher Vorsorge, besonders betreffend Vorbeugung von Infektionskrankheiten und Ernährung und in Erster Hilfe. Zum anderen unterrichte ich – hier stärker forschungsbezogen – angehende Ärzte und Pflegekräfte an öffentlichen und privaten Hochschulen.

Silvia Käppeli ist Pflegewissenschaftlerin und arbeitet als Freiwillige der Jesuitenmission in Afghanistan. Jesuitenmission

Frage: Wie steht es um das Gesundheitswesen, die medizinischen Einrichtungen in Afghanistan?

Käppeli: Immer noch sehr schlecht, trotz einiger Fortschritte in den letzten Jahren. Viele Einrichtungen sind alt und defekt, es fehlen diagnostische Geräte wie bildgebende Verfahren, die Verwaltungen arbeiten ineffizient und es mangelt überall an qualifiziertem und motiviertem Personal, besonders unter dem Pflegepersonal und den Medizinern. Zum Alltag gehört, dass Trauben von Menschen – zum Teil nach beschwerlicher Fahrt mit primitiven Transportmitteln – stundenlang im Freien auf eine Behandlung in ganz einfach ausgestatteten Polikliniken warten müssen. Sind sie dann schließlich an der Reihe, werden sie im Minutentakt von den wenigen Ärzten abgefertigt.

Frage: Was fasziniert Sie besonders am Engagement der Jesuiten bzw. des Jesuit Refugee Service (JRS) in Afghanistan?

Käppeli: Wie manch andere Hilfsorganisation hat sich der Jesuit Refugee Service die Unterstützung von Flüchtlingen und Rückkehrern zur Aufgabe gemacht. Besonders faszinierendes Merkmal von JRS ist die persönliche Nähe der Mitarbeitenden zu den Rückkehrern in allen Projekten. Diese ermöglicht gleichzeitig eine realistische Identifikation und Einschätzung ihrer Probleme sowie der erforderlichen personellen und materiellen Unterstützung durch JRS. Durch den direkten Kontakt mit den Rückkehrern und die Vertrautheit mit ihren Lebensbedingungen und ihrem Alltag können die JRS Mitarbeitenden entscheidende Details erkennen, auf die die andere NGOs, die aus der Distanz entscheiden und arbeiten, nicht aufmerksam werden. Dies ermöglicht eine optimale Abstimmung der Hilfeleistungen auf die Bedürfnisse und vor allem auch deren kontinuierliche Anpassung, wenn sich die Situation der Empfänger ändert. Auf Seiten der Mitarbeitenden erfordert dies nicht nur eine kompromisslose Bereitschaft, sich auf die vorliegenden Situationen einzustellen, sondern auch eine professionelle Kompetenz und Erfahrung, die ihnen ermöglicht, flexibel und kreativ auf die Herausforderungen von sich ständig verändernden Bedingungen einzustellen. Nur so können die JRS Mitarbeitenden ihrem dreifachen Auftrag – für die Flüchtlinge einstehen, sie begleiten und ihnen wirksam dienen – gerecht werden.

Obwohl JRS seine Mission als Glaubenswerk versteht, kann die Religion in einer islamischen Republik wie Afghanistan nicht zum Gegenstand des Apostolats werden. JRS ist als NGO registriert, die sich in Zusammenarbeit mit anderen NGOs und mit den lokalen Behörden um die Vermittlung von Bildungsinhalten wie Englisch, Computerwissen, natur- und gesundheitswissenschaftlicher Fächer – und um das, was man mit den erworbenen Kompetenzen beruflich erreichen kann – kümmert. Für mich ist dies ein wunderbares Beispiel von christlich motivierter, selbstloser Dienstleistung, deren Segen die Empfänger direkt erleben. Dies verändert wohl mehr als fromme Reden bringen würden.

Die enorme Korruption im Schulwesen Afghanistans verhindert gleiche Bildungschancen für alle. Jesuitenmission

Frage: Wie sehen Sie die Zukunft Afghanistans?

Käppeli: Aufgrund meiner beschränkten Erfahrung mit den Afghanen und mit Afghanistan bin ich sehr skeptisch, was die Zukunft des Landes betrifft. Im Alltag scheint es manchmal, dass die Korruption in der öffentlichen Verwaltung und im Schul- und Spitalwesen den Aufbau einer funktionierenden Zivilgesellschaft ähnlich stark unterminiert wie die Taliban in manchen Gebieten des Landes. Solange nur oder vor allem jene Menschen ihre Ziele erreichen, die das nötige Geld dafür bezahlen können, wird die afghanische Gesellschaft nur beschränkt aufblühen und in die restliche Staatengemeinschaft integriert werden können. Und solche Praktiken dienen auch nicht dem inneren Frieden.

Frage: Welche Rolle spielen die ausländischen Truppen?

Käppeli: Die ausländischen Truppen hatten ja nie die Aufgabe, die Kultur im engeren Sinn zu verändern, sondern nur, im Land die Sicherheit soweit herzustellen und zu gewährleisten, dass sich die zivile Gesellschaft entfalten kann: dass die Wirtschaft sich entwickelt, Gesundheits- und Bildungswesen funktionieren und die der Gesellschaft förderlichen kulturellen Traditionen weitergehen können. Dies ist zum Teil erreicht worden, wird gleichzeitig jedoch von innen und außen untergraben. Die afghanische Kultur ist vorwiegend eine Stammeskultur, und das Funktionieren und das Wohl des Stammes ist viel wichtiger als das Wohl der Allgemeinheit. Außerhalb der eigenen Familie, Sippe oder Ethnie hilft man einander kaum. Das ist etwas, was in scharfem Kontrast zum christlich- bzw. Aufklärungs-geprägten Westen steht.

