Niger: Kampf gegen die Spekulanten

  • Bonn - 13.03.2013

Seit 2006 ist Abdoul Moumouni Illo Diözesandirektor der Misereor-Partnerorganisation „Caritas Développement Niger“ (CADEV) in Maradi. Das katholische Hilfswerk fördert dort die Selbstorganisation der nigrischen Bauern und unterstützt sie im Kampf gegen Nahrungsmittelspekulanten und die Folgen des Klimawandels. Im Rahmen der Misereor-Fastenaktion 2013 war Abdoul Moumouni Illo zu Gast in Deutschland und berichtete von den Herausforderungen, vor denen die Kleinbauernfamilien im Niger stehen.

Frage: Das Misereor-Motto lautet in diesem Jahr „Wir haben den Hunger satt!“. In Ihrer Heimat Niger ist jeder dritte Haushalt von Hunger bedroht. Wie kommt es zu dieser katastrophalen Situation?

Illo: Der Niger ist ein Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung von Landwirtschaft und Viehzucht lebt. Dadurch sind die Menschen sehr stark von den klimatischen Bedingungen abhängig. Bleibt der Regen aus, verdorrt das Saatgut und es entstehen Hungersnöte. Ein zusätzliches Problem sind die Schädlinge: Immer wieder fallen Vögel, Raupen und Heuschreckenschwärme über die Felder her und vernichten die Ernte. Schließlich kommt noch die Versteppung des Bodens hinzu, die jedes Jahr einen Teil der landwirtschaftlich bebaubaren Fläche dahinrafft. All dies sind Faktoren, die dazu führen, dass die Bauern bei steigender Bevölkerung nur wenig Ertrag haben.

Frage: Dürre, Bodenerosionen, Versteppung des Bodens – Sind die Folgen des Klimawandels die Hauptursachen für die Hunger-Problematik im Niger?

Illo: Zum einen sind es die Folgen des Klimawandels, zum anderen ist es die Tatsache, dass die Landbevölkerung politisch zu wenig berücksichtigt wird.

Frage: Was heißt das konkret? Haben die Kleinbauern auf den lokalen Märkten keine Chance, sich gegen Großkonzerne durchzusetzen?

Niger - Wir haben den Hunger satt!

Unterstützt vom Misereor-Partner CADEV haben die Kleinbauernfamilien im Niger Ideen und Strategien entwickelt, um trotz der wiederkehrenden Hungersnöte ihr Überleben sichern zu können.

Misereor

Illo: Die großen Industriekonzerne sind nicht das Problem, sondern die Spekulanten, die vom Staat geschützt werden. Diese kaufen den Bauern Zwiebeln und Hirse zu Niedrigstpreisen ab, lagern die Produkte eine Zeit lang ein und bringen sie dann, wenn die Hungersnot am größten ist, zu Wucherpreisen zurück auf den Markt. Die Folge: Die Kleinbauern müssen ihr eigenes Produkt für ein Vielfaches des Ursprungspreises zurückkaufen.

Frage: Welche Maßnahmen ergreift der Misereor-Partner CADEV, um die Situation der Kleinbauern zu verbessern?

Illo: Der Ausgangspunkt aller Maßnahmen ist, dass sich die Bauern zu Genossenschaften zusammenschließen. Denn nur gemeinsam sind sie dazu in der Lage, ihre eigene kleine Marktmacht zu bilden. Als Genossenschaft können sich die Bauern Lagerstätten leisten, in denen sie ihre Ernten lagern und abwarten können, bis die Preise wieder steigen. Darüber hinaus gibt CADEV ihnen die Möglichkeit, Produktionsmittel wie Saatgut und Werkzeuge günstig in einem Agrarshop einzukaufen. Mit all diesen Maßnahmen schaffen wir es, die Verbindung zwischen den Spekulanten und den Kleinbauern zu trennen. Die Menschen sind nicht mehr abhängig von den Preisen, die ihnen die Spekulanten bieten, sondern kaufen gegenseitig voneinander ein. Die Bauernfamilien haben ihren eigenen dörflichen Markt gegründet, den sie selbst verwalten.

Frage: Dank des Engagements von CADEV hat sich die Situation der Kleinbauernfamilien erheblich verbessert. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Illo: Wir arbeiten derzeit daran, diejenigen Projekte auszubauen, die im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung besonders erfolgreich sind. Es kann nicht sein, dass die Caritas immer nur dann agiert, wenn akute Notsituationen, zum Beispiel Hungersnöte, bestehen. Wir wollen gemeinsam mit der Bevölkerung schauen, wie man sich langfristig vor Nahrungsmittelengpässen schützen und diesen vorgreifen kann. Nur Gratis-Lebensmittel auszugeben, ist nicht zukunftsfähig. Es muss dafür gesorgt werden, dass die Menschen von ihren Erträgen leben können – und zwar langfristig.

Das Interview führte Lena Kretschmann.

© weltkirche.katholisch.de