In die Schule gehen – ein Traum?!

  • Kaliganj - 06.09.2013

Obwohl die Einschulungsrate weltweit steigt, gibt es immer noch über 70 Millionen Kinder auf der Welt, die nicht in die Schule gehen. Anlässlich des Weltalphabetisierungstags am kommenden Sonntag schauen wir auf vier Jungen und Mädchen aus Bangladesch – einem Land, in dem die Chance auf Bildung alles andere als selbstverständlich ist.

„Wenn ich etwas lerne, dann kann ich einmal Schauspielerin werden“

Modina ist sieben Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in einem Slum vor den Toren von Kaliganj, im Südwesten Bangladeschs. Weder Vater, Mutter, noch die beiden Brüder können lesen oder schreiben. Sie leben in einem kleinen, maroden Haus und einem Verschlag mit Hühnern und Affen, mit deren Kunststücken der Vater auf Märkten etwas Geld verdient. „Ich bin ganz zufrieden damit, aber Modina soll bessere Chancen in ihrem Leben haben“, sagt der Vater. „Ich habe nie schreiben gelernt“, meint die Mutter, die mit zwölf Jahren schwanger wurde, und heute – selber erst 22 – mit drei Kindern oftmals überfordert ist. „Wenn die Kinder in die Schule kommen, werden sie ja auch richtig erzogen“, räumt Mutter Taslima ein und hofft so auch auf Unterstützung von außerhalb der Familie.

Modina wohnt unter einem Dach mit Hühnern und Affen im Slum von Kaligonj. Fock-Kutsch / Kindermissionswerk

Modinas Ausdruck, ihre Mimik, ihre Offenheit sind Lebenspower pur. Egal ob beim geliebten Hüpfspielen mit Steinen, beim Kraulen der Affen, dem Spielen mit den anderen Kindern oder beim Aufhängen der Wäsche: Der energiegeladenen Modina merkt man ihre Neugierde auf mehr an. „Wenn ich etwas lerne, dann kann ich vielleicht einmal Schauspielerin werden“, sagt das Kind, das im kleinen Zuhause ein verschwommenes Fernsehbild empfangen kann – wenn es keinen Stromausfall gibt.

Heute noch Rinder und Hühner, morgen eine Schule

Gleich neben dem Slum vor Kaliganj in einer namenlosen Elendssiedlung träumt der neunjährige Shuvo davon, durch den Besuch der Schule aus der Armut seines Elternhauses auszubrechen. Shuvo steht auf einem Platz im Schatten ausladender Bäume, mitten unter Ziegen, Rindern und Hühnern. „Hier soll die neue Schule gebaut werden. Es wäre so toll, wenn ich endlich zur Schule gehen könnte“, sagt Shuvo und hofft, dass die Pläne auch realisiert werden. Spürbar ist: Der Neunjährige sehnt sich nach Perspektiven, die ihm seine tägliche Gelegenheitsarbeit auf Baustellen nicht geben.

Berufswunsch: Polizistin – nichts anderes!

Die achtjährige Taslima lebt mit ihren Eltern im abgelegenen Rudrafur, rund 370 Kilometer nördlich der Hauptstadt Dhaka, mit 2000 Familien und scheinbar ebenso vielen Reisfeldern. Taslima hat keine Geschwister, ihre Eltern haben sich bewusst gegen weitere Kinder entschieden, auch um die Chancen ihres Kindes auf ein besseres Leben zu erhöhen. Diese Entscheidung der Eltern ist in Bangladesch kein Einzelfall, denn seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1971 ist die Geburtenrate statistisch gerechnet von sieben auf heute 3,3 Kinder gesunken.

Für die achtjährige Taslima ist klar: Wenn sie in die Schule gehen kann, wird sie Polizistin. Fock-Kutsch / Kindermissionswerk

Aber haben sich die Chancen des Einzelkindes dadurch wirklich verbessert? Mangels Alternativen arbeitet Taslima auf den Reisfeldern und unterstützt damit ihre Eltern. „Ich hoffe so sehr, dass die Schule gebaut wird, denn allein die Erziehung der Kinder dort ist so wichtig“, sagt ihre Mutter. „Manchmal kann ich gar nicht mehr schlafen, weil ich mir große Sorgen um die Zukunft von Taslima mache.“

Wenn die Achtjährige nicht auf dem Feld arbeitet oder zu Hause hilft, spielt sie am liebsten mit ihrer Freundin „Steine hüpfen“. Für ihre Zukunft haben die Mädchen bereits Pläne geschmiedet, und Taslimas Traum ist es, in die Schule zu gehen und später Polizistin zu werden.

Das große Los von Mintu

Mintu fühlt sich so, als habe er das ganz große Los gezogen! Der Zwölfjährige absolviert zurzeit eine Ausbildung als Mechaniker in der Provinzstadt Kaliganj. „Die Ausbildung hier ist total gut. Das interessiert mich und außerdem bekomme ich 40 Taka am Tag“, das sind umgerechnet 40 Euro-Cent. Dank der Soner Bangla Foundation (SBF) hat er, genau wie vier andere Jungen, eine Lehrstelle in einer Motorrad-Werkstatt gefunden. „Davor musste ich jeden Tag auf Teeplantagen arbeiten und habe viel weniger Geld verdient“, erinnert sich der Junge.

Die bessere Bezahlung, die Ausbildung und die gute Zukunftsperspektive kommen für Mintu zum richtigen Zeitpunkt, denn sein Vater ist schwer krank und wird bald sterben. „Er freut sich sehr, dass ich das mache. Und für mich ist es ein sehr gutes Gefühl, etwas Geld in die Familie zu bringen und gleichzeitig eine Chance im Leben zu bekommen“, sagt der Zwölfjährige Mintu ziemlich klar.

Von Manfred Kutsch

© Kindermissionswerk „Die Sternsinger“

Kindermissionswerk „Die Sternsinger“

Das Kinderhilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland unterstützt Bildungsprojekte für Mädchen und Jungen in Lateinamerika, Afrika, Asien und Osteuropa. Gemeinsam mit Partnern vor Ort, das sind zum Beispiel kirchliche Strukturen, Ordensgemeinschaften oder Nichtregierungsorganisationen, wird für Kinder Raum und Möglichkeit geschaffen, Bildung zu erfahren. In Bangladesch unterstützt das Kindermissionswerk die Arbeit der Soner Bangla Foundation (SBF). Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von SBF engagieren sich im Kampf gegen Kinderarbeit und setzen sich für eine Verbesserung des Bildungssystem ein.

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