„Wir müssen den Dialog mit Evangelikalen stärken“

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  • Vatikanstadt - 12.04.2013

Die Deutsche Bischofskonferenz hat in Rom eine Tagung über Evangelikale, Pfingstkirchen und Charismatiker veranstaltet. Der Bamberger Erzbischof und Vorsitzende der Kommission Weltkirche der deutschen Bischofskonferenz, Ludwig Schick, erläutert im Interview, was die katholische Kirche von ihnen lernen kann.

Frage: Herr Erzbischof Schick, wie kommt es, dass die Deutsche Bischofskonferenz in Rom eine Konferenz über neue religiöse Bewegungen veranstaltet?

Schick: Es handelt sich hierbei um ein weltkirchliches Phänomen und deshalb ist es in Rom als Zentrum der katholischen Christenheit gut aufgehoben.

Frage: Weltweit zählen Evangelikale, Pfingstkirchen und neue religiöse Bewegungen insgesamt schätzungsweise rund 400 Millionen Mitglieder.Damit sind sie nach der katholischen Kirche die zweitgrößte christliche Gruppe. Was bedeutet das?

Schick: Wir müssen auch mit diesen Bewegungen in einen ökumenischen Dialog treten. Es geht nicht um eine Reconquista. Viele von den 400 Millionen gehören allerdings auch jetzt zur katholischen Kirche, die Übergänge sind manchmal fließend. Im Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen gibt es bereits seit zehn Jahren eine eigene Abteilung für Kontakte mit diesen Gruppen. Ein echter Dialog ist allerdings nur möglich, wenn man sich wirklich kennt. Die Kommission Weltkirche der deutschen Bischofskonferenz, der ich vorstehe, hat deshalb exemplarisch für jeden Kontinent in einem Land eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben: Costa Rica für Lateinamerika, Südafrika für Afrika, Ungarn für Europa, die Philippinen für Asien. Die Ergebnisse diskutieren wir jetzt.

Wir sind Bischof: Ludwig Schick, Bamberg

"Wir sind Bischof", eine Serie der Katholischen Fernseharbeit

Benjamin Krysmann

Frage: Welche konkreten Ergebnisse gab es?

Schick: Die Studien haben zum Teil unerwartete Resultate erbracht. Etwa, dass in diesen Gruppen die Wertschätzung und Stabilisierung insbesondere von Frauen für ihr Wirken in Ehe, Familie und Gesellschaft gut gelingt. Auch Kinder und Jugendliche, die sonst eventuell auf Abwege geraten wären, werden in diesen Gruppen moralisch gefestigt und in ihrer Entwicklung gefördert. Theologisch stehen in diesen Gruppen sehr stark Themen im Vordergrund, über die wir diskutieren müssen, etwa die Frage von Sünde und Schuld, Verdammnis und Vergebung, Himmel und Hölle, das Gottes- und Christusbild. Schließlich gibt es eine sehr lebendige Liturgie und lebensdienliche Gemeinschaft. Das stellt auch an uns Katholiken Fragen.

Frage: Welche zum Beispiel?

Schick: Auf die Liturgie bezogen etwa lautet die Frage: Inwieweit können die Ortskirchen ihre Gottesdienste nach ihren eigenen Bedürfnissen und Erfordernissen selbst gestalten und zugleich eingebunden bleiben in die große katholische Kirche. Generell geht es stets darum, wie wir trotz berechtigter und notwendiger Vielfalt die Einheit der katholischen Kirche bewahren, damit wir tun können, was Jesus uns aufgetragen hat, nämlich der Welt das Reich Gottes zu bringen.

Frage: Was ergibt sich aus den Studien für die katholische Kirche weltweit und in Deutschland?

Schick: Die Situationen sind sehr verschieden, in Lateinamerika etwa haben sich die meisten Gruppen von der katholischen Kirche abgewendet, auf den Philippinen sind sie in ihr geblieben. Es stellt sich die Frage nach dem Warum. In Afrika sind viele dieser Gruppen mit Geisterglauben und Heilungsritualen durchsetzt. Viele charismatische Gemeinden versprechen körperliche und seelische Heilungen, materielle und berufliche Prosperität. Nicht wenige neigen zu irrationalem Bibelfundamentalismus. Ein theologischer Dialog mit ihnen ist sehr notwendig. In Deutschland spielen diese Phänomene aufgrund der fortschreitenden Säkularisierung insgesamt keine so große Rolle. Hierzulande haben wir es eher mit Patchwork- oder Pseudo-Religionen wie der „New-Age-Bewegung“ zu tun, bekennendem Agnostizismus und aggressivem Atheismus.

Das Interview führte Thomas Jansen (KNA)

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