„Es gibt kein Argument für Waffenlieferungen nach Syrien“

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  • Köln - 25.09.2013

Die Weltöffentlichkeit schaut auf Syrien: Während die politische Führung in diesen Tagen auf der UN-Vollversammlung in New York über eine Syrien-Resolution diskutiert, gehen die kriegerischen Auseinandersetzungen in dem Bürgerkriegsland weiter. Im Domradio-Interview bezeichnet Erzbischof Ludwig Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche, den Konflikt in Syrien als eine „Menschheitskatastrophe“ und warnt vor Waffenlieferungen in Krisengebiete.

Frage: Herr Erzbischof, der Frieden wird weltweit überall bedroht. Und nicht nur in Syrien gibt es kriegerische Auseinandersetzungen, aber gerade auf Syrien schaut die Weltöffentlichkeit und besonders auch die Kirche in diesen Tagen.

Schick: Ja, Syrien ist wirklich eine Menschheitskatastrophe und eine humane Katastrophe für ganz viele Syrer. Unter denen gibt es natürlich auch viele Christen und wir wünschen, dass es in Syrien Frieden gibt. Wir beten, wir haben mit Papst Franziskus gebetet, wir beten natürlich auch weiter und versuchen auch alle diplomatischen Möglichkeiten auszuschöpfen, dass Syrien bald zur Ruhe kommt und Frieden einkehrt.

Frage: Der ganz große, befürchtete militärische Schlag ist zunächst erst einmal ausgeblieben nach dem Giftgasanschlag. Sind Sie zuversichtlich, dass man jetzt vielleicht auch wieder an einen Verhandlungstisch kommt?

Schick: Ja, ich bin erst einmal froh, dass der militärische Schlag ausgeblieben ist. Die militärischen Einsätze in Syrien hätten sicher das Ganze nur noch verschlimmert. Jetzt müssten Amerika und Russland, die beiden Hauptpartner, an einen Tisch, müssten Syrien zwingen, dass eine Friedensresolution zustande kommt, dass sich die zerstrittenen Parteien zusammensetzen, so dass die Bevölkerung nicht mehr leiden muss. Die Großen streiten sich, die einfachen Menschen leiden.

Frage: Wie sieht die Situation der Christen vor Ort aus? Sie sind ja im Kontakt mit den Christen dort.

Schick: Ja, die Christen sind sehr bedroht und werden ja auch von verschiedenen Gruppen aus dem Land gedrängt. Aber ich habe gerade die vorige Woche mit dem Patriarchen Gregorius gesprochen: Es gibt auch nach wie vor muslimische Gemeinden, ganze Dörfer, die sich für die Christen einsetzen. Wenn sie, wie aus Maalula, fliehen müssen, werden sie in einem anderen Dorf aufgenommen. Es gibt auch die positiven Zeichen und die müssen wir verstärken, damit es zum Frieden kommt.

„Die Großen streiten sich, die einfachen Menschen leiden.“

— Erzbischof Ludwig Schick

Frage: Wie bewerten Sie die Bemühungen der Bundesregierungen, auch hier in Deutschland Flüchtlinge aufzunehmen?

Schick: Gut und zu wenig. Also, ich freue mich, dass 5000 aufgenommen werden, aber es gibt, das ist bekannt in Deutschland, seit zwei Jahren, seit der Konflikt ausgebrochen ist, 18.000 illegale Syrer, die hier leben. Wie wird mit denen umgegangen? Die müssen auch Aufnahme haben, die müssen arbeiten können, die müssen humanitäre Hilfe bekommen. Und es werden noch mehr kommen. 5000 ist gut, löst das Problem nicht, vor allen Dingen das Problem derer, die schon hier sind, nicht und andere werden noch dazu kommen. Wir müssen in dieser schrecklichen Situation in Syrien für die Syrer, die zu uns kommen, gastfreundlich sein, hilfsbereit sein. Natürlich immer mit dem Wunsch, dass Frieden in Syrien einkehrt und sie auch wieder zurückkehren können. Aber jetzt müssen wir als Bundesrepublik christlich, sozial helfen – und wir Christen auch.

Frage: Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang, dass Deutschland immer noch an der Spitze der Waffenexporteure ist, dass vielleicht auch, da gibt es ja Stimmen, die das sagen, diese Giftgasanschläge vielleicht auf deutsche Lieferungen zurückzuführen sind?

Schick: Ich will das jetzt nicht bewerten, wer Schuld an dem Giftgas ist, das in Syrien verwendet wurde. Aber wir als Kirche, und ich persönlich habe schon seit Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass die Waffenlieferungen woandershin schärfer kontrolliert werden müssen. Und in Krisengebiete darf überhaupt keine Waffenlieferung erfolgen. Syrien gehört seit Jahren zu den Krisengebieten, dort hätte nichts hin geliefert werden dürfen. Und die Argumentation hier in Deutschland, dann verlieren in Deutschland Menschen Arbeitsplätze, die kann nicht stehen und nicht gültig sein. Es gibt hier in Deutschland Möglichkeiten, Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, die ihre Arbeit behalten sollen, auf andere Gebiete umzusetzen und dort zu arbeiten.

Mit freundlicher Genehmigung des Domradios .

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