„Freier sollten bestraft werden“

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  • Berlin - 19.06.2013

Um Menschenhandel und Prostitution Einhalt zu bieten, müsste die Bestrafung von Freiern weiter gefasst werden als bisher, fordert der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. Dass nur der Missbrauch von Minderjährigen und die Zwangsprostitution unter Strafe stünden, reiche nicht aus.

Ludwig Schick im Gespräch mit Philipp Gessler

Philipp Gessler: Die Internationale Arbeitsorganisation ILO geht davon aus, dass allein in der Europäischen Union rund 880.000 Menschen leben, die von Menschenhandel betroffen sind. Dabei geht es vor allem um die Ausbeutung der Arbeitskraft – und um die sexuelle Ausbeutung durch Prostitution: 880.000 Mal Leid.

Unter dem Leitwort „Die Sklaverei ist nicht vorbei – Menschenhandel heute bekämpfen“ hat die Deutsche Bischofskonferenz kürzlich in Würzburg eine internationale Tagung ihrer Kommission Weltkirche und Mission organisiert – mit erschütternden Berichten von Fachleuten aus der ganzen Welt.

Darüber habe ich vor der Sendung mit dem Bamberger Erzbischof Ludwig Schick gesprochen. Der katholische Oberhirte ist Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Bischofskonferenz. Meine erste Frage an ihn war, welches der Schicksale, von denen er auf dieser Tagung gehört hat, ihn besonders bewegt hat.

Ludwig Schick: Ja, ganz besonders bewegt natürlich das Schicksal der zwangsprostituierten Menschen, die wirklich von anderen erst verführt werden, mit falschen Versprechungen gelockt werden und dann gezwungen werden zur Prostitution, oft unter wirklich unmenschlichen Bedingungen. Und das ist am schockierendsten, das schockiert mich am meisten.

„Wir müssen mehr Bewusstsein schaffen“

Erzbischof Schick über Menschenhandel und Zwangsprostitution.

weltkirche.katholisch.de

Gessler: Kriegen Sie denn diese Bilder, die Sie da in Ihren Kopf bekommen haben, wieder raus aus dem Kopf?

Schick: Ja, natürlich, indem man anfängt, etwas dafür zu tun. Diese Tagung hat ja Aktivisten gegen Menschenhandel aus der ganzen Welt zusammengeführt. Und wir haben auch ganz konkrete Dinge besprochen und beschlossen, die wir jetzt umsetzen möchten. Und gerade in der Umsetzung bekommt man die Schicksale aus dem Kopf, indem man etwas tut, dass diese Schicksale eben nicht weiter vorkommen und keine neuen hinzukommen.

Gessler: Verliert man denn angesichts solcher Geschichten, die man da hört, nicht gelegentlich den Glauben an das Gute im Menschen?

Schick: Ja, das ist nicht so einfach, deshalb sage ich auch immer bei solchen Tagungen, es ist wichtig, auch dabei zu beten und Gottesdienst zu halten. Denn wenn wir das tun, dann spüren wir, dass der neue Himmel und die neue Erde kommen werden, irgendwann, von Gott uns geschenkt. Das Beten ist dabei ganz wichtig, sonst kann man wirklich den Mut verlieren.

Gessler: Jetzt hat ja eigentlich die Bundesregierung im Jahr 2001 gehandelt. Sie hat da ein Prostitutionsgesetz verabschiedet, was gut gemeint war, aber das offensichtlich voll nach hinten losgegangen ist. Es gibt jetzt mehr Ausbeutung von Frauen, die sich prostituieren müssen. Und Deutschland, sagen manche, ist zum Bordell Europas geworden.

