Der Weg aus der Hölle

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  • Mwanda - 26.09.2013

Der junge Chor singt aus vollem Hals – und die Gemeinde von Mwanda klatscht begeistert mit. Auch der dritte Gottesdienst an diesem Sonntag ist gut gefüllt. Nebenan liegt das Wasser des Lake Kivu ruhig zwischen den saftig grünen Hügeln im Osten des Kongo. Für Besucher scheinbar ein Paradies auf Erden – für die Bewohner ist es oft die Hölle: Kain erschlägt hier nachts den Abel. Viele Gottesdienstbesucher haben unvorstellbares Leid hinter sich.

Zum Beispiel Ma File, die in der ersten Reihe mitsingt. Ihre Kindheit war vor vier Jahren abrupt zu Ende, als sie vergewaltigt wurde. Da war sie elf. Zwei Stunden braucht sie zu Fuß bis zur Kirche; den Weg geht die schüchterne 15-Jährige jeden Sonntag gemeinsam mit ihrer Mutter. Das Singen tut ihr gut. Im Chor wird sie akzeptiert. Die meisten hier haben keine Ahnung, was sie durchgemacht hat. Und sie hat das Gefühl, Gott nah zu sein. Später will sie Ordensfrau werden; „die machen viele gute Sachen“, sagt sie etwas verlegen. „Und außerdem gibt es da keine Männer.“

Dank der Hilfe im Traumazentrum der Gemeinde kann sie heute zumindest Männern wieder in die Augen schauen. Therese Mema koordiniert 16 solcher Zentren im Bistum Bukavu, spricht selbst täglich mit vergewaltigten Frauen – und macht dieser Tage auch in Deutschland auf die Not ihrer Heimat aufmerksam.

Kongos Krisenherd

Die Region um Bukavu und den Lake Kivu ist ein Krisenherd. Noch immer überfallen hier Rebellen nachts kleine Ortschaften.

Therese Mema, Koordinatorin der Traumazentren in der Diözese Bukavu (r.), spricht in der Kirchengemeinde Kabare mit einer Frau. KNA

Sie rauben, töten, vergewaltigen und verschleppen Frauen und Kinder. Die Regierung scheint machtlos. Auch die UN-Blauhelme schauen oft nur zu. Allein die katholische Kirche kümmert sich um die leidenden Menschen.

Ma File bringt uns zu einem kleinen dunklen Raum. Hier bieten Therese und ihre Mitarbeiterinnen regelmäßig Sprechstunden an. Die Geschichten der Opfer sind erschütternd: Ausgeraubt, Mann erschossen, Kind entführt, vor den Augen des Mannes vergewaltigt, Messer in den Bauch gerammt. „Sie haben mir nach der Vergewaltigung in mein Auge geschossen. Ich überlebte, aber ich hatte nichts mehr, habe mich in den blutigen Kleidern hierher geschleppt“, erzählt eine Frau. „Therese und die Mitarbeiter gaben mir neue Kleidung, brachten mich nach Bukavu in die Klinik.“ Heute kann sie wieder normal sprechen, doch noch immer hat sie Schmerzen in der linken Kopfhälfte.

Im Garten hinter der Kirche von Chiumbo wartet eine zierliche junge Frau. Auf dem Rücken von Solange schläft ihre vier Monate alte Tochter Joyceline in einem Tuch. Eine lebendige Zeugin der Vergewaltigung – ein Kind der Rebellen: „Bomben werden solche Kinder in den Dörfern genannt“, erklärt Therese – „denn viele glauben, die Kinder werden wie ihre Väter, die Vergewaltiger“.

Verschleppt und vergewaltigt

Viele Ehemänner verstoßen ihre vergewaltigten Frauen. Auch Solanges Mann gab ihr zunächst den Laufpass, nachdem ihr die Flucht aus einem Rebellenlager gelang – und das, obwohl er selbst miterlebt hatte, wie sie entführt wurde: „Gegen acht am Abend kamen mehrere Männer in unser Haus. Sie fesselten meinen Mann ans Bett und sagten, sie würden ihn sofort erschießen, wenn er nur einen Ton sagt.“ Einer der Rebellen wollte sie sofort vergewaltigen, „doch die anderen sagten: ‚Sie ist so hübsch, wir müssen sie unserem Kommandanten bringen.‘

Einen Monat lang wurden die Frauen dort geschlagen und zum Sex gezwungen, dann gelang Solange mit vier weiteren die Flucht: „Wir konnten entkommen, als eines Tages ein Hubschrauber mit der Aufschrift ‚UN‘ über dem Lager kreiste und die Männer abgelenkt waren. Die Frauen trennten sich, und Solange kämpfte sich allein zwei Wochen lang durch den Dschungel – immer voller Angst, die Rebellen könnten sie erwischen.

Ihr Mann wollte nichts mehr von ihr wissen. Das Kind der Rebellen brachte sie allein zur Welt. „So werden die Frauen zweimal bestraft“, erklärt Therese vom Traumazentrum. Nach langen Gesprächen mit ihr versucht das Paar inzwischen, seinen Weg wieder gemeinsam zu gehen. Manchmal spielt Solanges Mann sogar mit dem Baby. Doch wenn es krank ist oder weint, sagt er noch heute: „Das Baby ist vom Teufel!“ So hat Solange an manchen Tagen das Gefühl, sie bekommt eine zweite Chance im Leben – „aber an manchen Tagen wünschte ich mir, die Rebellen hätten mich getötet“.

Von Harald Oppitz

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Zum Projekt

Mit Hilfe von Spenden ünterstützt das katholische Missionswerk Missio in Aachen den Aufbau von Traumazentren in der Erzdiözese Bukavu. Mehr über das Projekt erfahren Sie auf der Webseite des Hilfswerks:

www.missio-hilft.de