Von Orang-Utans und kritischem Konsum

  • Düsseldorf - 17.09.2013

Woher stammt eigentlich der Tee, den ich trinke? Woher die Kleidung, die ich trage, und die Rasiercreme, die ich benutze? Der kritische Konsum ist seit vielen Jahren Schwerpunktthema der katholischen Jugendverbände. Im Vorfeld der Bundestagswahlen haben junge Wähler besonders Gelegenheit, die Politiker mit den Themen zu konfrontieren, die ihnen wichtig sind. Dirk Tänzler, Vorsitzender des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), spricht über den Dialog mit der Politik und erklärt, wie sich kritischer Konsum auf das Leben von Orang-Utans auswirken kann.

Frage: Der Wahlkampf 2013 geht in die heiße Phase. Was sagen die einzelnen Parteien zu Themen des kritischen Konsums, wie Fairer Handel, ethisches Investment oder erneuerbare Energien?

Tänzler: Ich habe den Eindruck, dass der kritische Konsum durchaus in einigen Parteien diskutiert wird, aber er ist eindeutig kein Wahlkampfthema. Für uns ist das nicht schlimm, da sich die katholischen Jugendverbände permanent in Gesellschaft und Politik für die Themen des kritischen Konsums einsetzen – unabhängig davon, welche Koalition gerade die Regierung bildet. Das war in der vergangenen Legislaturperiode so, und wir werden dies auch in der zukünftigen weiterführen. Wir werden mit den handelnden Politikerinnen und Politikern ins Gespräch kommen und mit ihnen Fragen des ethischen Investments, des kritischen Konsums und vor allem auch Fragen der öffentlichen Beschaffung diskutieren.

Frage: Stichwort öffentliche Beschaffung: Der BDKJ fordert, den Kauf von Produkten und Dienstleistungen aus öffentlicher Hand nach öko-fairen Kriterien. Was ist darunter zu verstehen?

Tänzler: Das Thema kritischer Konsum betrifft nicht nur einzelne Individuen, sondern auch Institutionen. Wir setzen uns dafür ein, dass Bund, Länder und Kommunen ihren Einkauf so gestalten, dass er nicht zu Lasten der Produzierenden und der Umwelt geht. Das fängt beispielsweise schon bei den Kantinen an und geht bis in die EDV-Abteilungen hinein. Es gibt inzwischen sogar fair gehandelte Smartphones. Ein gutes Beispiel dafür, dass auch Institutionen und Initiativen hier Verantwortung tragen können, ist der Katholikentag. Dieser hat sich seit ein paar Jahren die öko-faire Beschaffung auf die Fahnen geschrieben. Im Büro der Geschäftsstelle, bei der Verpflegung von Ehrenamtlichen oder im Katholikentags-Shop – überall gelten Nachhaltigkeitskriterien.

BDKJ-Postkarte: Warum rasieren sich Orang-Utans lieber trocken? Jens Bredehorn/ pixelio.de

Frage: Inwiefern werden diese Nachhaltigkeitskriterien von Bundesländern und Kommunen eingehalten?

Tänzler: Seit 2009 gibt es das Siegel Fairtrade-Town . Jede Stadt kann sich als solche zertifizieren lassen, wenn sie bestimmte öko-faire Kriterien einhält. Hier gibt es schon Vorreiter, zum Beispiel die Stadt Bonn, die vor vier Jahren mit dem Titel „Fairtrade-Town“ ausgezeichnet wurde. Wir merken, dass ein Umdenken stattfindet und immer mehr Städte mitmachen.

Frage: Wie sieht das Ganze bei den Diözesen und Kirchengemeinden aus?

Tänzler: Das ist für uns als katholischer Jugendverband ein ganz großes Thema. Von den Getränken auf dem Gemeindefest, über die Nutzung von Solarenergie bis zum Sitzungskaffee: In kirchlichen Bildungswerken, Jugend- und Verbandshäusern sowie Kirchengemeinden besteht noch großer Bedarf. Eine Hilfestellung bietet die Initiative Zukunft einkaufen , die gemeinsam von der katholischen und evangelischen Kirche ins Leben gerufen wurde. Auf deren Homepage können sich Institutionen darüber informieren, wie sie ihre Beschaffung ausrichten und was sie besser machen können.

Frage: Wie kann jeder einzelne konkret dazu beitragen, das Thema kritischer Konsum stärker ins Bewusstsein der Gesellschaft und der Politik zu rufen?

Tänzler: Man fängt am besten bei sich selbst an. Jede und jeder kann sich die Frage stellen: Wie öko-fair bin ich? Woher stammt eigentlich der Tee, den ich trinke, oder die Rasiercreme, die ich benutze? Das sind ganz einfache alltägliche Dinge. Wenn man diesen Fragen nachgeht, erlebt man manchmal sogar Überraschungen: Für Rasiercreme zum Beispiel werden sehr viele Wälder gerodet, die Lebensraum von Orang-Utans sind. Das ist ein sehr skurriles Beispiel, aber es bringt die Sache auf den Punkt: Es fängt im Kleinen an. Wichtig ist, dass man seine Erkenntnisse auch weiterträgt, beispielsweise durch das Engagement in einem Verein, einer Kirchengemeinde oder einer Initiative. So kann jeder und jede einzelne seinen Teil zum kritischen Konsum beitragen.

Frage: Sie hatten das Beispiel Rasiercreme angesprochen. Bei manchen Produkten weiß man häufig gar nicht, dass sie aus unfairen Produktionsbedingungen heraus geschaffen wurden. Wie kann man sich darüber informieren?

Tänzler: Wir haben für die Jugendarbeit gerade eine Postkartenkampagne gestartet. Auf einer Karte ist zum Beispiel ein Orang-Utan abgebildet und darunter steht „Warum rasieren sich Orang-Utans lieber trocken?“. Das Rätsel wird auf unserer Webseite www.kritischerkonsum.de aufgelöst. Hier geben wir auch praktische Tipps zu den Themen faire Kleidung, alternative Stromversorgung, ethisches Investment und Mobilität. Wichtig ist uns dabei, dass das, worüber wir informieren, auch konkret umsetzbar ist.

Das Interview führte Lena Kretschmann.

BDKJ

Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) ist der Dachverband von 16 katholischen Jugendverbänden und -organisationen. Seine wichtigste Aufgabe besteht in der Interessenvertretung seiner Mitglieder in Politik, Kirche und Gesellschaft.

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