Friedenserziehung in Zeiten des Krieges

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  • Khirbet Qanafar - 08.08.2013

Herzlich willkommen! Probieren Sie unser frisches Brot und nehmen Sie sich einen Kaffee dazu!“ Pfarrer George Haddad erhebt sich zur Begrüßung und lädt mit einem warmen Lächeln ein, Platz zu nehmen. Auch an den anderen Tischen sitzen kleine Gruppen beisammen und genießen das noch warme Brot und den heißen Kaffee. Es ist Frühstückszeit in der Johann-Ludwig-Schneller-Schule in Khirbet Qanafar, einem Ort in der Bekaa-Ebene unweit der syrischen Grenze.

Die Sonne strahlt hell durch die großen Fenster, die den Blick freigeben auf den biblischen Garten, der hinter dem Gebäude liegt. Angelegt ist er in Form eines Fisches, seit 2.000 Jahren das Erkennungszeichen der Christen. Im Garten blühen und duften Lavendel und Rosen; auch Pinien und Zedern locken Vögel und Bienen an, die die Samen in die weite, fruchtbare Ebene hinaustragen. Auf den Feldern werden Kartoffeln geerntet, Getreide wird eingefahren. Kundige Hände bearbeiten unzählige Weinstöcke, an deren Reben bereits kleine Trauben zu sehen sind.

Trügerische Ruhe

Die paradiesische Ruhe trügt. Jenseits der Schneller-Schule werden Menschen entführt und getötet, siedeln Zehntausende syrische Kriegsflüchtlinge in Rohbauten, Zelten und einfachen Hütten. Schwerbewaffnete Kämpfer ziehen aus dem Nordlibanon über die Grenze in den Krieg in Syrien. Viele finden dort einen raschen Tod, andere kehren verletzt in den Libanon zurück. Es sei schwer, ausländisches Personal zu bekommen, sagt Pfarrer Haddad. „Sie fürchten die Gefahren.“

Pfarrer George Haddad in seinem Büro. Im Hintergrund zu sehen ist eine Büste des Gründers Johann Ludwig Schneller. KNA

Gefahren sind an diesem sonnigen Morgen nicht zu spüren. Die Schülerinnen und Schüler sind in den Ferien, Handwerker hämmern und sägen und geben Flurwänden und Decken einen neuen Anstrich. Die schulfreie Zeit werde genutzt, um zu renovieren und zu reparieren, erzählt Pfarrer Haddad bei einem Rundgang über das Gelände. Die KFZ-Werkstatt, die Schreinerei und die Bäckerei werden weit über die Schule hinaus wegen ihrer Qualität geschätzt. Neu ist ein Ausbildungszentrum für Mädchen: Dort erlernen sie den Beruf der Friseurin und Kosmetikerin.

Mehr als nur Lesen und Schreiben

Es geht um mehr als Lesen und Schreiben in der Schneller-Schule. 350 Schüler und Schülerinnen werden derzeit von 70 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet, 122 Schüler und Schülerinnen wohnen im Internat. Das Wohnhaus für die Mädchen sei gerade auf einen modernen Stand gebracht worden, erzählt Pfarrer Haddad; die Unterkünfte erinnerten in nichts mehr an die kargen Schlafräume und Bäder der Anfangszeit. Ziel der Schule ist es, Kindern aus unterprivilegierten Familien eine Chance zu geben. Die Altersspanne reicht von drei bis 20, auch ein Kindergarten gehört zur Schule.

Bei der Gründung der ersten Schneller-Schule 1860 in Jerusalem lag der Schwerpunkt noch auf der Missionierung der Kinder: Sie sollten der Kern einer neuen christlichen Schneller-Gemeinde werden. Doch in der Geschichte hat sich das Curriculum deutlich verändert, erklärt George Haddad. Er ist selber ein Kind der Schneller-Schule, deren Leitung er 2006 übernahm.

„Unsere heutige Mission ist Toleranz und Erziehung zum Frieden.“

— Pfarrer George Haddad

Man dürfe nicht vergessen, dass die Schüler Christen und Muslime unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften seien. „Heute geht es nicht mehr um die Bekehrung zum Christentum“, sagt der Pfarrer. „Unsere heutige Mission ist Toleranz und Erziehung zum Frieden.“ Die Kinder lernten, alle Glaubensrichtungen zu respektieren und Gewalt abzulehnen. Der Religionsunterricht bestehe aus vier Teilen: „Ein Viertel christliche Religion, eine Viertel islamische Religion, ein Viertel Friedenserziehung und ein Viertel Umwelterziehung.“

„Wir feiern Ostern, Weihnachten, Adha und Ramadan“, sagt Pfarrer Haddad nicht ohne Stolz. Im vergangenen Schuljahr hätten zwei Schüler einen islamischen Gottesdienst in der Kirche gestaltet, über den Propheten Mohammed gesprochen und „eine sehr schöne Predigt über den Beginn des Islam und die fünf Säulen des Islam“ gehalten. Pfarrer Haddad strahlt noch jetzt, als er sich daran erinnert. „Mit islamischen Gebeten und Liedern, eine fantastische Erfahrung war das in unserer kleinen Kirche.“

Von Karin Leukefeld

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