„Alte Mission und Neue Evangelisierung“

  • Nürnberg - 27.09.2013

Zwei Tage lang haben sich rund 70 Ordensleute mit ihrem eigenen Missionsverständnis auseinandergesetzt. In Nürnberg tagten sie auf Einladung der Konferenz der missionierenden Orden, einer Fachgruppe innerhalb der Deutschen Ordensobernkonferenz, vom 20. bis zum 22. September 2013 unter dem Motto „Von der alten Mission zur neuen Evangelisierung“.

Der Fundamentaltheologe und Jesuitenpater Hans Waldenfels erinnerte als einer der Hauptredner an die Ansprache, die Kardinal Jorge Bergoglio unmittelbar vor seiner Wahl zum Papst im Vorkonklave gehalten hatte. Evangelisierung sei, so der heutige Papst, „der Daseinsgrund der Kirche“. Die Kirche müsse aus sich selbst herausgehen „an die die Ränder. … Nicht nur an die geographischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz.“ Eine „um sich selbst kreisende Kirche“ hingegen sei die Wurzel für „theologischen Narzissmus“, ein „schreckliches Übel der ,geistlichen Mondänität‘“.

Waldenfels, der in dieser Rede das Programm für das neue Pontifikat sieht, hob hervor, dass es dem Papst vor aller Theorie und Programmatik um das gelebte Zeugnis gehe. Die vielen Zeichen, die er mit seinem Lebensstil setze, seien nichts anderes als eine Einladung zur eigenen Umsetzung. Dabei reiche es nicht mehr aus, „alleine die klerikale Schiene zu fahren“, so Waldenfels. Kritisch sieht er in diesem Zusammenhang auch eine „verstärkte Klerikalisierung aktiver Laien“. Die Orden rief er dazu auf, sich darüber auszutauschen, wie sie aus ihrem je eigenen Gründungscharisma heraus Wege zu einer zeitgemäßen und gelebten Verkündigung finden können. Gerade weil die Orden von ihrer Herkunft her „nicht einfach in die Normalstruktur kirchlicher Organisation eingepasst“ seien, könne eine Rückbesinnung auf den eigenen Ursprung dem Aufbau einer zeitbewussten Verkündigung dienen.

Interreligiöser Dialog und Suche nach dem Fremden

Dieser Aufforderung versuchte sich die Tagung in verschiedenen Schritten anzunähern. Mehrere Ordensvertreter beleuchteten in Kurzreferaten das heutige Missionsverständnis ihrer Gemeinschaften vor dem Hintergrund ihres Gründungsauftrags und ihres bisherigen missionarische Wirkens. Schwester Elisabeth Biela, Regionaloberin der Weißen Schwestern, hob hervor, dass von Anfang an ein Schwerpunkt des Ordens der Dialog mit dem Islam gewesen sei, getragen von Respekt vor anderen Glaubensüberzeugungen.

Schwester Elisabeth Biela ist Regionaloberin der Weißen Schwestern weltkirche.katholisch.de

So verbat der Ordensgründer der Weißen Väter und der Weißen Schwestern und Erzbischof von Algier Kardinal Charles Martial Lavigerie (1825 – 1892) den Missionsschwestern, die anfangs vor allem in muslimischen Gebieten Nordafrikas tätig waren, die Kindertaufe. Lange vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil war dies eine Anordnung zugunsten der Religionsfreiheit. Dieser Tradition folgend heißt es in den Konstitutionen des Ordens von 1981: „In der Treue zu ihren Anfängen zeigt die Kongregation eine besondere Aufmerksamkeit für die Gläubigen des Islam … Wir achten ihren Glaubensweg, der sich von dem unseren unterscheidet, in der Hoffnung, dass wir alle unterwegs sind zum Reich Gottes.“ Dem herrschenden Zeitgeist des Kolonialismus setzte Lavigerie ein Programm christlicher Freiheit für Afrika entgegen. An Papst Leo XIII. schrieb er 1876, die europäischen Kolonialmächte wollten, „Macht und Gewalt, Wissen und wissenschaftliche Forschung, Handel und Gewinnsucht. Wir aber wollen das Christentum und die wahre Freiheit bringen. Afrika muss das Land der Afrikaner bleiben und die Afrikaner sollen nicht in schwarze Europäer umgewandelt werden.“

Aus diesen auch heute noch modern anmutenden Grundzügen des Missionsverständnisses ihres Ordensgründers leitet Schwester Elisabeth das Profil heutiger Missionarinnen und Missionare ab: Eine Missionarin trage in sich eine Leidenschaft für Menschen, die anders sind als sie selber. Sie sei „eine Person, der man ansieht, dass sie Freude an dieser Begegnung hat, und dadurch Leben empfängt und leben gebiert, die das Fremde nicht scheut, sondern sucht.“ Es sei eine Begegnung auf Augenhöhe mit „leeren Händen“ und „ohne Macht“, bereit, sich als Konsequenz aus der Nachfolge Christi auch verletzen zu lassen. Mission geschieht nach diesem Verständnis in erster Linie nicht durch Verkündigung einer Lehre, sondern durch die „Umsetzung des Evangeliums ins Leben“.

