Wortgefechte zwischen Farc-Rebellen und Kirche

  • Bogotá - 27.08.2013

Verhandelt wird seit zehn Monaten – doch noch immer liegen die Nerven blank. Nun gibt es Wortgefechte zwischen der Guerilla-Organisation Farc und der katholischen Kirche. Diese verweigere sich dem Friedensprozess, schimpft Farc-Delegationsleiter Jorge Torres Victoria alias „Pablo Catatumbo“. Während all der Jahre habe sie es versäumt, von der Kanzel aus für Frieden und Versöhnung zu sorgen.

Der Konter folgte prompt: Mit Blick auf die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen der linksgerichteten Guerilla erinnerte Kardinal Dario Castrillon Hoyos (84) an die Verantwortlichkeiten in dem bewaffneten Konflikt: „Die Farc sind nicht unbedingt die Guten in diesem Spiel.“ In der kubanischen Hauptstadt läuft die insgesamt 13. Etappe der Friedensverhandlungen zwischen den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (Farc) und der kolumbianischen Regierung.

Erzbischof von Calis versucht zu schlichten

Calis Erzbischof Dario de Jesus Monsalve wirbt um eine differenzierte Betrachtung der Farc-Schelte. Er verstehe sie als Aufruf zu Selbstreflexion, Versöhnung und Selbstkritik der Kirche. Der Oberhirte der Millionenstadt gilt in der Kolumbianischen Bischofskonferenz als der Bischof mit dem besten Draht zu den linksgerichteten Rebellen.

Die zweitgrößte Guerilla-Organisation des Landes, die ELN, bat Monsalve in diesen Tagen, die Übergabe einer kanadischen Geisel an das Internationale Rote Kreuz zu begleiten. Die Kirche, so erinnerte der Erzbischof die Farc, unterstütze in Kolumbien derzeit in rund 700 Sozialprojekten die Opfer des bewaffneten Konfliktes: Ihr Anliegen sei immer gewesen, „an der Seite der Opfer zu stehen, Vergebung und Versöhnung zu unterstützen.“

Catatumbo und Präsident Santos gestehen Menschenrechtsverletzungen ein

Die Attacke Catatumbos auf die katholische Kirche überlagert eine andere Aussage, auf die vor allem die Opfer der Farc bislang vergeblich gewartet hatten: öffentlich einzugestehen, dass eben die Guerilla in diesem jahrzehntelangen blutigen Krieg ihren maßgeblichen Anteil an Mord, Folter, Entführung, Vertreibung und Erpressung habe. „Ohne Zweifel haben auch unsere Kämpfer Grausamkeit und Schmerz verursacht“, sagte nun Catatumbo – und brach damit endlich das Schweigen zu diesem heiklen Punkt. Erst im Juli hatte Kolumbiens Staatspräsident Juan Manuel Santos offiziell „schwere Verletzungen“ der Menschenrechte durch frühere Regierungen eingestanden.

Beobachter werten das zwar eher beiläufig geäußerte Farc-Eingeständnis der Mitschuld als einen wichtigen Schritt für einen erfolgreichen Abschluss der Friedensverhandlungen. Doch die Zeit drängt. Im nächsten Jahr stehen Präsidentschaftswahlen an. Vorher will Präsident Santos das Volk noch per Referendum über ein mögliches Friedensabkommen abstimmen lassen. Ob das gelingt, ist nach wie vor offen.

Atmosphäre weiterhin angespannt

Ohnehin überrascht die Farc-Delegation in Havanna mit stets neuen Vorschlägen, Attacken und Forderungen, die eigentlich in ein Parlament oder den Wahlkampf gehören und nicht an den Verhandlungstisch. Uruguays Präsident Jose Mujica, ein ehemaliger Guerillakämpfer, rief die Rebellen zuletzt auf, sich auf realistische Forderungen zu beschränken. Mujica steht mit beiden Seiten in Kontakt. Dass er in dieser Woche sogar vorschlug, die Friedensverhandlungen von Havanna nach Montevideo zu verlagern, um die Gespräche zu forcieren, spricht nicht gerade für eine euphorische Einschätzung der Lage.

Hoffnung macht dagegen, dass Präsident Santos jüngst ein persönliches Treffen mit Farc-Chef Timoleon Jimenez alias „Timochenko“ nicht mehr kategorisch ablehnt. Doch die Realität holt ihn rasch ein: Der offizielle Tötungsbefehl, falls die Armee „Timochenko“ auf kolumbianischen Territorium stellen sollte, bleibe weiter bestehen, stellte der Präsident klar. Und auch die Farc hat ihre Kämpfer zur Tötung des kolumbianischen Präsidenten aufgerufen, sollten sie die Gelegenheit dazu haben. Solange noch kein Frieden herrscht, sind auf beiden Seiten weiter martialische Töne zu vernehmen.

Von Tobias Käufer

© KNA

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