Geschäft Entwicklung

  • Brüssel - 04.06.2013

Ziehen sich die G8-Staaten aus ihrer Verantwortung als Entwicklungspartner zurück und funktionieren nur noch als „Broker“ zwischen afrikanischen Staaten und privatem Agrobusiness? Ist die G8-Initiative „Neue Allianz für Ernährungssicherung“, die auch vom Bundesentwicklungsministerium (BMZ) unterstützt wird, in Wahrheit nur ein Instrument, um Großkonzernen Zugang zu afrikanischen Märkten zu verschaffen? Schadet sie am Ende den Kleinbauern in Afrika mehr, als ihnen zu nutzen?

Diese Sorgen äußern CIDSE, ein Zusammenschluss von 17 katholischen Nichtregierungsorganisationen aus Europa, und die „Ecumenical Advocacy Alliance“ (EAA), ein internationales ökonomisches Netzwerk von Kirchen und kirchennahen Institutionen, in einem gemeinsamen Bericht . Er wurde am Dienstag zusammen mit dem katholischen Hilfswerk Misereor in Brüssel vorgestellt.

Die „Neue Allianz für Ernährungssicherung“ war auf dem G8-Gipfel in Camp David im Mai 2012 ins Leben gerufen worden. Sie soll in den nächsten zehn Jahren 50 Millionen Menschen in Afrika aus Armut und Hunger befreien. Dazu sollen privates Investment im Agrarbereich massiv angekurbelt und so die Produktivität und das Einkommen der Bauern vor Ort gesteigert werden. Doch das könnte verheerende Folgen haben, befürchten CIDSE und EAA.

Marktwert statt Menschenrecht

Zwar könnten der Privatsektor, vor allem kleine und mittelständische örtliche Unternehmen, eine Rolle bei der Entwicklung der Länder des Südens spielen. Aber die G8-Initiative spiele den multinationalen Unternehmen in die Hände. „Hier wird Ernährungssicherheit nur noch als Marktwert gesehen, nicht als Menschenrecht“, heißt es in dem Bericht. Nach Auskunft von CIDSE sind bisher rund 45 Unternehmen in die Allianz eingebunden, darunter Konzerne wie Unilever, Dupont und der US-Agrarriese Monsanto.

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Besonders schlimm findet die Hauptautorin des Berichts, Gisele Henriques, die von der Allianz vorgesehenen „Kooperationsvereinbarungen“. Diese werden zwischen einem afrikanischen Land, einem Konzern und einem G8-Staat getroffen. Als Voraussetzungen für privates Investment sehen diese Vereinbarungen vor, dass das betreffende Land deutliche Veränderungen in seiner Gesetzgebung und Infrastruktur vornimmt.

Abhängigkeit von internationalen Konzernen

Benjamin Luig, Referent für Agrarpolitik bei Misereor, nennt das Beispiel Mosambik: Dort soll die Regierung die Verbreitung von hybridem, im Labor optimierten Saatgut gesetzlich festlegen. „Damit wäre der Austausch von selbstgezüchtetem Saatgut, wie es unter afrikanischen Kleinbauern üblich ist, irgendwann illegal“, sagt Luig. Die Bauern würden so immer abhängiger vom kommerziellen Saatgut der Konzerne. Viele von ihnen seien überdies zu arm, um sich das überhaupt leisten zu können. „Und dann müssten die afrikanischen Regierungen sehen, ob sie das mit eigenem Geld subventionieren oder dazu von der Afrikanischen Entwicklungsbank Kredite aufnehmen – in jedem Fall bezahlen es die Afrikaner“, ergänzt CIDSE-Vertreterin Henriques.

Ein weiterer wunder Punkt ist die Landvergabe. Auch sie soll im Rahmen der neuen Initiative erleichtert werden. Das Problem ist aber, dass es in vielen afrikanischen Ländern traditionell keine gesicherten Bodentitel oder Katastereinträge gibt. Vielerorts gehört der Boden seit Generationen den Dorfgemeinschaften. Nun aber, so Luig, sollen in Ländern wie Mosambik, Tansania oder Äthiopien „Wachstumskorridore“ geschaffen werden – Gebiete, in denen die Vergabe von Land beschleunigt wird. „Es ist zu befürchten, dass auch das nicht den Kleinbauern, sondern den großen Agrarunternehmen zugutekommt“, so Luig.

Die Kritiker fordern nun von der G8 eine Umorientierung ihrer Politik „weg von der Geschäftsorientierung hin zur Zusammenarbeit mit den bäuerlichen Gemeinschaften vor Ort“. Der nächste G8-Gipfel findet am 17. und 18. Juni im nordirischen Lough Erne statt.

Von Monika Hoegen

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