Erzbischof Ludwig Schick bedankt sich bei Najla Chahda für ihren eindrucksvollen Vortrag. weltkirche.katholisch.de

Schick: Leider Gottes muss man sagen, dass jetzt bei diesem Gesetz von 2001 eingetroffen ist, was Bert Brecht schon in seinen Keuner-Sprüchen gesagt hat: „Was ist das Gegenteil von gut? Gut gemeint.“ Das war gut gemeint, und das muss man auch den Politikern zugutehalten, aber es ist eben anders gekommen. Durch dieses Gesetz wurde nicht Prostitution nur legalisiert, sondern die Zwangsprostitution wurde mehr verheimlicht, das Gesetz hat die Chance gegeben, dass unter der Decke der Legalität noch mehr Illegalität sich breitgemacht hat. Deshalb ist es unbedingt notwendig, dieses Gesetz zu ändern. Es gibt ja auch gut meinende Politiker, die jetzt schon dran sind.

Gessler: Kann man das überhaupt noch heilen, dieses Gesetz, oder muss man das nicht völlig abschaffen?

Schick: Ja, wir als Kirche sind natürlich gegen jede Prostitution. Wenn es keine Prostitution gäbe, dann gäbe es auch keine Zwangsprostitution, dann gäbe es auch keinen Menschenhandel für Prostitution. Aber wir müssen die Realitäten dieses Lebens sehen und die Politiker verpflichten, das Beste zu tun, dass Menschenhandel für Prostitution nicht vorkommt, untersagt ist und auch nicht handhabbar ist.

Gessler: Finden Sie das nicht einen Skandal, dass die EU, die ja auch jetzt aktiv geworden ist mit einer Richtlinie zur Bekämpfung des Menschenhandels, dass diese EU-Richtlinie einfach in Deutschland nicht umgesetzt wird?

Schick: Ich hoffe einfach, noch nicht umgesetzt wird. Ich hoffe auch, dass sie bald umgesetzt wird. Diese Richtlinie ist ein Schritt nach vorne und muss bei uns umgesetzt werden.

Gessler: Ist in dieser Gesellschaft die zunehmende Ausbeutung von etwa Frauen aus Osteuropa in der Prostitution vielleicht einfach egal, weil sie davon profitiert?

„Diese Frauen sind hochtraumatisiert“

Menschenrechtlerin Inge Bell über die Mechanismen von Frauenhandel und Zwangsprostitution.

Lena Kretschmann

Schick: Ich hoffe nicht. Wir appellieren immer wieder an das Gute des Menschen, jeder Mensch ist nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen, und wir vertrauen darauf, dass der Mensch grundsätzlich gut ist. Und wenn er böse handelt, dann ist er eigentlich von sich selbst entfremdet, von seinem Gutsein entfremdet, und handelt dann böse. Wir appellieren immer wieder an das Gute im Menschen.

Gesetzgebung ist wichtig und kann Menschenhandel verhindern und manches andere Böse auch, aber das ist nicht allein die Gesetzgebung, die Böses verhindern kann. Wir appellieren auch immer wieder an die Menschen, dass sie nicht ihre Habgier, ihre Machtgier, ihren Versuchungen und inneren Bedürfnissen, die schlecht sind, zum Teil nachgeben, sondern dass sie sich auch nach dem Tugendkatalog immer wieder richten, also die Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Maßhalten, Weisheit, dass das durchgehalten wird und den Menschen bestimmt, und dass er auch danach strebt, nach Solidarität, nach Güte, nach Barmherzigkeit, dass die Menschen gegenseitig ihre Würde und ihre Rechte anerkennen. Auch das ist ein wichtiges Feld, wo wir wirken müssen, da ist auch die Bildung wichtig, die Herzensbildung, die Gewissensbildung, auch das ist ein Bereich, in dem wir tätig sind und sein müssen als Kirche und als Christen.

Gessler: Hat das die katholische Kirche in diesen Diskussionen, gerade bei Prostitution, vielleicht etwas schwerer, weil sie eben von ihren Priestern das Zölibat verlangt und man dann irgendwie denkt, na ja, die Leute, die da reden, gerade auf Bischofsebene, die wissen nicht wirklich, wovon sie reden?

