„Mit dem Kirchenasyl schützen wir das Grundgesetz“

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  • Hamburg - 03.09.2013

Die Vorsitzende der ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche , Fanny Dethloff, verteidigt die Praxis des Kirchenasyls als Menschenrechtsarbeit. Im Interview blickte die Pastorin und Flüchtlingsbeauftragte der Nordkirche am Dienstag in Hamburg zurück auf 30 Jahre Kirchenasyl und sprach über die Situation der rund 300 afrikanischen Flüchtlinge, die seit Juni in Kirchen, Moscheen und Solidaritätsgruppen in Hamburg Aufnahme fanden.

Frage: Frau Dethloff, was versteht man eigentlich unter Kirchenasyl?

Dethloff: 1983 gewährte die Berliner Heilig-Kreuz-Gemeinde zum ersten Mal in Deutschland Flüchtlingen Schutz. Sie nahm mehrere palästinensische Familien auf, die in den vom Bürgerkrieg zerrütteten Libanon zurückkehren sollten. Die Flüchtlinge hatten gegen ihre Abschiebung geklagt, doch noch vor einer Gerichtsentscheidung sollten sie ausreisen. Auch heute schützen Kirchen Asylbewerber vor Abschiebung, wenn deren Leben im Herkunftsland bedroht ist und drängen auf eine Überprüfung des Falles; bei sogenannten Dublin-Fällen verhindern sie eine Rückführung innerhalb Europas, wenn dadurch eine Abschiebung ins Herkunftsland droht.

Frage: Inzwischen wurden Härtefallregelungen ins Zuwanderungsgesetz aufgenommen.

Dethloff: Durch die Arbeit der Härtefallkommissionen in den Bundesländern ist die Anzahl der Menschen im Kirchenasyl zurückgegangen. Zustände wie Ende der 90er Jahre, als sich etwa in Nordrhein-Westfalen einige hundert Menschen im Wanderkirchenasyl befanden, sind Gott sei Dank vorbei.

Frage: Wie viele Menschen suchen derzeit in Deutschland in Kirchen Schutz vor einer Abschiebung?

Dethloff: Wir schätzen, dass sich rund 100 Menschen im Kirchenasyl befinden. Oft handelt es sich um sogenannte stille Kirchenasyle. Das heißt, die Kirchen geben den Behörden die Aufenthaltsorte der Flüchtlinge bekannt, aber informieren nicht die Presse. So können die Gemeinden oft besser verhandeln.

Frage: Begeben sich Gemeinden, die Kirchenasyl gewähren, nicht in eine rechtliche Grauzone?

Fanny Dethloff, Pastorin und Vorsitzende der Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft „Asyl in der Kirche“ KNA

Dethloff: Was manche uns als Unterstützung von Menschen ohne Papiere im illegalen Aufenthalt vorwerfen, ist unserer Meinung nach Menschenrechtsarbeit. In 80 Prozent der Fälle gewinnen wir die Prozesse und können nachweisen, dass die Flüchtlinge Schutz benötigen und ein Abschiebeschutz gewährt werden muss. Mit dem Kirchenasyl schützen wir das Grundgesetz.

Frage: Was ist mit der Gruppe der sogenannten Lampedusa-Flüchtlinge in Hamburg?

Dethloff: In diesem Fall handelt es sich formal um kein Kirchenasyl. Die Menschen sind aus Libyen 2011 auf die Mittelmeerinsel geflohen und waren dann in Italien zwei Jahre in einem Lager. Im Februar schloss Italien die Lager, stellte den Flüchtlingen jedoch humanitäre Aufenthaltstitel aus. Die Menschen haben ein Bleiberecht in Italien. Dennoch haben sie dort kaum eine Perspektive und erhalten keine Hilfe. Die Kirche sowie Unterstützergruppen gewähren ihnen Schutz und Obdach.

Frage: Die Afrikaner fordern als Gruppe einen Aufenthaltstitel in Deutschland. Haben sie damit eine Chance?

Dethloff: Die Menschen haben die gleichen Merkmale wie den gleichen Fluchtweg hinter sich. Dennoch verweigert sich der Innensenator einer Gruppenlösung. Viele sind gut ausgebildet und wollen nur einen Aufenthaltstitel, um möglich schnell Arbeit aufzunehmen. Wahrscheinlich ist eine Gruppenlösung schneller, aber wenn die Behörden Einzelfallprüfungen vornehmen, denke ich, werden viele bleiben.

Frage: Wie lange können die Gemeinden noch Unterkunft gewähren?

Dethloff: Wir planen von Woche zu Woche. Aber wir haben ein breites Netzwerk und erhalten viele Spenden. Speziell in St. Pauli gab es in den vergangenen Wochen viele Kircheneintritte. Andere sagten, jetzt wüssten sie wieder, wofür sie Kirchensteuer zahlten.

Frage: Unterscheiden sich die evangelische und die katholische Kirche beim Kirchenasyl?

Dethloff: Kirchenasyl gewähren in Deutschland überwiegend evangelische Kirchen. Doch auch einige katholische Gemeinden, vor allem Klöster, nehmen immer wieder meist im Stillen Flüchtlinge auf. Aufsehen erregten in den 90er Jahren die Benediktinerinnen im niedersächsischen Dinklage und 2003 die Dominikanerinnen im niederrheinischen Schwalmtal. Beide Male kam es zu Einsätzen der Polizei. Nicht nur die katholische, sondern auch die evangelische Kirche muss sich künftig noch mehr für Flüchtlinge einsetzen. Papst Franziskus hat da mit seinem Besuch auf Lampedusa ein starkes Zeichen gesetzt. Auch als evangelische Pastorin freut mich das sehr.

Von Bettina Nöth

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