Welcher Beweise bedarf es noch?

  • Kongress Großstadtpastoral - 06.03.2013

Rund einhundert aktive Christ/innen, Theolog/innen und Bischöfe aus ganz Lateinamerika und Deutschland kamen in Mexiko-Stadt zusammen, um über das Thema Großstadtpastoral zu diskutieren. In der Kapelle des Tagungshauses, das der Mexikanischen Bischofskonferenz gehört, gibt es im Altarraum ein großes Mosaik, dass den Indígena Juan Diego zeigt, wie er im Jahr 1531 vor dem Bischof Juan de Zumarraga seinen Mantel ausbreitet. Dieser Mantel zeigt das Bildnis der Jungfrau von Guadalupe, die dem frisch getauften Indígena drei Mal erschienen war.

Der Bischof, der dem Indígena bei dessen ersten Besuch die Geschichte von der Marienerscheinung nicht glauben wollte, ließ sich von diesem Zeichenwunder überzeugen. Unmittelbar darauf begann die liebevolle Verehrung der Jungfrau von Guadalupe, die auch heute den allermeisten Mexikaner/innen sehr am Herzen liegt. Diese Geschichte wird in ganz Mexiko lebendig gehalten, auch deutsche Reiseführer geben sie anschaulich wieder. In der Kapelle der Bischofskonferenz fällt mir auf, dass es sich auch um eine Konfliktgeschichte handelt: Der Bischof glaubte dem Indígena Juan zunächst nicht, wies ihn zurück. Erst nachdem dieser wiederkam und den geforderten Beweis erbrachte, nahm er den Indígena ernst und folgte der Botschaft, die er überbrachte.

Den Berichten der Tagungsteilnehmer zufolge werden die Indígenas in allen Großstädten Lateinamerikas stark marginalisiert. Auch in der Kirche spielen sie allenfalls eine untergeordnete Rolle. Ihre Sprachen, ihre Symbole, ihre Frömmigkeitsformen finden – bis auf wenige Ausnahmen – kaum Anerkennung. Dabei gehören sie wie alle Armen und an den Rand Gedrängten zu denen, denen Jesus Christus in besonderer Weise nahe ist und nahe sein will. Das gehört zu den Kernaussagen des Evangeliums. Welcher Beweise bedarf es noch?

„Dabei gehören sie wie alle Armen und an den Rand Gedrängten zu denen, denen Jesus Christus in besonderer Weise nahe ist und nahe sein will.“

Das Gruppenfoto mit den Jugendlichen der Gemeinde Espíritu Santo wurde direkt auf Facebook veröffentlicht. Köß/DBK

Zwischen Facebook und „participatio actuosa“

Der Kongress ist nun zu Ende. Zwei mexikanische Pfarrer haben mich in ihre Gemeinden am Stadtrand eingeladen, dorthin, wo man im Dunkeln besser zu Hause sein sollte. Abends kommen wir mit einigen Jugendlichen der Gemeinde zusammen. Es wird ein Gruppenfoto gemacht, Padre Benjamin soll es auf Facebook online stellen. Einige Minuten später werden von Freunden die ersten Kommentare gepostet. Der Pfarrer ist in bester Stimmung und erreicht die Jugendlichen offenbar sehr persönlich und direkt. Am nächsten Morgen gehen wir zusammen in die Frühmesse. Im Predigtgespräch mischen sich auch ältere Damen ein und stimmen der Grundaussage des Evangeliums zu. Alle nehmen aktiv an der Messe teil. Das ist wohl die „participatio actuosa“, von der mein Liturgieprofessor immer gesprochen hat. Am späten Vormittag treffen wir uns mit einer Gruppe, die für einen Sektor der Gemeinde, der aus zwei Straßenblöcken besteht, pastorale Verantwortung übernimmt. Es gibt verschiedene Dienste, die von einzelnen aus der Gruppe übernommen werden. Insgesamt hat die Pfarrei 28 Sektoren, jeder wird von einer solchen Gruppe begleitet: Krankenbesuche, Bibelgespräche, pastorale Aktivitäten – alles wird aus den Gruppen heraus organisiert. Offenbar bringt hier eine Großstadtpastoral reiche Früchte, mehr als ich mir nach den Vorträgen beim Kongress vorstellen konnte. Ich freue mich auf den Besuch in der zweiten Gemeinde und auf die Rückkehr nach Deutschland, wo ich von diesen beeindruckenden Erfahrungen berichten kann.

Von Hartmut Köß

© weltkirche.katholisch.de