„Als Exot akzeptiert“

  • Sankt Augustin - 02.04.2013

Er hat viel zu tun in diesen Ostertagen: Rund 600 Menschen warten in der Gemeinde von Boro im Tschad darauf, dass ihnen Pater Quoc Vinh Vu das Sakrament der Taufe spendet. Im Interview spricht der Steyler Missionar aus Vietnam über seinen Missionsalltag im Herzen Afrikas.

Frage: Pater Quoc Vinh Vu, Sie sind Jahrgang 1972 und stammen gebürtig aus Südvietnam. Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Vu: Im Rahmen einer Familienzusammenführung. Ich kam im Alter von 17 Jahren nach Deutschland, gemeinsam mit meinen Eltern und Geschwistern. In Deutschland setzte ich die Schule fort und machte in Bad Driburg im Clemens-Hoffbauer-Kolleg mein Abitur. Im Anschluss daran habe ich eine Ausbildung zum Krankenpfleger abgeschlossen. Im Jahr 2000 bin ich bei den Steylern eingetreten. Meine Ewigen Gelübde habe ich im Jahr 2009 abgelegt und wurde im Jahr 2010 in Sankt Augustin zum Priester geweiht.

Frage: Wie kamen Sie in den Tschad?

Vu: Als Steyler Missionar dürfen wir vor den Ewigen Gelübden drei Wünsche an das Generalat nach Rom schicken. Meine drei Wünsche waren: Vietnam, Deutschland und Afrika. Meinem Wunsch entsprechend hat man mich nach Afrika – und zwar in den Tschad – gesandt, damit ich dort als Missionar arbeite und helfe. Vor meinem Einsatz im Tschad bin ich am 28. September 2011 nach Togo gereist, um dort die französische Sprache zu lernen.

Frage: Wie lange arbeiten Sie schon im Tschad und was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Vu: Ich bin seit dem 4. August 2012 im Tschad. Meine Aufgaben sind vielseitig. Besonders die Pastoralarbeit ist eine große Herausforderung für mich und sie reizt mich besonders.

Tschad

Fläche: 1.284.000 Quadratkilometer
Einwohner: 11.193.452
Katholiken: 20,1 Prozent
Diözesanpriester: 156
Ordenspriester: 115
Ordensbrüder: 35
Ordensschwestern: 354

Quellen: World Factbook 2012, Forum Weltkirche

Weitere Inhalte

Frage: Wie sieht der Schwerpunkt Ihrer Arbeit im Tschad aus?

Vu: Wir sind nur sieben Steyler Missionare vor Ort. Wir arbeiten in und für die Diözese von Goré, allerdings immer mit dem Hintergrund der Spiritualität der „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“. Wir kümmern uns um zwei Kirchengemeinden, Laramanaye und Boro, jeweils mit ihren Außenstationen. Ich arbeite in der Kirchengemeinde Boro, die 2010 gegründet worden ist und „Paroisse St. Francois d’Assise“ heißt. Zu ihr gehören 61 Dörfer und etwa 12.000 Gläubige. In den Ostertagen haben wir voraussichtlich 600 Taufkandidaten.

Frage: Welche Herausforderungen begegnen Ihnen bei Ihrer täglichen Arbeit?

Vu: Eine große Herausforderung ist der Aberglaube der Menschen. Er ist in ihrer Kultur fest verankert. Die Menschen glauben an Gott, aber auch an Geister und Zaubereien. Andere Herausforderungen sind die Polygamie, Kindersterblichkeit und das Alkoholproblem. Die Armut ist ein großes Thema im Tschad. Auch körperliche und geistige Behinderungen sind weit verbreitet. Viele Menschen sind Analphabeten.

Frage: Was tun Sie, um die Situation zu verbessern?

Vu: Wir versuchen, Kindern eine solide Ausbildung zu vermitteln. Wir arbeiten mit Schulen zusammen, aber auch mit dem Zentrum für Menschen mit Behinderung in Moundou. Wir bringen Menschen zu ärztlichen Untersuchungen – und wenn sie Probleme mit der Finanzierung haben, versuchen wir zu helfen und sie zu unterstützen, wo wir können.

Frage: Ende 2012 machte die Ausweisung des Bischofs von Doba wegen einer regimekritischen Predigt Schlagzeilen. Lebt es sich gefährlich im Tschad, wenn man seine Stimme gegenüber dem Staat erhebt?

Vu: Ja, der Staat duldet keine Gegenstimmen. Aber das Problem bei dieser Ausweisung von Bischof Michel Russo war ein Übersetzungsfehler seiner Predigt. Er wurde letztlich wegen eines Missverständnisses ausgewiesen. Aber Gott sei Dank: Inzwischen ist er wieder zurück im Tschad.

Frage: Ganz persönlich: Wie arbeitet es sich als Vietnamese im Tschad. Fühlen Sie sich akzeptiert? Wo liegen die Schwierigkeiten und Chancen Ihres Wirkens als Missionar?

Vu: Alle hier denken immer, dass ich Chinese bin, weil hier viele Chinesen leben. Meistens arbeiten sie als Bauarbeiter. Ich fühle mich von den Leuten als „Exot“ akzeptiert. Eine Schwierigkeit meines Wirkens als Missionar liegt in den kulturellen und sprachlichen Differenzen, die sich hier im Tschad auftun. Aber die Chancen meines Wirkens als Missionar sind gut, weil viele Menschen in ihrer Armut nach etwas Heiligem suchen, nach etwas, das ihnen Sinn und Sicherheit für ihr Leben gibt. Und da haben wir den lebendigen, liebenden und solidarischen Gott anzubieten.

Das Interview führte Markus Frädrich.

© Steyler Missionare