„Syrien ist ein Spielplatz für Extremisten“

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  • Bonn - 12.08.2013

Als Nothilfekoordinator der Welthungerhilfe war Jürgen Mika schon in Afghanistan und Pakistan, um Menschen im Land zu unterstützen. Im Juli begleitete er einen Hilfskonvoi nach Syrien. Im Interview spricht er über die Begegnungen vor Ort und die Herausforderungen für westliche Hilfsorganisationen in dem Bürgerkriegsland.

Frage: Herr Mika, Sie waren vor kurzem in Syrien unterwegs. War es gefährlich?

Mika: Wir sind glücklicherweise in keine brenzlige Situation geraten. Aber wir versuchen mit unseren Transporten die zahlreichen Checkpoints und andere Begegnungen mit bewaffneten Personen zu vermeiden. Man hat es mit verschiedenen Akteuren zu tun, die Befreiungsarmee, Splittergruppen und Extremisten, die aus der ganzen Welt dazu stoßen. Das ist für uns sehr unübersichtlich, weil wir nicht wissen, auf wen wir treffen. Wir können nie sicher sein, dass jene Gruppen, die wir bei der letzten Lieferung angetroffen haben und mit denen wir übereingekommen sind, das nächste Mal noch da sind. Die Situation ändert sich schnell.

Frage: Mit welcher Gruppierung hat Ihre Organisation denn die meisten Schwierigkeiten während der Hilfslieferungen?

Mika: Schwierig wird es, wenn wir Extremisten begegnen. Je länger der Konflikt dauert, desto mehr bekommen die Extremisten die Überhand in Syrien. Das Land ist ohnehin ein Spielplatz für Großmächte und Extremisten geworden. Die gehen da rein, bekommen eine Waffe in die Hand und können machen, was sie wollen. Es ist Anarchie. Das macht das Ganze für uns sehr schwierig. Wer uns eher unterstützt ist die syrische Opposition, die sogenannte „Syrian Liberation Front“.

Frage: Ihre Hilfslieferungen gehen hauptsächlich in die sogenannten befreiten Zonen, die nicht mehr in Regierungshand sind. Wie geht es den Menschen dort?

Mit zwei LKWs lieferte Jürgen Mika Hilfsgüter wie Zeltplanen, Werkzeugkästen und Hygieneartikel an ein syrisches Flüchtlingslager in der Region Jarabolus in Nordsyrien. KNA

Mika: In den Gebieten, aus denen sich die syrische Armee zurückgezogen hat, ändert sich schnell, wer das Sagen hat. Dennoch sind diese Regionen für uns leichter erreichbar. Und die Menschen dort brauchen dringend Hilfe. Sie sind von der Infrastruktur abgeschnitten, es gibt keinen Strom mehr, kein Wasser, keinen Sprit, kein Saatgut und keine Nahrungsmittel. Die Versorgung hier ist schlechter, sicher auch weil die Regierung sie bewusst von der Infrastruktur abschneidet. Außerdem verliert das Geld aufgrund einer Inflation an Wert. An die Banken kommen sie nicht mehr heran, denn in den befreiten Gebieten gibt es kein Bankenwesen mehr. Also die Leute haben viel verloren.

Frage: Welche Hilfsgüter liefern Sie an die Menschen?

Mika: Wir haben Planen, Kochgeschirr und Hygieneartikel geliefert. Die Menschen sitzen dort teilweise im Zelt und besitzen im Prinzip nichts mehr außer ihrer Kleidung. Das, was sie zu Geld machen konnten, haben sie vielleicht verkauft. Mit den Planen haben wir dann versucht, Schattengestelle aufzubauen, denn in den Zelten kann es locker 60 Grad heiß werden. Ansonsten beliefern wir Bäckereien mit Mehl, verteilen Brot und Nahrungsmittelpakete.

Frage: Wie kritisch ist die Nahrungsmittelsituation zurzeit?

Mika: Das wird ein Problem werden. Im Land wird nur noch halb so viel Getreide produziert wie vor der Krise. Eine ausreichende Versorgung ist nicht mehr gewährleistet. Außerdem hat Syrien nie genug für den Eigenbedarf produziert, sondern zusätzlich Getreide importiert. Saatgut können wir zwar verteilen, aber wie wird es bewässert? Die Pumpen werden mit Dieselgeneratoren betrieben, doch der Zugang zu Sprit und Ersatzteilen ist wie gesagt schwierig. Nächstes Jahr werden die Syrer wohl noch weniger Ernte haben.

Frage: Ergreifen Sie da als Welthungerhilfe vorbeugende Maßnahmen?

Mika: Es ist sehr schwer, Zugang zu den Menschen zu bekommen. Wir versuchen das, was geht. Es ist aber nicht zu vergleichen mit einer Naturkatastrophe, wo wir von der Regierung aufgerufen werden zu helfen und relativ frei agieren können. Zurzeit fahren wir monatlich Lieferungen mit Nahrungsmitteln von der Türkei nach Syrien. Da ist Getreide dabei, Mehl, Hülsenfrüchte, Nudeln, Brot und Öl. Aktuell bereiten wir eine weitere Hilfslieferung für den Herbst vor. Wir arbeiten vor Ort auch stark mit anderen Hilfsorganisationen zusammen.

Frage: Was war für Sie persönlich ein positives Erlebnis in Syrien?

Mika: Mein schönstes Erlebnis hatte ich bereits an der Grenze zu Syrien. Wir mussten den ganzen Tag lang warten, um durchzukommen. Vorher fuhren kleine LKW durch, Busse mit Flüchtlingen und wir brauchten lange, um die Lieferungen umzuladen. Als die Sonne unterging, öffnete sich endlich die Grenze. Dahinter kamen uns syrische Helfer mit türkischer Pizza und Cola in der Hand entgegen, um mit uns das Iftar zu begehen, das Fastenbrechen, denn es war Ramadan. Auch wenn wir uns kaum verständigen konnten, war das ein ganz besonderer Moment.

Von Claudia Zeisel

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Hilfe für syrische Flüchtlinge

Neben der Welthungerhilfe leistet auch Caritas international, das Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, Nothilfe in Syrien und den Nachbarländern. Spenden können online getätigt werden oder per Banküberweisung auf folgendes Konto:

Kto-Nr. 202
Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe
BLZ 660 205 00
Stichwort: Nothilfe Syrien

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