Therapieversuch für Brasilien

  • São Paulo - 11.07.2013

Nach den landesweiten Protesten im Juni geht die brasilianische Regierung nun in die Offensive: Anfang der Woche kündigte Staatspräsidentin Dilma Rousseff eine Reform des Gesundheitssystems an. Für umgerechnet eine Milliarde Euro sollen 10.000 neue Stellen in unterversorgten Regionen geschaffen werden. Allerdings regt sich bereits Kritik. Vor allem bei Ärzteverbänden stoßen die Anwerbung ausländischer Mediziner und die Verlängerung des Medizinstudiums auf Widerstand.

Dabei scheint eine Reform unumgänglich. Laut Verfassung haben zwar alle Brasilianer ein Anrecht auf kostenlose Behandlung, doch in der Realität leidet das Gesundheitssystem „Sistema Unico de Saude“ (SUS) unter chronischer Unterfinanzierung. Besonders in abgelegenen und armen Regionen herrscht massiver Ärztemangel, in Krankenhäusern fehlt es von medizinischem Gerät über Medikamenten bis zum Verbandszeug an nahezu allem.

Die hygienischen Bedingen sind in vielen Hospitälern und Gesundheitsposten prekär, viele haben wegen Personalmangel nur tageweise geöffnet. Deshalb reisen Patienten oft über Hunderte von Kilometern zur Behandlung in die Großstädte. Aber auch dort müssen Kranke oft Monate auf eine Behandlung warten. Wer es sich leisten kann, bezahlt deshalb die oft überteuerten Privatversicherungen.

„Mais Medicos“ – mehr Ärzte

Für Abhilfe soll nun das Programm „Mais Medicos“ (Mehr Ärzte) sorgen. Zielvorgabe ist, schon bis Mitte September 10.000 zusätzliche Ärzte in unterversorgten Regionen zu schicken. Sollten sich nicht genügend brasilianische Mediziner finden, dürfen die Stellen auch durch ausländische Ärzte besetzt werden. Kandidaten werden an Universitätskliniken auf ihre fachliche Qualifikation getestet, zudem müssen sie über ausreichende Kenntnisse der Landessprache verfügen. Das Angebot richtet sich vor allem an Spanier und Portugiesen, die Beschäftigung soll auf drei Jahre beschränkt bleiben. Monatlich erhalten sie 10.000 Reais, umgerechnet 3.435 Euro, für eine 40-Stunden-Woche.

In vielen Krankenhäusern Brasiliens mangelt es an allem. Escher/Adveniat

Nötig sind die ausländischen Ärzte vor allem wohl in abgelegenen Regionen des Landes. Denn brasilianische Ärzte ziehen es vor, in den Privatkliniken der großen Städte zu arbeiten, wo sie ein Vielfaches des staatlichen Gehalts verdienen. „Wir können einen Arzt, der in der Hauptstadt leben will, nicht zwingen, aufs Land zu gehen“, sagte Rousseff bei der Vorstellung ihrer geplanten Maßnahmen.

Kritik seitens der Medizinerverbände

Die Medizinerverbände halten das Programm für eine „Ausbeutung der Ärzte“ und für rechtlich problematisch. Sie kündigten eine Verfassungsklage an. So liege das gesetzliche Mindestgehalt bereits für eine halbe, nicht eine volle Stelle bei über 10.000 Reais. Zudem sei eine Anstellung ausländischer Ärzte ohne brasilianisches Diplom professionell und juristisch fragwürdig.

Die Regierung hatte erklärt, ausländische Arztdiplome nicht anzuerkennen. Das soll verhindern, dass die Zugereisten wie ihre brasilianischen Kollegen in den lukrativen Privatsektor der Großstädte abwandern. Die Ärzteverbände nennen die geplante Ortsbindung der ausländischen Mediziner eine moderne Form von Sklaverei.

Die Reform sieht auch vor, dass ab 2015 angehende Mediziner ein zweijähriges Praktikum im staatlichen Gesundheitssystem absolvieren. Zudem will Brasilien innerhalb der nächsten vier Jahre 11.500 neue Studienplätze für Medizin schaffen. Der praktische Arbeitseinsatz als Teil des Studiums werde dafür sorgen, die Ärzte „menschlicher zu machen“ und ihnen „die reale Situation der Bevölkerung im Gesundheitssystem“ nahebringen, so Bildungsminister Aloizio Mercadante.

„Junge, gerade aus dem Studium kommende Studenten in dieses brutale Umfeld zu schicken, wo Patienten auf den Flurböden liegen, wo es an Material und Geräten fehlt, macht niemanden menschlicher“, kritisierte Roberto d''Avila, Präsident des Nationalen Medizinrats.

Der Widerstand gegen die Reformpläne nimmt zu. Nachdem im Juni Hunderttausende für Verbesserungen im Gesundheitssystem protestiert hatten, gingen in den vergangenen Tagen vielerorts auch Ärzte und Medizinstudenten gegen die Regierung auf die Straße.

Von Thomas Milz

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