Schick: Dieser Vorwurf ist sicher nicht richtig, aber verständlich. Ein Priester kann genauso gut sich informieren wie alle anderen auch, und alle, die gegen Menschenhandel zur Zwangsprostitution sind, die sind ja nicht selber darin verwickelt. Auch die engagierten Laien, die wir haben, wir haben uns informieren lassen von Frauen aus dem Libanon, aus Indien, aus Mexiko, die dort Aktivistinnen gegen Menschenhandel sind. Wir tun als Priester das Unsrige, aber die katholische Kirche ist breiter aufgestellt als Priester und Bischöfe.

Gessler: Ganz konkret, sollte etwa wie in Schweden zum Schutz von Frauen, auch in Deutschland, der Freier bestraft werden?

Schick: Ja, das ist eine Forderung, die wir schon lange stellen, dass auch Freier bestraft werden. Es werden ja auch Freier bestraft, zum Beispiel, wenn sie wissen, dass Zwangsprostitution vorliegt, wenn sie Minderjährige eben missbrauchen, dann wird ja auch bestraft. Aber diese Bestrafung der Freier, die müsste noch weiter gefasst werden, um auch da mitzuhelfen, dass Menschenhandel für Prostitution nicht vorkommt.

Gemeinsamer Austausch über das Abschlussdokument im Plenum. weltkirche.katholisch.de

Gessler: Ist nicht auch das Frauenbild vieler Männer ein Problem, dass eben Prostitution irgendwie als etwas Normales gilt, und geht die Kirche in dieser Hinsicht, was das Frauenbild angeht, eigentlich mit gutem Beispiel voran?

Schick: Ja, es gibt natürlich das Machogehabe, und dieses Machogehabe, das steckt in etlichen Männern drin, und daraus entsteht dann auch Prostitution, Gang zu Prostituierten, Besuche von Bordellen. Wir als Kirche achten die Frauen, und ich denke, dass gerade die Kirche auch im Vergleich zu anderen Religionen und anderen Kulturen, also das Christentum, für die Emanzipation der Frau ganz viel getan hat. Die gleiche Würde, die gleichen Rechte für die Frau, das ist eigentlich vom Christentum her gefordert und auch in die Weltgesellschaft eingebracht worden.

Gessler: Aber nicht in der Kirche.

Schick: Doch, in der Kirche schon, auch wenn nicht alle Frauen die gleichen Aufgaben übernehmen können, aber das ist noch mal eine andere Diskussion. Aber die grundsätzliche Anerkennung der Würde der Frau, die gleich ist mit der Würde des Mannes, das ist unabdingbare Lehre der katholischen Kirchen.

Gessler: Das organisierte Verbrechen blüht, auch wegen des Menschenhandels, in Deutschland, leider. Nun hat der Papst, der neue Papst, erstmals einen Priester, Pino Pugliesi, der in Sizilien gegen die Mafia gekämpft hat und von der Mafia auch umgebracht wurde, selig gesprochen. Hat die Kirche zu lange geschwiegen zum Thema organisiertes Verbrechen?

Schick: Es wurde immer wieder thematisiert, aber in letzter Zeit häufiger. Ich denke, wir hätten auch schon früher mehr dazu sagen müssen, aber es gilt halt auch der Spruch: Es ist selten zu früh, aber nie zu spät. Und wenn wir jetzt mit all unseren Mitteln gegen Menschenhandel, gegen Ausbeutung von Menschen, egal wofür eintreten und da auch entsprechende Forderungen stellen, aber auch Gesetzesinitiativen fordern und damit diskutieren, auch in der Erziehung und Bildung etliches tun, damit Menschen den Menschenhandel grundsätzlich ächten, auch keinerlei Menschenhandel akzeptieren und schon gar nicht in Anspruch nehmen, dann, glaube ich, tun wir heute das Nötige. Vielleicht hätten wir früher anfangen sollen, aber jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde, und jetzt müssen wir dran.

Mit freundlicher Genehmigung von Deutschlandradio Kultur .

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