Vatikanzeitung interviewt Befreiungstheologen

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  • Vatikanstadt - 12.09.2013

Der peruanische Theologe Gustavo Gutierrez hat in der Vatikanzeitung „Osservatore Romano“ (Mittwoch) für die von ihm mitbegründete Befreiungstheologie geworben. Es ist das erste Mal, dass die Zeitung des Papstes ein Interview mit einem führenden Vertreter dieser theologischen Richtung abdruckt, die lange im Visier der Glaubenskongregation stand. Rom warf Teilen der Befreiungstheologie eine Übernahme marxistischer Überzeugungen vor. Zahlreiche Theologen und Priester wurden deswegen vom Vatikan gemaßregelt, so etwa der Brasilianer Leonardo Boff.

Gutierrez, der als einer der Väter der Befreiungstheologie gilt, nannte diese Richtung noch immer „voll an Ressourcen“ und „Schärfe“. Franziskus würdigte er als „prophetischen“ Papst, der die Armen nie vergesse. Die Stellungnahmen der Glaubenskongregation zur Befreiungstheologie von 1984 und 1986 seien keineswegs so ablehnend, wie es oft dargestellt werde, so Gutierrez. Präfekt der Kongregation war damals Kardinal Joseph Ratzinger.

Ein Papst mitten im Volk

Befreiungstheologe Leonardo Boff erklärt, wie der neue Papst aus Lateinamerika die Kirche umkrempeln wird.

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Die beiden Instruktionen der Glaubenskongregation würden oft nicht richtig gelesen, sagte Gutierrez. Das erste Dokument von 1984, in dem es nur um die Irrtümer der Befreiungstheologie gehe, müsse stets im Zusammenhang mit dem zweiten Dokument gesehen werden, das versuche, die Befreiungstheologie besser zu verstehen. Allerdings werde sie in der ersten Instruktion zu pauschal dargestellt. Die Befreiungstheologie bestehe nicht aus abstrakten Ideen, sondern aus „Namen und Personen“, so Gutierrez.

Gutierrez trifft Papst Franziskus

Der 85-jährige Dominikanerpater Gutierrez trifft diese Woche im Vatikan mit Papst Franziskus zusammen. Franziskus betont das Eintreten für die Armen als ein Grundanliegen der Kirche; deshalb wird über eine Öffnung des Vatikans gegenüber der Befreiungstheologie spekuliert.

Am Sonntag hatte Gutierrez mit dem Präfekten der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, in Mantua die italienische Fassung eines gemeinsamen Buchs über die Befreiungstheologie vorgestellt. Beide verbindet eine langjährige Freundschaft.

Gutierrez'' 1971 veröffentlichtes Buch „Theologie der Befreiung“ gab der Befreiungstheologie ihren Namen. Der Peruaner selbst geriet nie ernsthaft in Konflikt mit der Glaubenskongregation, obwohl seine Schriften eingehend geprüft wurden.

Gustavo Gutierrez

Der am 8. Juni 1928 in Lima geborene Gutierrez studierte in Lima, Löwen und Lyon Medizin, Philosophie, Psychologie und Theologie. Lange lehrte der Priester als Professor an der Katholischen Universität in Lima. In den vergangenen Jahren arbeitete er – auch kritisch – die Geschichte und Spiritualität der Befreiungstheologie auf.

Während Rom Mitte der 80er Jahre gegen die Befreiungstheologen Leonardo und Clodovis Boff vorging, lehnte die Peruanische Bischofskonferenz 1984 Maßnahmen gegen Gutierrez ab. Ab 1990 wurden seine Schriften von der Glaubenskongregation und den peruanischen Bischöfen untersucht, ohne dass es zu Konsequenzen kam. Er selbst räumte „Übertreibungen, sogar einige Irrtümer“ der Befreiungstheologie ein. Wiederholt distanzierte er sich vom Marxismus.

1999 trat Gutierrez dem Dominikanerorden bei. Derzeit ist er Gastprofessor an der Notre-Dame-Universität im US-Bundesstaat Indiana. Viel Zeit verbringt er in Limas Armenviertel Rimac. Mit dem Präfekten der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, verbindet Gutierrez eine bald 25-jährige Freundschaft. Beide lernten sich als Professoren während einer Peru-Reise Müllers kennen. Gutierrez erhielt mehr als zwei Dutzend Ehrendoktortitel und wichtige internationale Auszeichnungen.

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