Indien: Vergewaltigung in der Ehe enttabuisieren

  • Aachen - 18.04.2013

Obwohl es Fortschritte in der indischen Gesetzgebung im Kampf gegen sexuelle Gewalt gibt, ist das Thema Vergewaltigung in der Ehe weiterhin ein Problem, das die indische Regierung nicht weiter tabuisieren darf und unbedingt lösen muss, fordert Schwester Julie George SSpS, indische Rechtsanwältin und katholische Steyler Missionsschwester, im Gespräch mit dem Internationalen Katholischen Missionswerk Missio in Aachen. Die Menschenrechtlerin vertritt arme Menschen, Frauen und Opfer sexueller Gewalt vor Gericht. Sie leitet zudem das Projekt „Streevani“ – zu Deutsch: „Stimme der Frauen“ –, das katholische Ordensfrauen und Laien befähigen will, sich für Geschlechtergerechtigkeit in Indiens Gesellschaft und Kirche einzusetzen.

Frage: Die Medien haben in den vergangenen Monaten so viel über das Thema sexuelle Gewalt in Indien berichtet wie kaum zuvor. Das müsste Ihnen im Kampf für Frauenrechte doch nützen oder?

George: Der Missbrauch von Frauen ist eine chronische Krankheit in unserer Gesellschaft. Die heftige Diskussion nach der brutalen Gruppenvergewaltigung und Misshandlung der 23-jährigen Studentin in Delhi, die Anfang des Jahres gestorben ist, hat die mediale Büchse der Pandora geöffnet: Die Medien haben viele Fälle von Vergewaltigungen ans Licht gebracht, über die man zuvor nichts berichtete oder die von den Strafverfolgungsbehörden ignoriert worden waren. Es wird täglich neu über Vergewaltigungen berichtet. Der landesweite Protest, der durch den Vorfall in Delhi startete, hat auch Reformen im Justizbereich bei den Vergewaltigungsverfahren in Form von Schnellverfahren hervorgebracht, die ich als positive Signale werte. Denn ein Urteil, das erst nach zwei oder drei Jahren gefällt wird –, mit der Option auf Berufung – kann für die Frauen keine Gerechtigkeit bedeuten. Deshalb ist es ein Muss, dass der Weg, eigene Gerichtsverfahren für den Umgang mit Vergewaltigungen einzurichten, so wie es die Regierung in manchen Städten schon umgesetzt hat, weiter begangen wird. Sonst ist die Situation für die Frauen nach wie vor dieselbe.

Frage: Aber es gibt doch ein neues Anti-Vergewaltigungsgesetz. Schlägt sich das nicht schon in einem anderen Verhalten der Justiz und Polizei nieder, das ja entscheidend für die Rechte der Opfer ist?

George: Der indische Präsident hat der Verschärfung des Anti-Vergewaltigungsgesetzes gerade jetzt am 2. April zugestimmt, das viele als Sieg für die Frauenrechte sehen. Dieses Gesetz ist ein wichtiger erster Schritt, der eine Änderung im Strafrecht bewirkt. Doch das neue Gesetz ignoriert weiter Vergewaltigungen in der Ehe, die viele Frauen in unserem Land schweigend erleiden. Hier muss sich noch etwas ändern. Gleichwohl stellt das Gesetz neben härteren Strafen für Vergewaltigung, Säure-Attacken und Vergewaltigungen in Polizeigewahrsam unter anderem auch Mobbing, Stalking, körperliche sexuelle Belästigung und obszöne Bemerkungen unter Strafe, die jede indische Frau, immer wenn sie aus dem Haus geht, ertragen muss. Das Gesetz soll auch Kinder vor sexuellen Übergriffen schützen. Es definiert ein Kind als eine geschlechtsneutrale Person unter 18 Jahren und beinhaltet eine klare Definition für alle Arten sexuellen Missbrauchs wie beispielsweise sexuelle Belästigung und Pornografie. Das Gesetz definiert weiter die Art der Bestrafung gemäß der Art und Härte des Vergehens, die auch lebenslange Haftstrafen für die verabscheuungswürdigen Verbrechen, wie sexuelle Übergriffe und sexuellen Missbrauch, mit einschließt. Als Überlebende sexueller Gewalttaten stehen den Opfern finanzielle Entschädigungen für einen Teil der entstandenen Kosten wie zum Beispiel entgangene Löhne, Kosten für medizinische und psychologische Beratung zu, die der Staat trägt.

