„Christen haben Angst vor Militäreinsatz“

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  • Vatikanstadt/Aachen - 28.08.2013

Ein Militäreinsatz westlicher Kräfte gegen das Assad-Regime wird immer wahrscheinlicher: Nach den USA bereitet auch Großbritannien einen Einsatz in Syrien vor. Wie die britische Regierung bekannt gab, bereiten britische Streitkräfte Notfallpläne für einen Militäreinsatz als Antwort auf den Chemiewaffeneinsatz in Syrien vor, der mittlerweile kaum noch bezweifelt wird. David Cameron hat für Donnerstag eine Sitzung einberufen, in der über eine Antwort der Regierung auf den Giftgaseinsatz entschieden werden soll. Assads Außenminister stellte klar, dass Militäreinsätze um Damaskus dennoch nicht gestoppt würden.

Über die möglichen Folgen eines Militäreinsatzes der westlichen Kräfte in Syrien und welche Alternativen es vielleicht doch noch gibt – darüber sprach der Islamwissenschaftler und stellvertretenden Leiter der Auslandsabteilung des Missionswerks Missio , Matthias Vogt, mit Radio Vatikan. Er sieht es als äußerst gefährlich an, wenn die Nato oder die US-Regierung, die Franzosen oder die Briten ohne UN-Mandat und gegen den erklärten Widerstand von Russland in Syrien militärisch eingreifen.

Vogt: Es macht mich selber auch hilflos und sprachlos: Jeder von uns hat das Gefühl, man muss doch jetzt etwas tun, man muss etwas unternehmen nach diesem Giftgaseinsatz. Aber man sollte jetzt auch nichts tun, was den Konflikt nur anheizt und nicht zu einem schnellen Ende führt. Jetzt einen Militärschlag zu führen, nur weil man sich unter Handlungsdruck sieht oder weil man eine rote Linie definiert hat, und jetzt sein Gesicht verlieren würde, das halte ich für sehr gefährlich und nicht verantwortbar. Weil so viele Leben und das Leiden so vieler unschuldiger Menschen der Zivilbevölkerung in Syrien damit verbunden sind. Zumal, aus meiner Sicht jedenfalls, kein politisches Konzept für eine Lösung des Syrienkonfliktes auf dem Tisch liegt.

Dr. Matthias Vogt ist stellvertretender Leiter der Auslandsabteilung des internationalen katholischen Missionswerks Missio in Aachen. Missio Aachen

Frage: Wie könnte denn eine friedliche Lösung aussehen?

Vogt: Auf syrischer Seite glaube ich, dass die beiden Konfliktparteien so lange kein Interesse an einem Dialog haben, so lange sie das Gefühl haben, dass sie von jeweils einer Seite der internationalen Mächte unterstützt werden. Assad wird von Russland unterstützt, die Opposition vom Westen. Beide denken, sie könnten ihre Schutzmächte in diesen Konflikt hineinziehen. Wenn jetzt die Gespräche, die eigentlich für heute in Den Haag zwischen den Vertretern Russlands und der USA geplant waren, schon wieder abgesagt wurden und die Konferenz Genf 2, auf die man im September gehofft hatte, damit wieder nicht vorbereitet wird, sehen sich beide Konfliktparteien darin bestätigt, dass die internationalen Partner auch kein Interesse am Dialog haben. Die beiden Lager könnten sich darin bestärkt fühlen, ihre militärischen Anstrengungen fortsetzen zu müssen. Daher müssen sich erst Russland und der Westen einig werden und tatsächlich einen Dialog führen. Erst dann kann man hoffen, dass man auch die beiden syrischen Konfliktparteien zu einem Dialog bewegen kann. Aber im Moment sind die Fronten sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene in Syrien tatsächlich verhärtet.

Frage: Wie geht es den Christen vor Ort?

Vogt: Die Berichte, die ich bekomme, sind von Schwestern aus Damaskus und Homs. Sie haben vor einem internationalen Engreifen in Syrien große Angst, weil sie sehen, dass eine Militärintervention das Chaos in Syrien noch vergrößern würde. Gerade die Christen leiden in besonderer Weise unter dem Chaos, was sich nicht nur die Rebellen, sondern auch Gruppen von Banditen zunutze machen, um Menschen zu entführen – das betrifft Christen, das betrifft aber auch Muslime – um Lösegeld zu erpressen, um straflos Morde und andere Straftaten, Plünderungen zu begehen. Die Christen haben, wie alle Syrer, ein großes Interesse daran, dass dieser Konflikt schnell zu Ende geht und es eine stabile Lösung für Syrien gibt. Ich glaube, den Menschen in Syrien ist im Moment fast egal, wer Gewinner dieser Auseinandersetzung ist. Sie möchten nur, dass der Krieg möglichst schnell endet.

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