Ein Projekt in Nigeria bildet Friedensvermittler aus

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  • Jos - 22.05.2013

In Nigeria hat Boko Haram in den vergangenen Wochen ein wahres Blutbad angerichtet. Bei mehreren Anschlägen starben mindestens 250 Menschen. Neben der islamistischen Terrorgruppe sorgen auch ethnische Auseinandersetzungen für Gewalt und Tote in dem westafrikanischen Land. Im zentralnigerianischen Bundesstaat Plateau wollen die Mitarbeiter des Caritas-Komitees für Gerechtigkeit, Entwicklung und Frieden dem nicht weiter zusehen.

In Jos, der Hauptstadt des Bundesstaates, ist es friedlich, zumindest im Moment. Hafsat Liman, Teilnehmerin bei einem Workshop des Komitees, stimmt das erleichtert. „Wir alle wollen doch in Frieden leben“, sagt die Frau mit dem freundlichen Gesicht und einem gewinnenden Lachen. Sie und die übrigen Teilnehmer haben sich von Caritas-Mitarbeitern zu Friedensvermittlern weiterbilden lassen. Dabei geht es darum, Anzeichen für Gewalt in ihren Wohnvierteln zu entdecken und dagegen vorzugehen. Wichtig ist: Die Maßnahmen müssen praxisnah sein und viele Menschen erreichen. Als erfolgreich haben sich Filmabende mit anschließender Gesprächsrunde gezeigt.

Als Hafsat Liman von dem Caritas-Projekt hörte, war ihr klar: „Da mache ich mit“. Inzwischen sieht sie in ihrem Stadtteil Tudun Wada schon erste Erfolge. „Ich habe auf der Straße keine Angst mehr und kann mich wieder mit Christen treffen“, sagt Liman. Sie selbst ist Muslimin.

Kampf um das Land im Bundesstaat Plateau

Angst beherrscht den Bundesstaat Plateau seit 2001. Damals kam es zu den ersten großen Zusammenstößen. Für Außenstehende wirkte es wie ein Kampf zwischen Christen und Muslimen. Doch vor allem ging es darum, wem das Land gehört, wer Einheimischer ist und wer Siedler. Siedler sind meist Haussa. Sie bekennen sich überwiegend zum Islam; viele von ihnen leben seit Jahrzehnten in der Region. Auf dem Papier haben sie die gleichen Rechte. Doch eine Anstellung im Staatsdienst zu finden oder als Kandidat bei Wahlen nominiert zu werden, ist für sie schwierig.

Viele Christen haben heute Angst, die muslimischen Viertel von Jos zu besuchen. Umgekehrt ist es genau so. KNA

Dazu verschärft sich seit Jahren der Konflikt um Weideland. Die Berom, überwiegend Christen, betreiben seit Jahrhunderten Landwirtschaft in Plateau. Ebenso lang ziehen die Fulani mit ihren Viehherden durch die Region. Weil die Bevölkerung wächst, werden die Flächen knapper. Immer häufiger kommt es zu Auseinandersetzungen bis hin zu Morden.

Dass sich all diese Konflikte irgendwann einmal vollständig lösen lassen, erwartet nicht einmal Sani Sulaiman, der im Caritas-Komitee der Erzdiözese Jos den Projektbereich Friedensbildung leitet. Streit, so glaubt er, „wird immer da sein. Wichtig ist es, Strategien zu entwickeln, damit er nicht mehr mit Gewalt gelöst wird“.

Anschläge der Terrorgruppe Boko Haram

Erschwerend kommen seit einem Jahr die Anschläge von Boko Haram hinzu. Plateau galt zwar lange nicht als typisches Aktionsgebiet der Terrorgruppe. Doch nach einem Selbstmordattentat auf die katholische St. Finbarr''s Church in Jos herrschte tagelang Ausnahmezustand. „Die Menschen kommen wieder in den Gottesdienst“, sagt Peter Umoren, Priester der Kirche. Aber noch nach einem Jahr liegt das ausgebrannte Wrack des Anschlagsfahrzeugs wie ein Mahnmal vor dem Gotteshaus. Das Misstrauen sei gestiegen, sagt der Geistliche.

Wenn es wieder einmal kracht, dann sind es häufig Jugendliche oder junge Erwachsene, die in den Straßen randalieren. Umar A. Umar, ebenfalls Caritas-Friedensvermittler, sieht als einen Grund die Arbeitslosigkeit. „Hinter der ganzen Krise steckt aus meiner Sicht eine verfehlte Politik“, beklagt er. In den vergangenen Jahrzehnten seien für junge Menschen kaum Perspektiven geschaffen worden. Politiker interessierten sich weniger für die Entwicklung Nigerias als dafür, Geld in die eigenen Taschen zu wirtschaften. „Erst wenn sich das ändert, wird sich die Situation hier auch ändern.“ Doch wann das so weit ist, weiß Umar nicht.

Von Katrin Gänsler

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