Frage: Gibt es auch Ausnahmen von der Regel?

Käppeli: Interessant ist, dass bei der in Afghanistan benachteiligten Volksgruppe der Hazara die Frauen eine relativ starke Stellung besitzen. Die Männer haben gemerkt: Wenn es ihren Frauen gut geht, sie gesund und gebildet sind, profitiert davon die ganze Familie und somit das Gefüge der Gemeinschaft. Im Vergleich zu anderen Volksgruppen sind die Hazara besser gebildet, ambitiöser und erfolgreicher, sofern sie nicht von jenen unterdrückt und an den Rand gedrückt werden, die im Land dominieren. Das macht sie dann aber eben gerade wieder zur Zielscheibe der eher ungebildeten und weniger verantwortungsbewussten Mehrheit.

Frage: Würde den Afghanen eine westlich geprägte Kultur weiterhelfen?

Käppeli: Ich bin nicht der Meinung, dass Afghanistan eine westliche geprägte Gesellschaft werden muss. Aber es wäre wünschenswert, wenn die Afghaninnen und Afghanen im Rahmen ihrer Kultur die ethischen Werte eines aufgeklärten Islam, Gleichwertigkeit der Geschlechter und eine politische Staatsform die Gewaltverzicht und friedliche Koexistenz mit anderen Staaten und Religionen fördert, finden würden. Es liegt natürlich auch in der Verantwortung der Nachbarstaaten und der Großmächte, Afghanistan nicht instabil zu halten für die eigenen Zwecke: etwa Drogenhandel, Waffengeschäfte, militärische Interessen. Auch selbstkritische Afghanen, die durchaus die Defizite in der eigenen Gesellschaft anerkennen, sehen das Land als Spielball anderer Nationen.

Frage: Auf welchem Gebiet wird Hilfe von außen am Dringendsten benötigt?

Der Bildungsbedarf in Afghanistan ist hoch. Noch immer gehen längst nicht alle Kinder zur Schule. Fernandes/Jesuitenmission

Käppeli: Ich gehöre zu denjenigen, die Bildung als zentrales und förderliches Element einer prosperierenden Gesellschaft betrachten. Bildung setzt minimale Gesundheit voraus. Der Bildungsbedarf auf allen Stufen wird in Afghanistan noch jahrelang nicht gedeckt sein. Noch immer gehen längst nicht alle Kinder zur Schule, und die Afghanen sind weit entfernt von einer vollständigen Alphabetisierung. Es fehlen qualifizierte Dozenten und Forscher im akademischen Bereich. Es fehlen gelernte Handwerker und Ingenieure in den technischen Berufen, es fehlen ausgebildetes Personal in den Gesundheitsberufen, insbesondere Pflegende, aber auch Lehrkräfte, die den Nachwuchs schulen und fördern können. Es fehlen weitgehend die Infrastrukturen, um diese Mängel aufzuarbeiten: Bibliotheken, Labore, Werkstätten, auch Schulzimmer. Dieser umfassende Mangel wirkt sich besonders krass in einem Land aus, dessen Bevölkerung über Jahrzehnte schwer traumatisiert wurde, dessen Bildungselite nach wie vor bestrebt ist, auszuwandern und das mit den Rückkehrern und den „Heimatlosen innerhalb der Grenzen“ (Internally Displaced People) nur sehr beschränkt „fertig wird“.

Frage: Wie sehen Sie die Aufgabe der Jesuiten? Welchen Stellenwert hat ihre Arbeit in Afghanistan?

Käppeli: Die Aktivitäten der Jesuiten sind unter den beschriebenen Bedingungen unverzichtbar. Zum einen, weil sie den Schwächsten in der afghanischen Gesellschaft annehmen, zum anderen, weil sie Hilfe zur Selbsthilfe darstellen. Dies ist speziell im Bildungsbereich entscheidend. Sobald ein Jugendlicher die Schule abgeschlossen hat, unterstützt man ihn in der Berufswahl und befähigt ihn/sie zum Beispiel, in Projekten der Jesuiten als Lehrer tätig zu sein. Einzelne werden außerhalb des Landes in Hochschulen der Jesuiten gefördert. Anderseits müssen die Jugendlichen und Kinder und auch ihre Eltern eben in einem gesundheitlichen Zustand sein, der dies ermöglicht. Wenn Eltern nicht erwerbsfähig sind, müssen die Kinder arbeiten und die Großfamilien versorgen. So ist die Lage.

Das Interview führte Elmar zur Bonsen.

Zur Person

Die Schweizer Pflegewissenschaftlerin Silvia Käppeli ist ehemalige Leiterin des Zentrums für Entwicklung und Forschung in der Pflege am Universitätsspital Zürich. Seit ihrer Pensionierung vor zwei Jahren reiste sie mehrfach nach Afghanistan, um sich in verschiedenen Sozialprojekten zu engagieren.

Weitere Inhalte

Bildungsprojekte in Afghanistan

Afghanistan ist nach wie vor ein Sorgenkind der internationalen Gemeinschaft. Wieder erstarkende Taliban, eine unsichere Zukunft und immer noch eines der ärmsten Länder der Welt. Die Jesuiten im Land erleben aber auch eine hoffnungsvolle Seite: Kinder und Jugendliche mit enormen Hunger nach Bildung und viele Erwachsene, die an einer friedlichen Zukunft arbeiten.

Weitere Informationen zu den Bildungsprojekten der Jesuitenmission in Afghanistan finden Sie hier:

www.jesuitenmission.de

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