„Die Regierung tut nichts“

  • Bonn/Freetown - 16.08.2013

In einem Interview mit dem westafrikanischen Magazin „Politico“ kritisiert der katholische Ordensbruder Lothar Wagner die Regierung von Sierra Leone aufs Schärfste. „Die häusliche Gewalt, vor allem gegen Mädchen, nimmt im Land drastisch zu“, so der 39-jährige deutsche Salesianerbruder. Es bestehe die Gefahr, dass eine ganze Generation durch Gewalt und Ausbeutung geprägt werde, die wiederum neue gesellschaftliche Unruhe auslösen könnten.

Bruder Lothar leitet das Straßenkinderzentrum Don Bosco Fambul in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone. Zusammen mit einem Team aus Sozialarbeitern hilft er heimatlosen Kindern und Jugendlichen wieder auf die Beine.

Im Interview mit „Politico“ prangert Bruder Lothar vor allem die Tatenlosigkeit von Regierung und Polizei an. „Unschuldige Kinder werden in Gefängnisse gesteckt, Mädchen vergewaltigt, ohne dass die Täter zur Rechenschaft gezogen würden, und die Regierung tut nichts“, so der Sozialpädagoge und Theologe. Die derzeitige Lebenssituation der Kinder vergleicht Bruder Lothar mit einem Krieg gegen Kinder, der gestoppt werden müsse.

Sierra Leone ist nach dem UN-Index von 2013 das ärmste Land der Welt. Eine Folge der katastrophalen medizinischen Versorgung ist die weltweit niedrigste Lebenserwartungsrate im Land. Nach einem zehnjährigen Rebellenkrieg wird der Wiederaufbau des Landes durch die Korruption zusätzlich erschwert. Seit diesem Jahr führt Sierra Leone laut „Transparency International“ die Liste der korruptesten Länder der Erde an.

TV-Tipp

Der Bayrische Rundfunk sendet am kommenden Sonntag, 18. August 2013, 10.40 Uhr, eine TV-Dokumentation über Bruder Lothar und seinen Kampf gegen den Kinderhandel.

www.br.de

Wir haben für Sie das vollständige Interview mit Bruder Lothar Wagner ins Deutsche übersetzt:

Frage: Wie schätzen Sie derzeit die Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen in Sierra Leone ein?

Wagner: Don Bosco Fambul hat im März 2013 auf massiv steigende Zahlen von Vergewaltigungen an Mädchen und jungen Frauen in Sierra Leone aufmerksam gemacht. Täglich kommen Mädchen mit schwersten Gewalterfahrungen in unser Mädchenhaus. Die häusliche Gewalt, vor allem gegen Mädchen, nimmt drastisch zu. Das sind alarmierende empirische Daten. Wir haben also allen Grund zur Sorge, dass hier eine Generation eine Bildung und eine Sozialisation erhält, die völlig in die falsche Richtung geht. Sie können letztendlich bald größere gesellschaftliche Probleme und soziale Unruhen hervorbringen. Die Regierung tut nichts. Nun muss gehandelt werden. Nein zu Gewalt in Kinderziehung, Nein zu Vergewaltigungen und Nein zur Ausbeutung von unseren Kindern! Nach einem zehnjährigen Rebellenkrieg wollen wir, dass der Krieg gegen die Kinder endet.

Bruder Lothar Wagner, Leiter von Don Bosco Fambul in Freetown, Sierra Leone. Don Bosco Mission

Frage: Don Bosco Fambul ist afrikaweit bekannt für seine Straßenkinderarbeit. Wie sieht die Lage auf den Straßen Freetowns aus?

Wagner: Das Leben auf den Straßen Freetowns ist konflikt- und gewaltbeladen. Wir stellen fest, dass immer mehr kleinere Jungen bereits im Alter unter zwölf von den Familien ausgestoßen werden und auf den Straßen landen. Viele sind auch Opfer von skrupellosem Kinderhandel. Wildfremde Menschen oder aber auch Verwandte bringen Kinder aus kinderreichen Familien aus dem Landesinneren nach Freetown. Meist versprechen die Kinderhändler ein Schulstipendium. Sind die Kinder dann in Freetown, werden sie ausgebeutet und gezwungen, für die Täter zu arbeiten. Hier spielt physische sowie psychische Gewalt eine große Rolle. Derzeit gehört auch eine bekannte Rechtsanwältin in Freetown zu den Tätern. Der Sozialminister und auch die Polizei sind informiert. Wir verzeichnen auf den Straßen auch eine Zunahme von Kindern aus dem Nachbarland Guinea. Die haben dann zusätzlich noch das Sprachproblem.

Frage: Sie kritisieren seit Jahren die Rolle der Polizei.

