„Gewissenskonflikte sind Alltag“

  • Bonn/Frankfurt - 08.04.2013

Am vergangenen Sonntag, 7. April, wurde der Weltgesundheitstag begangen. Gregor Buß ist Referent für Mission und Gesundheit beim Institut für Weltkirche und Mission der Hochschule Sankt Georgen. Er spricht im katholisch.de-Interview über das missionarische Engagement im Bereich Gesundheit, Konflikte mit der katholischen Morallehre angesichts von Aids und über Zahn-OPs ohne Betäubung.

Frage: Wie engagieren sich Missionarinnen und Missionare im Bereich Gesundheit?

Buß: Kirchliche Kliniken und Einrichtungen leisten in den Ländern der Weltmission entscheidende Hilfe. In Afrika etwa bieten wir an entlegenen Orten eine ärztliche Versorgung an, die oft von keiner anderen Institution geleistet wird. Das sind dann keine großen Kliniken, sondern einfache Gesundheitsstationen, wo Menschen erste Hilfe bekommen – sei es bei einem gebrochenen Arm oder einer fiebrigen Grippe.

„Es gibt da einen Graben zwischen gelehrter Theorie und gelebter Praxis.“

— Gregor Buß über Gewissenskonflikte von katholischen Ärzten

Frage: Wie gehen die Mitarbeiter vor Ort damit um, wenn etwa die Präventionsarbeit gegen Aids in Konflikt mit den Moralvorstellungen der katholischen Kirche gerät?

Buß: Solche Gewissenskonflikte sind für Ärzte, Krankenschwestern und Patienten in den Ländern der Südhalbkugel leider Alltagsgeschäft. Es gibt da einen Graben zwischen gelehrter Theorie und gelebter Praxis. Ich habe mit jungen Frauen oder Männern gesprochen, die sich fragen, wie sie die katholische Morallehre noch leben sollen - zum Beispiel wenn ihr Partner mit HIV infiziert ist und sie sich selbst schützen wollen. Über diese Konflikte muss die Kirche noch weiter nachdenken und daran arbeiten. Gängige Praxis vor Ort ist es, den betroffenen Menschen eine eigene Entscheidung zuzutrauen.

Frage: Wie sind die Gesundheitssysteme in den Missionsländern ausgeprägt?

Buß: Besonders Afrika hängt da hinterher. Natürlich gibt es in den Hauptstädten hochqualifizierte Fachkliniken. Aber je weiter man sich von diesen Zentren entfernt, desto schwieriger wird es. Das ist ja fast auch schon bei uns in Deutschland ein Defizit und – in den Missionsländern noch einmal unvergleichlich viel stärker. Man spricht vom „Last-Mile-Problem“, also der Schwierigkeit, Medikamente wirklich direkt bis zum kranken Patienten zu bringen. Für eine gute Gesundheitsversorgung braucht man sauberes Wasser, man braucht Strom.

Gregor Buß, Referent für Mission und Gesundheit beim Institut für Weltkirche und Mission an der Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt. Institut für Weltkirche und Mission

Wenn das fehlt, wird es schwierig. Ich war in Äthiopien zum Beispiel bei einer Zahnbehandlung ohne Betäubung dabei. Jemandem wurde da ein Zahn gezogen, unter starken Schmerzen. Das ist bei uns natürlich undenkbar. Aber dort war allein die Tatsache, dass es die Zahnbehandlung gab, schon ein großer Fortschritt. Ein zweites Problem ist der Fachkräftemangel. Oft sind es die qualifiziertesten Mitarbeiter, die in andere Länder auswandern, wo sie ein besseres Gehalt verdienen.

Frage: In diesem Jahr widmete sich der Weltgesundheitstag dem Thema Bluthochdruck – ist das nicht ein sehr europäisches und nordamerikanisches Problem?

Buß: Ja, das sehe ich auch so. In den afrikanischen Ländern, die ich kenne, stehen Probleme wie Malaria, wie Tuberkulose, wie HIV auf der Tagesordnung.

Frage: Kann der Weltgesundheitstag überhaupt mehr sein als ein gut gemeintes Symbol?

Buß: Ich denke schon! Allein, dass einmal pro Jahr das Thema Weltgesundheit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird und der Blick möglicherweise vom europäischen Kontext in die anderen Weltregionen rückt – davon erhoffe ich mir doch eine Sensibilisierung für das Thema. Die Menschen sehen, wie unterschiedlich die Probleme sind: Hier gibt es Wohlstandskrankheiten wie Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Zuckerkrankheit. Die Situation stellt sich in anderen Regionen völlig anders dar. Da hat Gesundheit keinen Wellnessfaktor, sondern ist die Basis fürs Überleben.

Frage: Der Weltgesundheitstag erinnert an die Gründung der Weltgesundheitsorganisation im Jahre 1948 – wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Kirchen und WHO?

Buß: In Afrika arbeite ich eng mit Vertretern der WHO zusammen. Gott sei Dank haben sich in der vergangenen Zeit immer mehr Kooperationen ergeben – sowohl auf höchster Ebene bei Treffen von Führungskräften als auch auf der Ebene von konkreten Projekten. In der Vergangenheit hat jeder nur sein eigenes Feld beackert, seine eigenen Kliniken aufgebaut. Diese Abgrenzung war von beiden Seiten gewollt. Inzwischen wissen die Kirchen und andere Nichtregierungsorganisationen, dass sie aufeinander angewiesen sind. Das Feld ist also mehr und mehr vernetzt. Ich wünsche mir, dass das noch weiter gefördert wird.

Das Interview führte Gabriele Höfling

© katholisch.de

Institut für Weltkirche und Mission

Das Institut für Weltkirche und Mission (IWM) ist ein wissenschaftliches Institut der Deutschen Bischofskonferenz an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen. Zu den inhaltlichen Schwerpunkten des Instituts zählen unter anderem die Themenfelder Missionsgeschichte, Kontextuelle Theologie, Mission und Gesundheit, Mission und Bildung sowie Weltkirche in Deutschland.

www.iwm.sankt-georgen.de