Enzyklika „Pacem in terris“ weiter hochaktuell

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  • Berlin - 11.04.2013

Vision oder Illusion? Wie ist die Enzyklika „Pacem in terris“ (Friede auf Erden) von Papst Johannes XXIII. nach 50 Jahren zu bewerten? Auf einem Symposium der Kommission Justitia et Pax und des Katholischen Militärbischofsamts am Mittwoch in Berlin war die Antwort erstaunlich eindeutig: Der ehemalige CDU-Ministerpräsident Bernhard Vogel sowie der Bürgerrechtler und letzte DDR-Außenminister Markus Meckel (SPD) sahen als geladene „Zeitzeugen“ in dem Dokument einen geistigen Wegbereiter. Und der UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit, Heiner Bielefeldt, bescheinigte dem Papier sogar brisante Aktualität in der Menschenrechtsdebatte.

Dass dies alles andere als selbstverständlich ist, darauf wies der Münchner Kardinal Reinhard Marx hin. „Seinerzeit war die Begeisterung nicht überall da“, zumal nicht in konservativen Kreisen, betonte der Erzbischof. Denn zur Anerkennung der Menschenrechtsidee habe sich auch die Kirche erst in einem langen Prozess durchringen müssen. Die Enzyklika war „atemberaubend neu“. Und mit der Ethik vom „gerechten Frieden“ statt des „missverständlichen Begriffs vom gerechten Krieg“ seien die Päpste bis heute progressiver als manche Ortskirche. Hinzu kam „bei aller kompromisslosen Sprache“ die Einladung zum Dialog in Zeiten des Kalten Kriegs.

Johannes XXIII. fand neuen Stil und Ton

Eine Reminiszenz damaliger Spannungen fand sich noch bei Vogel und Meckel. Die Welt stand vor der Gefahr eines Dritten Weltkriegs, in Westdeutschland herrschten Umbruch und Verunsicherung, erinnerte sich Vogel. In dieser Situation habe Johannes XXIII. einen völlig neuen Stil und Ton gefunden. Wesentlich für den Politiker: die Würdigung des christlichen Weltauftrags und der positive Blick auf die Demokratie.

Der protestantische Theologe Meckel hingegen las das Schreiben erst für das Symposium und äußerte sich – 50 Jahre nach Erscheinen – „schlichtweg begeistert“ und „fasziniert“. Die Perspektive auf den zeitgeschichtlichen Hintergrund – „1961 Mauerbau, 1962 Kubakrise – es war Kalter Krieg in Hochspannung“ – ist heute freilich eine andere.

Der Bürgerrechtler ordnete sie in den großen Zusammenhang der Entspannungspolitik ein. Für ihn weist das Schreiben einen „Ausweg aus der verrannten Situation der 60er Jahre“. So sieht er in dem Text eine Grundlegung westlicher Werte, die einen selbstbewussten Dialog mit dem Osten ermöglichte. Vogel hob den menschenrechtlichen Diskurs als Beitrag zum Zusammenbruch des Ostblocks hervor.

Antworten auf die Herausforderungen von heute

Doch die Enzyklika birgt auch Antworten auf heutige Herausforderungen. Das zumindest meinte der UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit, Heiner Bielefeldt. Ihre Aktualität sieht er in der systematischen Verbindung von Menschenwürde und Freiheit. Schaut man auf die Vorbehalte der Kirche gegenüber der modernen Freiheitsidee, mag dies zunächst paradox klingen. Doch gerade die intensive Auseinandersetzung habe einen starken und anspruchsvollen Freiheitsbegriff hervorgebracht, der in der Menschenwürde gründe, betonte Bielefeldt.

Und genau diese innere Verbindung stehe derzeit zur Debatte. Auf der einen Seite versuche eine „zweifelhafte Allianz“ von Staaten wie Russland, China, Kuba und muslimischen Nationen mit einem ideologischen oder religiös-fundamentalistischen Verständnis von Menschenwürde die Freiheitsrechte einzuschränken. Auf der anderen Seite negierten Vertreter eines libertären Freiheitsverständnisses eine Begrenzung eigener Selbstverwirklichung durch die Menschenwürde. Dieses positivistische Verständnis finde sich zunehmend auch in der Gesetzesauslegung.

Umso bedenklicher stimme ihn, „wie erstaunlich wenig präsent die Kirche in der UNO selbst bei Debatten um die Religionsfreiheit ist“, so Bielefeldt. Demgegenüber seien radikale Kräfte wesentlich aktiver. Vogel mahnte, es sei dringend an der Zeit, dass man Enzykliken und Synodenpapiere wie „Pacem in terris“ wieder „wachküsst“. Es sei eine uralte Erfahrung, dass derartige Kirchendokumente erst langfristig wirkten. Vielleicht könnte dies unter Papst Franziskus der Fall sein, der auf der Tagung gleich mehrfach mit Johannes XXIII. verglichen wurde.

Von Christoph Scholz

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