Wagner: Ja, und das werden wir wohl fortführen müssen. Denn viele Polizisten machen regelrecht nächtliche Jagd auf Straßenkinder. Während wir gerade hier sprechen, wird ein Junge im Notfallkrankenhaus operiert. Er und andere wurden von Polizisten in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag im Stadtzentrum von Freetown gejagt. Dabei fiel er in einen Wassergraben und brach sich das Bein. Wir haben Kinder, die tagelang zusammen mit Erwachsenen in Polizeizellen ausharren müssen. Wir haben auch Fälle der Ausbeutung von Straßenkindern durch Polizisten. Vier unserer Jungen, die wir erfolgreich wieder in ihre Familien integrieren konnten, wurden von Polizisten in Kissy ausgeraubt und geprügelt; zwei von ihnen wurden anschließend für zwei Tage in die Polizeizelle gesperrt.

Frage: Was tut Don Bosco Fambul dagegen?

Wagner: Wir melden die Missbrauchsfälle dem „Complaint Discipline Internal Investigation Department“ (CDID) im Headquarter der Polizei. Dort werden die Fälle untersucht. In der Regel werden daraufhin die Vorfälle von oberster Polizeistelle bedauert und ein hartes Vorgehen gegen die kriminellen Polizisten versprochen. Meist bleibt es aber bei gutgemeinten Absichten. Es geschieht nichts. Die Täter sind immer noch im Dienst und die Opfer werden durch genau diese Polizisten auf den Straßen angepöbelt oder sogar attackiert – auch ich habe das am eigenen Leib erlebt. Werden die Fälle öffentlich, fällt die Polizei in ihre üblichen Verhaltensmuster, nämlich die der Leugnung, was zeigt, dass die Bereitschaft zur Änderung überhaupt nicht vorhanden ist.

Frage: Sind denn die Kinder und deren Familien eigentlich bereit zur Aussage gegen die Polizei?

Wagner: Leider nur ein geringer Teil. Zum einen haben sie kein Vertrauen in die Polizei und ergeben sich ihrem Schicksal. Zum anderen ist die polizeiliche Untersuchung eine reine Zeitverschwendung und mit Schikanen übersät. Es beginnt bereits damit, dass immer ein „Police Medical Report“ eines einzigen Arztes im Counaught Hospital angefertigt werden muss. Hier erleben die Opfer bereits die erste Hürde: langes Warten mit Schmerzen sowie Kosten von 25.000SLL, die die meisten nicht aufbringen können. Das schützt viele Täter und auch kriminelle Polizisten, denn hier geben die ersten Opfer auf. Es besteht dringender Handlungsbedarf durch die Regierung! Mehr Ärzte und kostenfreie medizinische Untersuchung für die Opfer!

Benjamin Koroma von der Don Bosco Telefonberatung in Sierra Leone Don Bosco Fambul/Kindermissionswerk

Frage: Und was geschieht bei den Vergewaltigungsfällen?

Wagner: Wir haben dem Sozialminister des Landes exemplarisch vier Fälle von Manipulierung der polizeilichen Ermittlung in Vergewaltigungsfällen vorgelegt. Mutmaßliche Täter befinden sich in Freiheit, Gerechtigkeit für die Opfer wird nicht hergestellt. In einem Fall ist der Täter ein einflussreicher PMDC-Politiker, der derzeit keine Gelegenheit auslässt, meine Mitarbeiter und die ganze Einrichtung in Verruf zu bringen. Wir lassen uns aber nicht einschüchtern und warten auf Ergebnisse. Ich bin stolz auf meine Mitarbeiter! Und wir setzen darauf, dass der Präsident selbst in diesen Vorgängen bald Stellung bezieht.

Frage: Und wie hilft Don Bosco Fambul den Opfern?

Wagner: Zunächst geben wir natürlich den Kindern Schutz und Sicherheit, medizinische Versorgung, Nahrung, Kleidung. Wir geben Beratung und Therapie für die teilweise schwer traumatisierten Kindern. Wir haben für Mädchen, die Gewalt erfahren haben, eine Kriseninterventionsstelle, die rund um die Uhr geöffnet hat. Professionelle Sozialarbeiter geben psycho-soziale Betreuung. Kinder können uns rund um die Uhr unter der Hotline 116 anrufen und erhalten Beratung und Unterstützung. Danke an Africell, Airtel und Comium, die diese wichtige Hilfe seit drei Jahren ermöglichen.

Original erschienen in Politico, am Mittwoch, 14.08.2013

Mehr Informationen zu Don Bosco Fambul finden Sie bei Don Bosco Mission und Don Bosco Mondo .

© Don Bosco Mission