Option für die Armen

Auch der Provinzial der Comboni-Missionare, Pater Josef Altenburger, greift in seinen Reflexionen über das Missionsverständnisse seiner Gemeinschaft auf den Ordensgründer zurück: Daniele Comboni (1831–1881), Bischof von Karthum, der aus einer besonderen Herz-Jesu-Verehrung die Personenwürde jedes einzelnen Menschen ableitete. Da nach Combonis Überzeugung das Herz Jesu für alle Menschen in gleicher Weise schlage und für alle durchbohrt worden sei, stehe die Person für ihn vor allem – vor Geld, vor Ansehen und Ehre.

„Wir müssen uns interessieren für die vielen Kulturen und Subkulturen, in denen Menschen hier bei uns leben – und ihnen eine Beheimatung in der Kirche ermöglichen.“

— Pater Josef Altenburger, Provinzial der Comboni-Missionare

Aus diesem Menschenbild leite sich, so Altenburger, Combonis „endloser Kampf gegen die verschiedenen Formen der Versklavung des Menschen“ ebenso ab, wie auch die von ihm betriebene Förderung des Selbstbewusstseins der Menschen – etwa durch Ausbildung freigekaufter Sklaven. Damit setzte Comboni einen deutlichen Kontrapunkt gegen die von Europa betriebene Ausbeutung Afrikas zu Beginn der Industriellen Revolution. Auch wies er rassistische Einstellungen seiner Zeit zurück. Auf die Frage von Papst Leo IX., ob die Schwarzen in Zentralafrika Räuber, Lügner und undankbar seien, antwortete Comboni: „Wir sind doch alle Menschen mit Fehlern. Wenn der Weiße unter solchen Bedingungen leben müsste wie die Schwarzen, dann wären sie vielleicht schlimmer als diese“.

Pater Josef Altenburger ist Provinzial der Comboni-Missionare comboni.de

Aus dem Grundanliegen ihres Gründers bezüglich der Bedeutung der Person hat der Orden sein Missionsverständnis fürs 21. Jahrhundert entwickelt und erneuert: „Mission heißt“, so Altenburger, „menschliche Grenzen überschreiten und zu denen gehen, zu denen niemand gehen will. Es ist die Wahl der schwierigen Mission“, die getragen sei „von einer klaren Option für die Ärmsten der Armen“. In Anspielung auf Papst Franziskus sei dabei nicht nur an geographische Grenzen gedacht, sondern vor allem an die „menschlichen, existentiellen und spirituellen.“ Daher findet für Pater Altenburger Mission nicht nur in anderen Kontinenten statt, sondern auch in Deutschland und Europa. „Wir müssen uns interessieren für die vielen Kulturen und Subkulturen, in denen Menschen hier bei uns leben – und ihnen eine Beheimatung in der Kirche ermöglichen. Interessieren meint hier auch identifizieren, gern haben, offen sein für die unterschiedlichen Lebensweisen, die Menschen heute wählen.“ Im globalen Maßstab der heutigen Zeit heißt das für Altenburger, dass Mission längst nicht mehr als „eine von Europa ausgehende Einbahnstraße“ zu verstehen sei, sondern als „ein globaler Kreisverkehr, in dem aus vielen Richtungen verschiedene ,Missionsbewegungen‘ aufeinandertreffen, die sich gegenseitig bereichern, aber auch in Frage stellen.“

Ähnliche Gedanken wurden auch von anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern vorgebracht. So sagte etwa Gertrud Dederichs von den Missionsärztlichen Schwestern, dass die alten Gleichungen: Ressourcen und Personal = Europa/USA; Missionsgebiete = Asien/Ostasien/Afrika/Lateinamerika heute ihre Gültigkeit zunehmend verlören. Heute gehe es um „Dialog“, „gemeinsame Prozesse“, „partnerschaftliches Engagement“ und „Vernetzungen“. Der Missionswissenschaftler Pater Martin Üffing von den Steyler Missionaren sprach von einem „prophetischen Dialog“, den Missionare heute zu führen hätten. Damit wies er auf die Spannung hin, dass Mission einerseits zwar der Offenbarung des Evangeliums verpflichtet sei, anderseits jedoch auch die göttliche Gegenwart bereits in den anderen Kulturen und Religionen vorzufinden ist.

Die Tagung endete am Sonntag mit einer öffentlichen Podiumsdiskussion zum Thema „Entwicklungshilfe – Sinn und Unsinn am Beispiel von Afrika.“ Die Diskussion wurde durchgeführt in Kooperation mit der Jesuitenmission Nürnberg .

Am Rande der Tagung fand eine Sitzung der Konferenz der missionierenden Orden statt. Dabei wurde der Abtpräses der Benediktinerkongregation St. Ottilien, Jeremias Schröder OSB, zum Vorsitzenden gewählt, zu seinen Stellvertretern wurden der Missionspokurator der Jesuiten P. Klaus Väthröder SJ und die Regionaloberin der Weißen Schwestern, Sr. Elisabeth Biela WV, gewählt.

Von Heribert Böller

© orden.de

Konferenz missionierender Orden

Die Konferenz missionierender Orden (KMO) hat sich im Jahr 2011 gegründet. Sie ist ein Gremium innerhalb der Deutschen Ordensobernkonferenz, das sich den weltkirchlichen Anliegen der missionierenden Orden widmet.

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