Wird Afrika in den Ruin gerettet?

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  • Nürnberg - 27.09.2013

Mehr als eine Billion US-Dollar Entwicklungshilfe haben die Industrienationen in der Vergangenheit gezahlt. Gut zwei Drittel dieser Summe gingen an Afrika. Sie sollten den „verlorenen“ Kontinent aus seiner Armut retten – das haben sie aber nicht. Bis heute zählen 30 der 39 ärmsten Staaten der Welt zu Afrika. Jährlich sterben weiterhin über eine Million Kinder an den Folgen von Unterernährung, während ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung in Luxus schwelgt. Der Zustand vieler Länder Afrikas ist 50 Jahre nach Beginn der Entkolonialisierung desolater als je zuvor. Keine gute Bilanz also nach Jahrzehnten der Entwicklungszusammenarbeit.

Doch woran scheitern die Bemühungen der reichen Geberländer? Muss mehr Geld fließen, um die Spätfolgen der Kolonialpolitik zu heilen? Liegt es an den Afrikanern selbst? Verweigern sie den Fortschritt? Oder war es gerade der nie versiegende Geldstrom des reichen Westens, der die Entwicklung und wirtschaftliche Dynamik des schwarzen Kontinents so nachdrücklich hemmte?

Diese Fragen diskutierten am 22. September 2013 fünf Experten aus Kirche und Politik im Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg. Bei dem Podiumsgespräch „Entwicklungshilfe – Sinn und Unsinn am Beispiel Afrikas“ im Rahmen der dreitägigen Konferenz missionierender Orden bilanzierten sie die langjährige Entwicklungszusammenarbeit.

Entwicklungshilfe – Nein Danke!

„Wenn Sie einen aufgeklärten Afrikaner nach Entwicklungshilfe fragen, wird er sagen: Nein, Danke!“. Ein deutliches Statement von einem, der es wissen muss: Pater Epiphane Kinhoun SJ, Doktorand an der Hochschule für Philosophie in München, vertrat als einziger Afrikaner der Gesprächsrunde die wohl radikalste Position. In Afrika herrsche eine „Politik des eigenen Bauches“, erklärte der aus Benin stammende Jesuit. Nicht die Vernunft, sondern die Gier treibe die Machteliten an. Das viele Geld wirke wie ein Brandbeschleuniger, da es korrupte Regierungen reich mache und das Interesse an einer Veränderung im Keim ersticke. Eine Erfahrung, die auch die vier anderen Teilnehmer im Laufe ihrer Arbeit machen mussten. „Gut gemeint, ist nicht gut gemacht“, drückte es der promovierte Bundestagsabgeordnete Karl Addicks aus. In den Jahren 2004 bis 2009 war er Sprecher für Entwicklungszusammenarbeit der FDP. „Ich habe beobachtet, wie das Geld einfach verdunstet. Jede kleine Entwicklung wurde sofort durch das immense Bevölkerungswachstum konterkariert. Viel zu wenig Geld kam bei den Hilfebedürftigen an, zuviel floss in die Taschen der falschen Leute.“

„Das Geschäft mit der Entwicklungshilfe ist mittlerweile ein millionenschwerer Wirtschaftszweig, an dem viele Arbeitsplätze hängen.“

— Bruder Ansgar Stüfe, Missionsprokurator der Benediktiner in St. Ottilien
V.l.n.r.: Uwe Kekeritz, P. Wolfgang Schonecke MAfr, Moderator Wolfgang Küpper, P. Epiphane Kinhoun SJ, Dr. Karl Addicks, Br. Ansgar Stüfe OSB Haydn / Stadtkirche Nürnberg

