„Im Mittelpunkt seiner Politik standen die Armen“

  • Essen - 07.03.2013

Venezuela ist in tiefer Trauer. Seit der stellvertretende Präsident Nicolas Maduro dem Volk am 5. März mitteilte, dass Präsident Hugo Chávez seinem Krebsleiden erlegen ist, herrscht Ausnahmezustand. Reiner Wilhelm ist Länderreferent für Venezuela bei Adveniat und spricht im Interview über das Vermächtnis Chávez´ und den brisanten Schwebezustand, in dem sich das Land nun befindet.

Frage: Reiner Wilhelm, wie würden Sie derzeit die Stimmung im Land beschreiben?

Wilhelm: Als die Menschen vom Tod Chávez´ erfuhren, sind sie raus auf die Straßen gelaufen. Vor allem die Armen, die seine Anhänger sind, sind zu dem Militärkrankenhaus gerannt und haben dort demonstriert, haben geweint, haben geschrien: „Chávez ist das Volk, wir sind das Volk. Chávez lebt weiter in uns.“ Es ist eine immense Trauer. Man merkt, wie stark er verehrt wurde. Er hatte einen enormen Stellenwert für sein Volk. Ich denke auch, dass er auf lange Sicht eine wichtige Persönlichkeit für ganz Lateinamerika sein wird, nicht nur für Venezuela. Ähnlich wie Simón Bolívar, der große Befreier Lateinamerikas, in dessen Nachfolge er sich auch selber sah.

Frage: Was hat die Politik Chávez´ ausgemacht?

Wilhelm: Früher machte in Venezuela eine Riege von reichen Personen ausschließlich Politik für sich selbst und sah das Volk nur für die Stimmen und für die Wahlen wichtig. Mit Chávez ist ein Politikwechsel passiert. Im Mittelpunkt seiner Politik standen die Armen. Sie waren nicht nur Objekt der Politik, sondern Subjekt. Und dafür hat er einiges getan, sowohl im Bildungsbereich, als auch im Gesundheitswesen. Er hat sie wahrgenommen und ihnen Würde gegeben. In seiner Politik hat er sich außerdem von der Vormachtstellung der USA wegbewegt hin zu einem vereinigten Lateinamerika. Er hat die Freihandelszone ALCA, die von den USA propagiert wurde, zurückgewiesen und anstelle dessen die ALBA gesetzt – einen wirtschaftlichen Zusammenschluss der lateinamerikanischen Staaten. Genauso hat er den Staatenverband der lateinamerikanischen Staaten propagiert, die UNASUR. Und er hat die Banco del Sur gegen die Weltbank gesetzt.

Frage: Aber Hugo Chávez war ja auch durchaus eine umstrittene Persönlichkeit …

Wilhelm: Ja, er hat polarisiert. Es gibt Gewinner auf der einen Seite und Verlierer auf der anderen. Und unter den Verlierern sind vor allem diejenigen, die vorher die Macht gehabt haben. Im Mittelpunkt seiner Politik standen zwar die Armen, aber nicht alle Programme, die er gemacht hat, haben das bewirkt, was sie sollten. Die Situation der Armen hat sich daher nicht wesentlich verändert. Viele haben sich bereichert. Die Korruption hat überhandgenommen.

Amtsinhaber Hugo Chavez und der Kandidat des Oppositionsbündnisses, Henrique Capriles, sind die aussichtsreichsten Kandidaten auf das Präsidentenamt in Venezuela. Agência Brasil/Wilfredor/Creative Commons

Frage: Was wäre nach dem Tod von Hugo Chávez nun der politisch korrekte Ablauf?

Wilhelm: Entsprechend der Verfassung müssen jetzt in 30 Tagen Neuwahlen durchgeführt werden. Der Parlamentspräsident Diosdado Cabello ist in der Zwischenzeit provisorisch Präsident, mit allen Ämtern, Pflichten und Möglichkeiten.

Frage: Muss man befürchten, dass politische Kräfte oder die Armee diese Situation in irgendeiner Weise ausnutzen?

Wilhelm: Die Militärs haben vor den Wahlen sehr deutlich gesagt: Wenn die Opposition gewinnen sollte, werden sie putschen, um die Ordnung und Sicherheit zu garantieren. Sie werden die Verfassung zwar achten, aber sie werden sie so auslegen, dass sie ihnen zupass kommt. Die Militärs sind nun auf die Straßen gegangen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Es gibt sehr viele Waffen unter den Leuten; die Mordrate Venezuelas ist die Höchste Lateinamerikas.

Frage: Wer sind die möglichen Nachfolger – aus dem eigenen Lager und der Opposition?

Wilhelm: Hugo Chávez hat sich selbst schon sehr früh festgelegt, indem er seinen ehemaligen Außenminister und späteren stellvertretenden Präsidenten Nicolas Maduro zu seinem Nachfolger bestimmt hat – was in einer Demokratie natürlich nicht geht. Theoretisch hätte auch der Parlamentspräsident Cabello eine Chance gehabt Präsident zu werden. Von der Opposition sehe ich momentan nur Henrique Capriles, der in den letzten Wahlen schon gegen Chávez angetreten ist und dabei nur knapp verloren hat.

Frage: Wie steht es um den Chavismus? Wird das Erbe von Hugo Chávez weitergeführt oder muss Venezuela mit einer Kursänderung rechnen?

Wilhelm: Der Chavismus wird bleiben. Der endet nicht mit dem Tod von Chávez. Nicolas Maduro hat sehr deutlich gesagt, dass er den Kurs von Chávez in seinem Sinne fortsetzen wird. Daher gehe ich davon aus, dass sich an der Politik nichts grundlegend ändern wird.

Frage: Was bedeutet der Tod von Hugo Chávez für die Kirche in Venezuela?

Wilhelm: Ich gehe davon aus, dass sich die Politik nicht ändern wird und damit auch das Verhältnis zwischen Kirche und Staat sich nicht grundlegend verändert. Es ist möglich, dass es zu einer Annäherung kommt, dass man nicht mehr so stark polemisiert und polarisiert. Aber ich glaube, dass bei der Finanzierung der Kirche alles beim Alten bleibt. Der Staat wird auch weiterhin seiner verfassungsmäßigen Verpflichtung, die Kirche finanziell zu unterhalten, nicht nachkommen. Chávez hat nur den Priestern und kirchlichen Projekten Gelder gegeben, die auf seiner ideologischen Linie lagen. Das wird wohl auch so bleiben. Ich glaube, dass sich daran selbst dann nichts ändern würde, wenn die Opposition tatsächlich die Wahlen gewinnen sollte.

Frage: Wie hat die Bischofskonferenz auf den Tod von Hugo Chávez reagiert?

Wilhelm: Sie hat zur Einheit aufgerufen. Sie hat zum Gebet aufgerufen. Und zwar für den Präsidenten von Venezuela, der ja Präsident aller gewesen ist. Und sie hat dazu aufgerufen die Polarisierung zu überwinden.

Das Interview führte Mareille Landau.

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