Entwicklungsziele nach 2015 – Wie geht es weiter?

  • Bonn - 07.08.2013

Der Countdown für die Millenniums-Entwicklungsziele (MDG) der Vereinten Nationen läuft. Doch schon jetzt ist absehbar: Nur einige der Punkte werden tatsächlich bis 2015 realisiert sein. Zwar ist das Ziel, den Anteil der von extremer Armut Betroffenen zu halbieren, schon erreicht. Aber immer noch leben rund 1,4 Milliarden Menschen in extremer Armut. Schuld daran sind laut Hildegard Hagemann unter anderem die menschenunwürdigen Arbeitsverhältnisse, in denen besonders häufig Migranten und Jugendliche arbeiten müssen. Im Interview mit dem Internetportal Weltkirche erläutert die Justitia et Pax-Mitarbeiterin, welche Ziele auf der Entwicklungsagenda nach 2015 (Post-2015-Agenda) nicht fehlen dürfen.

Frage: Frau Hagemann, zusammen mit verschiedenen anderen kirchlichen Einrichtungen hat die Deutsche Kommission Justitia et Pax Mitte Juni eine Stellungnahme zur Post-2015-Agenda veröffentlicht. Was fordern Sie in diesem Papier?

Hagemann: Mit der Stellungnahme unterstützen wir die Forderungen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, menschenwürdige Arbeit und soziale Sicherung als Ziele in die Entwicklungsagenda nach 2015 aufzunehmen. Das Papier ist das Ergebnis eines halbjährigen Gesprächsprozesses zwischen unterschiedlichen katholischen Organisationen, die sich mit den Angelegenheiten der ILO beschäftigen. Neben der Deutschen Kommission Justitia et Pax sind das unter anderem Caritas internationalis, Kolping International, die Weltbewegung christlicher Arbeitnehmer, die katholischen Arbeiterjugendverbände, die internationale Vereinigung christlicher Unternehmer, Pax Romana, der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden und die Ständige Mission des Heiligen Stuhls bei der Vereinten Nationen. Wir hoffen, durch das Positionspapier den Diskussionsprozess um die Post-2015-Agenda zu bereichern.

Frage: Welche Kriterien machen menschenwürdige Arbeit aus?

Hagemann: Zu einer menschenwürdigen Arbeit zählen unter anderem eine geregelte Arbeitszeit, ein angemessenes Verhältnis zwischen Arbeitszeit und Freizeit und ein sicheres Einkommen, von dem man sich selbst und seine Familie ernähren kann. Das ist leider alles andere als der Normalzustand, da ein Großteil der Menschen weltweit in informellen Arbeitsverhältnissen beschäftigt ist. Hier kommt es besonders häufig zu Menschenrechtsverletzungen.

Frage: Welche Menschen sind besonders gefährdet, in solch prekären Arbeitsverhältnissen zu landen?

Hildegard Hagemann, Referentin der Geschäftsstelle von der Deutschen Kommission Justitia et Pax. KNA

Hagemann: Migranten, die als Wanderarbeiter ihr Geld verdienen, sind häufig betroffen. Aus finanzieller Not verlassen sie ihre Heimat, um in anderen Ländern eine Arbeit zu finden. Das Problem dabei ist, dass viele der Migranten die Arbeits- und Rechtsverhältnisse, die Sprache und Kultur des jeweiligen Landes nicht kennen. Das macht es für sie schwer, ihre Rechte gegenüber ihren Arbeitgebern durchzusetzen. Eine weitere gefährdete Gruppe sind Jugendliche. Diese stehen weltweit vor einer Perspektivlosigkeit: entweder, weil sie nach ihrem Schulabschluss keinen Ausbildungsplatz erhalten oder weil sie später als hoch ausgebildete Fachkräfte trotzdem keinen Job finden.

Frage: In ihrer Stellungnahme schreiben Sie, dass Arbeitsmigration ein wichtiges Mittel zur Bekämpfung der Armut ist. Wie haben Sie das gemeint?

Hagemann: Die Migranten arbeiten in fremden Ländern und schicken das meiste Geld, das sie verdienen, zurück zu ihren Familien. In der Regel wird dort das Geld sinnvoll investiert: in die Ausbildung der Kinder oder in die Gesundheitsvorsorge. So gesehen sind diese Rücküberweisungen eine Möglichkeit für die Familien, der akuten Armut zu entkommen. Ein weiterer Vorteil ist das Fachwissen, das die Migranten während ihrer Arbeit im Ausland sammeln, zum Beispiel in Bezug auf den Umgang mit neuen Technologien. Diesen Erfahrungsschatz können sie dann nach der Rückkehr in ihre Heimat wieder gut einsetzen.

Die Arbeitsmigration hat allerdings auch Schattenseiten. Denn für das Herkunftsland entstehen hohe gesellschaftliche und finanzielle Kosten. Wenn ein oder sogar manchmal beide Elternteile die Familie verlassen und ihre Kinder in der Fürsorge von Verwandten oder Freunden zurückbleiben, gerät das Sozialgefüge der Gesellschaft in eine Schieflage. Darüber hinaus steigt durch die Arbeitsmigration das Risiko, dass auf dem nationalen Markt primär für das Ausland ausgebildet wird und die eigene Förderung der Beschäftigung im Inland auf der Strecke bleibt.

Frage: Wie setzt sich die Kirche für die Rechte von Arbeitsmigranten und Wanderarbeitern ein?

Hagemann: Kirche und Gewerkschaften arbeiten häufig gemeinsam daran, dass die internationalen Standards zum Schutz von Migranten auch hier in Deutschland ratifiziert werden. Mit politischen Gesprächen, Stellungnahmen, Konferenzen und Positionspapieren versuchen wir, auf die genannten Missstände aufmerksam zu machen. Und es lohnt sich: Anfang Juni hat die Bundesregierung – unter anderem auf Drängen der Kirche – die ILO-Konvention für menschenwürdige Arbeit von Hausangestellten anerkannt. Einen solchen Erfolg erhoffen wir uns auch in Bezug auf die UN-Konvention für Wanderarbeiter und deren Familien, die von Deutschland noch nicht ratifiziert wurde.

Frage: Neben der Forderung nach menschenwürdiger Arbeit weltweit – welche zentralen Themen müssen in der Entwicklungsagenda nach 2015 noch aufgegriffen werden?

Hagemann: Ganz klar die Frage der Hungerbekämpfung. Darüber hinaus müssen Maßnahmen erarbeitet werden, wie man unsere endlichen Ressourcen weiterhin schützt und die Welt für kommende Generationen lebenswert erhält. Es ist sehr wichtig, diese Debatten um Umwelt, nachhaltige Entwicklung und Armutsbekämpfung zusammenzubringen.

Das Interview führte Lena Kretschmann.

Deutsche Kommission Justitia et Pax

Die Deutsche Kommission Justitia et Pax ist ein „Runder Tisch“ katholischer Organisationen, die sich für Menschenrechte, Frieden und Entwicklung einsetzen. Weitere Informationen zum Engagement von Justitia et Pax im Post-2015-Prozess finden Sie hier:

www.justitia-et-pax.de

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