Wildwuchernde Korruption sei nicht alleine der Grund für diese folgenschweren Fehlentwicklungen, gab Bruder Ansgar Stüfe, Missionsprokurator der Benediktiner in St. Ottilien, zu bedenken. Die Schuld nur bei den Afrikanern und ihren Regierungen zu suchen, umreiße das Problem nicht vollständig. „Das Geschäft mit der Entwicklungshilfe ist mittlerweile ein millionenschwerer Wirtschaftszweig, an dem viele Arbeitsplätze hängen“, meinte der Mediziner. Das Interesse der Industrienationen an einer wirklichen Entwicklung bezweifle er daher ebenso, wie das der afrikanischen Machteliten. In eine ähnliche Kerbe schlug auch Uwe Kekeritz, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90 / Die Grünen: „Europa gibt korrupten Despoten die Möglichkeit, ihr Geld gewinnbringend bei uns anzulegen. Wir machen Geschäfte mit Menschen, die nachweislich keine humanitären Ziele verfolgen und wir bereichern uns an den billigen Rohstoffen Afrikas“, kritisiert der Vorsitzende des Unterausschusses für Gesundheit.

Entwicklung von unten nach oben

Was also ist die Konsequenz, wenn Entwicklungshilfe scheinbar mehr Schaden anrichtet, als sie nützt? Abschaffen? Das lehnten die Experten geschlossen ab. Vielmehr plädieren sie dafür, die Art und Weise der Entwicklungszusammenarbeit radikal zu überdenken. Unstrittig blieb dabei, dass nachhaltige Hilfe an der Basis, also bei den Betroffenen selbst, ansetzen muss. Allein die Frage nach den Akteuren gab Anlass zur Diskussion.

„Wir dürfen nur mit Regierungen zusammenarbeiten, die kooperieren, demokratische Werte vertreten und die Volkswirtschaft stärken“, lautete der Vorschlag Addicks. „Eine Entwicklung kann nur von unten nach oben stattfinden. Die Landwirtschaft, kleine Betriebe und Unternehmen müssen gefördert werden. Der Rest ergebe sich von alleine.“

Mit seinem Fokus auf reiner Wirtschaftsförderung blieb der Freie Liberale allerdings allein. „Es ist wichtig, dort zu helfen, wo tatsächlich Hilfe gebraucht wird“, meinte Bruder Ansgar Stüfe. Der Benediktiner leitete als Chefarzt selbst jahrelang ein Missionskrankenhaus in Tansania. Seiner Erfahrung nach könne mit dem Engagement der Kirchen und Nichtregierungsorganisationen ein großer Beitrag zur Entwicklung der Länder geleistet werden. Insbesondere in den Bereichen Bildung und Gesundheitswesen hätten die Kirchen große Erfolge erzielt, berichtete er. Eine Veränderung der politischen und kulturellen Strukturen von außen, so seine Überzeugung, können nicht erzwungen werden, hier müsse auf Bildung und die Eigeninitiative der Afrikaner gesetzt werden.

„Afrika muss sich selbst entwickeln können, Korruption und Unterdrückung können nur dort entstehen, wo es keine Kontrolle durch Zivilgesellschaft gibt.“

— Pater Wolfgang Schonecke, Netzwerk Afrika Deutschland e. V.

Auch Pater Wolfgang Schonecke vom Netzwerk Afrika Deutschland e. V. ist sicher: „Afrika muss sich selbst entwickeln können, Korruption und Unterdrückung können nur dort entstehen, wo es keine Kontrolle durch Zivilgesellschaft gibt“. Der Afrikamissionar bei den Weißen Vätern hält Bildung und eine nachhaltige Zusammenarbeit mit engagierten Gruppen vor Ort für den richtigen Weg aus der Misere. Nur im Miteinander, nicht von oben aufoktroyiert, könne sich eine selbstbestimmte, kritische Gesellschaft entwickeln, die ihre Probleme auf ihre Weise löse. Epiphane Kinhoun formulierte es schärfer: „Afrikaner sind keine Europäer, wir brauchen niemanden, der uns hilft, europäisch zu werden. Wir müssen uns nach vorne bewegen und gleichzeitig unsere Identität und Unabhängigkeit wahren.“ Deswegen sei es so notwendig, gezielt afrikanische Projekte und Hilfsprogramme zu unterstützen. Hilfe zur Selbsthilfe ohne gleichzeitig eigene Interessen und Maßstäbe zu verfolgen.

Von Tanja Haydn

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