Amazonas-Feeling hautnah

  • © Bild: KNA
  • Brasilien - 24.05.2013

Der Weltjugendtag in Rio de Janeiro rückt näher, die Planungen in Deutschland gehen in die entscheidende Phase. Rund 2.000 Jugendliche werden sich aus den 27 deutschen Diözesen in die Millionenstadt an der Copacabana aufmachen. Dort laufen die Vorbereitungen für das katholische Großereignis (23. bis 28. Juli) bereits auf Hochtouren.

In der Rua Benjamin Constant 23 im Herzen der Millionenstadt sitzen schon seit Monaten täglich gut 150 junge Freiwillige in einem Großraumbüro. Sie stellen Fotos, Videos und Texte in verschiedenen Sprachen online oder beantworten Fragen: „Wo werden wir übernachten?

Wie kommen wir von den Unterkünften zu den Katechesen?“ Freiwillige aus allen Regionen der Welt stehen in den Landessprachen für die Organisatoren zur Verfügung – viele ehrenamtliche Helfer sind schon seit Monaten vor Ort, um das WJT-Team bei der Arbeit zu unterstützen.

Padre Omar, Verantwortlicher für die Logistik des Weltjugendtags 2013 in Rio de Janeiro. Henning/Adveniat

Nach der Wahl von Papst Franziskus werden nun noch mehr lateinamerikanische Jugendliche zu dem Treffen erwartet: Die Zahl der Anmeldungen aus Argentinien sei in den letzten Monaten noch einmal rapide angestiegen, erklärt Padre Omar Raposo, verantwortlich für die Logistik: „Die Verkehrssituation wird eine große Herausforderung. Die Jugendlichen aus Peru werden beispielsweise mit rund 500 Bussen nach Rio kommen.“ Allerdings habe die Regierung kurzerhand die Zeit des Weltjugendtages zu nationalen Ferien erklärt, um die Straßen vom Berufsverkehr zu entlasten.

„Die Christusstatue mit den weit geöffneten Armen zeigt als Symbol, wie die Menschen in Rio auf die Jugendlichen warten.“

— Padre Omar Raposo

Das Glaubenstreffen soll ein friedliches Fest werden: „Seit mehr als zwei Jahren gibt es einen Befriedungsprozess in Rio, mit dem gerade in den Favelas versucht wurde, den Drogenhandel einzudämmen und die Sicherheitslage in der gesamten Stadt zu stabilisieren – und das hat funktioniert“, betont Padre Omar. Die Sicherheit der Gäste habe für die Verantwortlichen der Stadt und des Vorbereitungsteams höchste Priorität, versichert der freundlich lächelnde Pater: „Die Christusstatue mit den weit geöffneten Armen zeigt als Symbol, wie die Menschen in Rio auf die Jugendlichen warten. Die deutschen Jugendlichen sind herzlich willkommen. Wir werden sie mit offenen Armen in Rio empfangen.“

Spezielle Erfahrungen

Vor dem Mega-Event unter der Christus-Statue warten auf die jungen Christen jedoch ganz spezielle Erfahrungen in den vielen unterschiedlichen Regionen des riesigen Landes: Eine Woche lang werden die Gruppen in Pfarreien und Familien „vor Ort“ untergebracht sein, um das Leben der Brasilianer näher kennenzulernen.

Straßenszene in Óbidos. Henning/Adveniat

Im Bistum Obidos beispielsweise, rund 4.000 Kilometer nördlich von Rio, mitten im Amazonasgebiet gelegen, bereiten sich die jungen Katholiken auf den Besuch von 75 Gästen aus dem Bistum Würzburg vor. Antonino Martins ist Sekretär der Diözese Obidos und freut sich auf die Begegnungen mit den Jugendlichen aus dem Partnerbistum: „Für uns ist dieses Treffen der Jugendlichen hier am Amazonas das Zentrum des Weltjugendtages.“ Denn hier in den Pfarreien werden viele Menschen die Chance haben, über die Kontinente hinweg Kontakte zu knüpfen – auch wenn sie nicht die finanziellen Mittel haben, nach Rio zu reisen.

Antonino ist als Sekretär der Diözese auch für die neu gegründete Partnerschaft der Diözesen Obidos und Würzburg zuständig. So konnte er im vergangenen Winter Deutschland besuchen: „Ich habe dort so viel Neues gelernt und ich bin überzeugt, dass die jungen Deutschen hier bei uns eben genauso viel Spannendes entdecken können. Brasilien ist sehr, sehr schön, aber komplett anders.“ Hier die Realität der Menschen nicht nur zu sehen, sondern auch zu spüren, zu schmecken – daran teilzuhaben, mitzugestalten – das sei eine ganz andere Erfahrung.

Besuch bei den Ribeirinhos in Brasilien

Kein Arzt, kein Strom: Das Leben der Menschen in den Dörfern direkt am Ufer des Amazonas ist nicht leicht. Lena Kretschmann hat auf ihrer Reise durch Brasilien die Menschen in ihren Hütten besucht.

