Testfall für die Demokratie

  • © Bild: KNA
  • Essen/Bonn - 19.06.2013

Über 200.000 Menschen sind am Montagabend in verschiedenen Städten Brasiliens auf die Straße gegangen. Sie demonstrieren gegen Misswirtschaft, Korruption und die hohen Kosten der Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Laut Medienberichten ist es die größte Protestaktion seit 20 Jahren. Im Interview mit dem Internetportal Weltkirche zeigt sich Klemens Paffhausen, Brasilien-Referent beim katholischen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat, überrascht von der Heftigkeit der Demonstrationen, schließt jedoch eine Destabilisierung des Landes aus. Die Kirche verfolgt mit besonderem Interesse die Entwicklung der Proteste – schließlich steht Ende Juli der Weltjugendtag in Rio an, zu dem bis zu 4 Millionen Pilger erwartet werden.

Frage: Über 200.000 Menschen sind am Montag in Brasilien auf die Straße gegangen, um gegen Korruption und die hohen Kosten der anstehenden Sport-Großereignisse, Fußball WM 2014 und Olympische Spiele 2016, zu demonstrieren. Wie ist derzeit die Lage in diesen Städten?

Paffhausen: Die Proteste halten zurzeit noch an. Leider ist es vereinzelt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Demonstranten und der Polizei gekommen.

Frage: Wie steht die Regierung zu den Protesten? Hat sich Brasilien mit der Ausrichtung der beiden Großereignisse finanziell und gesellschaftlich übernommen?

Paffhausen: Mir ist noch keine offizielle Stellungnahme der Brasilianischen Regierung bekannt. Grundsätzlich sind die Brasilianer stolz darauf, Ausrichter der sportlichen Großereignisse zu sein. Seit Ende der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts erfährt Brasilien ein außerordentlich lang anhaltendes Wirtschaftswachstum, mit allen Licht- und Schattenseiten. Im Prinzip ist das Klima für große Investitionen gar nicht schlecht. Deshalb überrascht die Heftigkeit und Breite der Proteste. Diese richten sich vor allem gegen die Defizite in den Bereichen Bildung, Gesundheitswesen und Sicherheit. Vor allem auch die Korruption wird scharf angeprangert.

Klemens Paffhausen ist Brasilien-Referent beim Hilfswerk Adveniat. Martin Steffen/Adveniat

Frage: Muss man befürchten, dass sich die derzeitigen Demonstrationen zu einer Massenbewegung ausbreiten, die Brasilien destabilisieren könnten?

Paffhausen: Friedliche Demonstrationen gehören auch in Brasilien zu einer demokratischen Kultur. Ich hoffe, dass gewalttätige Auseinandersetzungen die Ausnahme bleiben und eine friedliche und sachbezogene Diskussion auch über den notwendigen sozialen Fortschritt geführt wird. Eine Destabilisierung schließe ich aus.

Frage: Mit dem Weltjugendtag, der vom 23. bis 28. Juli in Rio stattfindet, steht das erste Großereignis kurz bevor. Wie reagiert die katholische Kirche in Brasilien auf die Demonstrationen?

Paffhausen: Die Kirche ist seit Jahren Fürsprecher der Verlierer des Wirtschaftswachstums. Der Weltjugendtag kann ein Forum werden, um die hier offenbar werdenden Probleme in friedlicher und nachhaltiger Weise zu debattieren – beispielsweise beim International Youth Hearing . Auch Papst Franziskus stellt das Thema der Gerechtigkeit in den Mittelpunkt. Er kennt die Seite der Armen genau. Ich bin sicher, dass er die drängenden sozialen Fragen stellt und diese auch gehört werden.

Frage: Gibt es seitens der Kirche Bedenken, dass sich diese Unruhen negativ auf die Anmeldezahlen für den WJT und das Ereignis an sich auswirken könnten?

Paffhausen: Nein, davon gehe ich nicht aus.

Frage: Ein zentrales Leitmotiv der Kirche in Lateinamerika ist die Option für die Armen. Angesichts der elf Milliarden Euro, die allein für die Fußballweltmeisterschaft ausgegeben werden sollen, rückt diese Option in Brasilien ziemlich in den Hintergrund …

Paffhausen: Die Kirche wird – gerade angesichts solcher Ausgaben – nicht müde, für die Armen einzutreten. Dafür ist der Weltjugendtag ein gutes Beispiel: Die Reise zum WJT nach Brasilien ist die erste Auslandsreise des neuen Papstes. Sie gilt der Jugend der Welt, insbesondere den lateinamerikanischen Jugendlichen. Sie gilt aber auch den Armen und Benachteiligten: Papst Franziskus wird eine Favela besuchen und sich mit straffällig gewordenen Jugendlichen treffen. In diesen Bereichen ist ja auch Adveniat mit seinen Projekten präsent und versucht so, den Benachteiligten eine Stimme zu geben. Zurzeit unterstützen wir jährlich etwa 600 Projekte in Brasilien, die den Armen zu Gute kommen.

Das Interview führte Lena Kretschmann.

Information

Weitere Nachrichten zum Thema finden Sie auf der Adveniat-Seite

www.blickpunkt-lateinamerika.de

© weltkirche.katholisch.de