Wohlfühl-Kirchen für Arme und Mittelschicht

  • Bonn/Rio de Janeiro - 30.07.2013

Es ist ein kontinentales Phänomen – aber nirgends in Lateinamerika ist der Zuwachs der evangelikalen Pfingstkirchen und Sekten so rasant wie in Brasilien. Die Mitgliederzahlen der katholischen Kirche stagnieren, aber gemessen am großen Bevölkerungswachstum bedeutet das eine Schrumpfung von rund 90 Prozent im Jahr 1970 auf nur noch etwa 65 Prozent im Jahr 2010. Im gleichen Zeitraum wuchsen die Pfingstler von weniger als 5 Millionen auf zuletzt 42 Millionen. Besonders groß ist der Popularitätsverlust des Katholizismus bei der Jugend und in der Stadt.

Die Pfingstkirchen, die „pentecostales“, sind allerdings keine homogene Bewegung, sondern sehr unterschiedliche Gruppierungen, Gemeinden und Sekten. Der Bielefelder Religionssoziologe Heinrich Wilhelm Schäfer differenziert die These von den Pfingstkirchen als politische „U-Boote des US-Imperialismus“, die bis heute von vielen Soziologen vertreten werde.

Traditionelle und moderne Pfingstler

Schäfer unterscheidet zwischen den traditionellen Pfingstkirchen und den sogenannten Neo-Pfingstkirchen. Erstere seien eher in der Unterschicht angesiedelt; sie litten zu Beginn ihrer Entstehung unter der Erfahrung von Elend und Verlust der Zukunft und neigten zu einer apokalyptischen Erlösung durch Christus und zum Rückzug in eigene Bezüge und Netzwerke. Die zweite Gruppe sei dagegen deutlich in der modernisierenden oberen Mittelschicht vertreten.

Prediger einer Pfingstkirche bei einem Gottesdienst im Stadtzentrum von Manaus in Brasilien. Pohl/Adveniat

Diese „Wohlfühl-Kirchen“ böten eine Religiosität für den modernen, beanspruchten Menschen und vermittelten das Gefühl, der Gottesdienst mache wieder fit für den Alltag. Während die klassischen Pfingstkirchen die These vom US-Imperialismus überhaupt nicht nachvollziehen könnten, so Schäfer, griffen die Neo-Pfingstkirchen das Argument sogar selbst auf: Man wolle nicht länger die latinische, katholische Welt der Korruption, des Kungelns mit der Macht, sondern einen nordamerikanisch geprägten, auf Effektivität ausgerichteten Protestantismus. Pikant sei nur, dass mehrere Pfingst-Politiker, etwa in Guatemala oder Brasilien, damit erfolgreich angetreten und schließlich durch Korruptionsskandale gescheitert seien.

Der Mainzer Sozialethiker Gerhard Kruip warnt vor einer Selbsttäuschung durch Mitgliederzahlen. Die Zahl der Kirchgänger und Engagierten bei den Pfingstkirchen sei wesentlich höher als bei den Katholiken. Es gehe in Wahrheit nicht um statistische 80 Prozent Katholiken zu 20 Prozent Protestanten; auszugehen sei etwa von rund 10 Prozent engagierten Protestanten und 15 bis 20 Prozent Katholiken.

Aufschwung der Pfingstkirchen

Der Thyssen-Manager Ekkehard Schulz, dessen Konzern zuletzt ein neues Stahlwerk in Brasilien eröffnete, attestiert den dortigen Kirchen weiter großen Einfluss und gesellschaftliche Gestaltungskraft. Sie vermittelten Werte und gäben sozialen Halt. Besonders die Pfingstkirchen hätten den Aufschwung der vergangenen zehn Jahre offenkundig gut genutzt, meint der Manager: durch Präsenz unter den Armen; den massiven Einsatz moderner Kommunikationsmittel; Präsenz an wichtigen Stellen in Politik, Showbusiness und Sport.

Der Einfluss der Pfingstkirchen in Lateinamerika wächst. Pohl/Adveniat

Die Kritik müsse allerdings ähnlich groß ausfallen wie der Erfolg: Schulz attestiert Oberflächlichkeit, eine persönliche Bereicherung Einzelner sowie ein großes Potenzial zur Massenmanipulation. Die Sozialwissenschaftlerin Regina Alves Fernandes aus Rio sieht für die Elendsquartiere der Großstädte einen zweifachen Trend: eine Hinwendung zu den Pfingstkirchen, die plakativ und ohne fundierte Theologie ein besseres Leben versprächen, oder andererseits eine zunehmende Abkehr von Religion überhaupt mit dem Gefühl: Gott kümmert sich nicht um mich.

Um dies zu verhindern, setzt der katholische Lateinamerikanische Bischofsrat (CELAM) seit seiner Generalversammlung im brasilianischen Aparecida 2007 auf eine neue Missionierung des Kontinents. Nicht im Sinne einer Volksmission im landläufigen Sinne und auch nicht nach einem einheitlichen Schema. Es brauche vielmehr individuelle Zugänge der einzelnen Diözesen, je nach deren Situation. Papst Franziskus hat als damaliger Erzbischof von Buenos Aires maßgeblich an diesem Konzept mitgeschrieben.

Von Alexander Brüggemann

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Tagung: „Evangelikale – Pfingstkirchen – Charismatiker“

Vom 9. bis 11. April 2013 veranstaltete die Deutsche Bischofskonferenz in Rom eine internationale Konferenz zum Thema „Neue religiöse Bewegungen“. Weiterführende Informationen und Studien zur Konferenz finden Sie hier:

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