Ein Jahr nach dem „Massaker von Marikana“

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  • Kapstadt - 16.08.2013

Dutzende Tote und eine Rückkehr in eine dunkle Vergangenheit: Heute jährt sich in Südafrika das sogenannte Massaker von Marikana. Bei gewalttätigen Protesten im August 2012 kamen in der Mine bei Johannesburg 34 Bergleute ums Leben. Die meisten starben durch Kugeln der Polizei – für viele längst vergessene Szenen aus der Zeit der Rassentrennung. Die Medien berichteten von der „schlimmsten Gewalt seit Ende der Apartheid.“

Die Bilder gingen um die Welt: Gepanzerte Polizisten mit Schlagstöcken auf der einen Seite, Bergarbeiter mit Knüppeln und Macheten auf der anderen. Der Zusammenstoß schockte Südafrika nachhaltig. Staatspräsident Jacob Zuma beauftragte eine Ermittlungskommission. Nach vier Monaten sollte sie ihren Bericht abliefern – ein Jahr danach warten die Angehörigen noch immer. „Wenn sie die Kommission auflösen wollen, sollen sie das endlich bekanntgeben“, eifert ein Arbeiter, der damals mit Verletzungen davonkam.

„Es ist nicht richtig, von armen Menschen zu erwarten, dass sie ohne Rechtshilfe durch den Prozess gehen.“

Kommission verliert an Glaubwürdigkeit

Die Kommission scheint mehr Fragen als Antworten gefunden zu haben. Drei Zeugen wurden seit dem Massaker ermordet, ein weiterer nach Morddrohungen von seiner Aussage befreit. Indes verliert das Gremium an Glaubwürdigkeit. Zuletzt wurden die Sitzungen unterbrochen, da Angehörige und Opfer ihre Anwälte nicht mehr bezahlen konnten. „Es ist nicht richtig, von armen Menschen zu erwarten, dass sie ohne Rechtshilfe durch den Prozess gehen“, so ein Opferanwalt. Der Anwalt von Ex-Präsident und Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela, George Bizos, fordert staatliche Hilfe für die Opfer, um das „öffentliche Vertrauen und die Glaubwürdigkeit“ der Untersuchungen zu wahren.

Jacob Zuma, Präsident Südafrikas KNA

Südafrikas Minenriesen setzten hingegen alles daran, die Vorfälle von Marikana als einen Ausbruch rivalisierender Gewerkschaften darzustellen. Experten zufolge hätte der Zwischenfall auch in jedem anderen Bergwerk des Landes passieren können. Ursächlich seien die Arbeitsbedingungen: Gesundheits- und Altersvorsorge gebe es nur in Ausnahmefällen; im Durchschnitt verdient ein Bergarbeiter nur umgerechnet 305 Euro im Monat. Die südafrikanische Zeitung „Sunday Times“ berichtet von der Familie eines getöteten Minenarbeiters, die von monatlich 107 Euro staatlichen Zuwendungen lebt.

Keine Maßnahmen in Sicht

Vereinzelt wurden die Gehälter seit dem Vorfall erhöht. Die entscheidenden Lektionen ließen dennoch auf sich warten, sagt Ralph Hamann, Sozialwissenschaftler an der Universität Kapstadt: „Es gab viele Diskussion und einige Vorschläge, etwa die Situation der Gastarbeiter zu verbessern. Tatsächliche Maßnahmen wurden jedoch nicht ergriffen.“ Auch die Sicherheitskräfte hätten aus der Tragödie wenig gelernt, berichtet Gareth Newham vom Institute for Security Studies (ISS) in Pretoria: „Die führenden Köpfe leugnen, dass die Polizei irgendetwas falsch gemacht habe.“

Im kommenden April stehen in Südafrika Parlaments- und Präsidentschaftswahlen an. Die Tageszeitung „Business Report“ schätzt, dass das Erbe von Marikana darauf entscheidenden Einfluss haben könnte: „Als 34 Bergleute tot in der Felslandschaft lagen, eröffnete der Horror einige Chancen für politische Gegenspieler.“ Die rivalisierenden Gewerkschaften in Marikana unterstützen einerseits den Afrikanischen Nationalkongress (ANC), andererseits den oppositionellen Pan Africanist Congress (PAC).

Am besten versteht es der geschasste frühere ANC-Jugendführer Julius Malema, sich die Verzweiflung der Menschen zunutze zu machen: Er gründete im Juli seine eigene Partei, die Economic Freedom Fighters (EFF). Seine Forderung: die Verstaatlichung von Minen und die Zwangsenteignung von Agrarland. Heute, am Jahrestag, will Malema Hunderte Anhänger am Schauplatz des Massakers versammeln, um die Arbeiter für sich zu gewinnen.

Von Markus Schönherr

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