„Der Missbrauch von Frauen ist eine chronische Krankheit in unserer Gesellschaft.“

— Schwester Julie George SSpS

Frage: Gibt es seit dem Vorfall in Delhi Anfang des Jahres mit der Folge einer neuen Gesetzgebung nun auch mehr Frauen, die zur Polizei gehen, um Vergewaltigungen anzuzeigen? Sie vertreten ja solche Frauen vor Gericht.

George: Ob die Vergewaltigung einer Frau ans Tageslicht kommt oder nicht, hängt von den Umständen ab, unter denen sie vergewaltigt wurde, und ob die Familie möchte, dass die Frau das öffentlich macht. Es hängt auch von der Beziehung des Vergewaltigers zur Familie und seiner Machtstellung innerhalb der Gesellschaft ab. Im Falle einer sexuellen Straftat sollte sich das Opfer sofort an die Polizei wenden, um eine Anzeige abzugeben. Das Verhalten der Polizei stellt für die Frau aber oft eher ein Hindernis dar, jegliche Art von Missbrauchsfällen anzuklagen. Manche der Polizisten machen sich über die Frauen lustig. Sie notieren sich noch nicht einmal, was die Frauen sagen, und weigern sich Akten anzulegen. Ein paar Mal schon mussten wir eingreifen, damit die Anzeigen und Schilderungen der Frau überhaupt registriert wurden. Wie sich eine Frau kleidet und verhält, ihre Klassen- und Kastenzugehörigkeit und so weiter spielen immer noch eine wichtige Rolle in diesen Fragen. Für die Opfer ist es sehr schwer, die Gerichtsverfahren zu ertragen. Die Staatanwaltschaft zeigt sich manchmal den Opfern gegenüber sehr teilnahmslos. Wegen all dieser Schwierigkeiten möchten die meisten Opfer und ihre Familien nicht, dass die Vorfälle bekannt werden, und halten alles geheim.

Schwester Julie George SSpS. privat

Frage: Warum ändert sich das alles so langsam? Können Sie hier nicht mehr erreichen? Was können Kirche und Nichtregierungsorganisationen tun?

George: Sozialer Druck ist in Indien viel mächtiger als jedes Gesetz. Darum geht es. Es geht um die Bewusstseinsbildung bei Männern und Frauen beispielsweise durch Bildungsprogramme. Dies geschieht derzeit etwa allmählich in der Arbeit für und mit Studenten in verschiedenen Bildungseinrichtungen. Die Arbeit der Nicht-Regierungs-Organisationen besteht darin, die Frauen und Männer an der Basis zu erreichen. Für die Kirchen bedeutet dieser Bewusstseinsprozess, dass sie Frauen anerkennen und eine Gleichstellung der Geschlechter innerhalb der Kirche befürworten, wie etwa in Papieren zur Geschlechtergerechtigkeit der Indischen Bischofskonferenz vorgesehen ist. Die Kirche hat anders als andere Bildungseinrichtungen mehr Möglichkeiten, auf das Leben der Menschen und ihr Bewusstsein einzuwirken, etwa durch Predigten in der Kirche, Katechismus in den Schulklassen, Ehevorbereitungskurse und so weiter. Solche Plattformen sollten genutzt werden, um eine Änderung im Bewusstsein der Männer und Frauen herbeizuführen.

Frage: Arbeiten Sie mit anderen Nicht-Regierungs-Organisationen zusammen?

George: Die Nicht-Regierungsorganisationen bitten mich insbesondere um Rechtsbeistand armer Frauen. Manche dieser Frauen fragen nach Selbstverteidigungskursen und wollen mehr über ihre Rechte erfahren. Eine Organisation, mit der wir unter anderen zusammenarbeiten, ist das Indische Zentrum für Menschenrechte.

Das Interview führte Susanne Kruza.

© missio Aachen