Lena Kretschmann

Deshalb werde der Kontakt zu Familien in den verschiedenen Pfarreien entlang des Amazonas im Vordergrund stehen. „Das ist sicher auch eine gute Chance für die Jugendlichen aus Deutschland, die Dimensionen des Amazonasgebietes einmal kennenzulernen, denn Nachbargemeinden sind hier oft einige Stunden mit dem Boot voneinander entfernt. Straßen wie in Deutschland gibt es hier im Regenwald nicht.“ Lachend fügt Antonino hinzu: „Die meisten Priester haben hier einen Bootsführerschein!“ So erreichen sie auch die kleinen Dörfer am Rande des riesigen Flusses – genannt Ribeirinhos.

Kircheneigener Kutter

Gut eine Stunde geht es beispielsweise mit einem kircheneigenen Kutter über die braunen Wellen zu den Hütten von Santa Rita. Der Amazonas ist mal wieder über die Ufer getreten. Die Holzhäuser der 91 Familien stehen mitten im Wasser. Kleine Holzstege verbinden die Pfahlbauten, doch das Hauptverkehrsmittel sind sowieso kleine Paddelboote. Selbst der dorfeigene Lebensmittelladen ist übergangsmäßig auf ein Boot umgezogen, damit er besser zu erreichen ist. „Wir sind hier noch viel direkter von der Natur abhängig als die Menschen in Europa“, betont Antonino. Auch er stammt aus einem Ort gut vier Bootsstunden von Obidos entfernt. In Obidos selbst haben die Gäste aus Deutschland die Möglichkeit, in einem Jugendzentrum mitzuarbeiten, das die Diözese in einem der ärmeren Stadtteile aufgebaut hat.

Hier im Viertel San Francesco sind nachmittags regelmäßig Gitarrenklänge zu hören. Kursleiter Luiz Carlos Queiroz geht es bei seinem Musikunterricht nicht nur um die musischen Fähigkeiten seiner Schützlinge: „Uns ist wichtig, dass wir die Jugendlichen in ihren sozialen Kompetenzen fördern, aber auch, dass sie ihre Freizeit in einem positiven Umfeld verbringen können, das Haus hier als ihr zweites Zuhause genießen können.“

Das katholische Jugendzentrum "Centro Da Juventude Sao Francisco" liegt in einem ärmeren Stadtteil von Obidos. Antonino Martins (2.v.l.) nimmt an einem Treffen im Zentrum teil. KNA

Als das Zentrum vor einem Jahr eröffnet worden ist, war der Andrang der Jugendlichen sofort sehr groß, und mittlerweile spielen 22 von ihnen in einer Band zusammen.

Neben Gitarren- und Keyboardunterricht bieten die Mitarbeiter des „Centro Da Juventude Sao Francisco“ auch Englisch-, Näh- und Computerkurse an. Die 14-jährige Garcia ist glücklich über die Möglichkeiten hier in ihrer Nachbarschaft: „Außer dem Zentrum habe ich nicht viele Möglichkeiten, wo ich tagsüber hin könnte. Meinen Vater kenne ich nicht, und meine Mutter ist den ganzen Tag unterwegs und verkauft Kosmetik.“ Durch den Gitarrenunterricht habe sie schon viele neue Freundinnen gefunden. „Früher war ich sehr schüchtern. Deshalb wollte mich meine Mutter anfangs auch nicht hierher lassen, sie hat mir das nicht zugetraut.“ Jetzt freut sie sich auf die Jugendlichen aus Deutschland, und ein paar Worte Englisch hat sie auch schon gelernt.

„Uns ist wichtig, dass wir die Jugendlichen in ihren sozialen Kompetenzen fördern, aber auch, dass sie ihre Freizeit in einem positiven Umfeld verbringen können, das Haus hier als ihr zweites Zuhause genießen können.“

— Luiz Carlos Queiroz

So habe jede Pfarrei ein Projekt, in dem die Weltjugendtagsgäste mitarbeiten werden – ob mit alten Leuten, Kindern oder Jugendlichen. „Wir haben für die Diözese einen Rahmenplan erarbeitet, aber jede einzelne Pfarrei hat eine eigene Realität, eigene Herausforderungen. Diese werden die Jugendlichen hautnah miterleben, weil sie eben drei Tage wirklich vor Ort in den Familien sein werden“, sagt Antonino.

Dass die Sprache hierbei eine Barriere sein könnte, glaubt er nicht: „Wir sorgen dafür, dass jede Kleingruppe eine Person dabei hat, die Portugiesisch und Deutsch kann.“ Nicht zuletzt baut er dabei auch auf den Improvisationswillen der Jugendlichen: „Wir haben Hände, Füße und das Lächeln: Der Körper spricht!“

Von Harald Oppitz

© KNA