Pfingstkirchen in Brasilien wollen professioneller werden

  • São Paulo - 05.03.2013

Ein einjähriges Schnellstudium für Kirchenführer mit der Fächerkombination Pädagogik, BWL und Theologie, ein Fernkurs mit 101 Begleitheften für umgerechnet 388 Euro – brasilianische Universitäten haben einen neuen Markt aufgetan. Sie nehmen sich der Ausbildung von Pastoren der zahlreichen Pfingstkirchen des Landes an. Ziel ist eine stärkere Professionalisierung der Führungskräfte der aufstrebenden Kirchen. In der Vergangenheit waren zahlreiche Pfingstkirchen wegen ihrer undurchsichtigen und teils illegalen Finanzpraktiken in Konflikt mit der Justiz geraten.

Eine Kirche zu gründen, gilt in Brasilien als profitables Geschäft. Schließlich gewährt der Staat den Religionsgemeinschaften eine vollständige Steuerbefreiung. Allerdings, so die Auflagen, muss das durch Spenden und Kirchenzehnten eingenommene Geld in die eigene Kirchenarbeit reinvestiert werden. Was offenbar nicht immer der Fall ist: Immer wieder ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Religionsgemeinschaften wegen illegalen Finanzgebarens. Vor einigen Jahren wurde das Gründerehepaar der „Renascer“-Kirche in den USA zu Haftstrafen verurteilt, nachdem bei ihrer Einreise 56.000 US-Dollar in einer Bibel entdeckt worden waren.

Top Drei der reichsten Pastoren und Kirchengründer

Solche Summen sind für die „Top Drei“ der reichsten brasilianischen Pastoren und Kirchengründer nur Peanuts. Edir Macedo, Gründer der Universalkirche, soll laut der Finanzzeitschrift „Forbes“ stolze 950 Millionen Dollar sein Eigen nennen. Macedo ist Besitzer eines TV-Senders und einer Plattenfirma für Gospel-Musik. Mehrmals wurden seine Finanzaktivitäten bereits von der Polizei untersucht. Ihm folgt auf dem zweiten Rang Valdemiro Santiago, der einst Pastor unter Macedo war, bevor er seine eigene Kirche gründete. Mit Erfolg: 220 Millionen Dollar soll er heute besitzen. Den dritten Platz hat Silas Malafaia inne, Oberhaupt der „Assembleia de Deus Vitoria em Cristo“, der rund 150 Millionen Dollar auf dem Konto haben soll.

Zwischen Bibel und Betriebswirtschaft

Aber auch als einfacher Pastor hat man bei einigen Pfingstkirchen Aussicht auf ein gutes Einkommen. So erklärte Silas Malafaia zuletzt, die Pastoren seiner Kirche erhielten Gehälter zwischen umgerechnet rund 1.550 und 8.540 Euro. Solche Gehälter sollten durch eine professionelle Ausbildung gerechtfertigt sein – ein Argument, das brasilianische Universitäten aufgreifen. Neuerdings bieten sie verstärkt Kurse an, die eine theologische Ausbildung mit Betriebswirtschaft kombinieren. Anthropologie, Kirchenverwaltung, Didaktik und Ethik stehen dort auf dem Lehrplan, darüber hinaus Zivil- und Strafrecht.

Ein Pastor habe im Kirchengefüge heutzutage eine Position, die mit der eines Marketingmitarbeiters eines Unternehmens vergleichbar sei, sagt Antonio Sauaia von der Wirtschaftsfakultät der Universität São Paulo. Auch Pädagogik steht auf vielen Lehrplänen, genau wie Kommunikationswissenschaft – beides soll den Dialog mit den Gläubigen erleichtern.

Führungsqualitäten sind erforderlich

Pastoren müssten Führungsqualitäten erwerben, um Aufgaben und Mitarbeiter zu koordinieren, meint Lawton Ferreira, selbst Pastor und freiberuflich als Berater für Kirchen tätig. Ferreira bietet dazu Online-Fernkurse an. Sein neuestes Lehrmodul mit dem Namen „Pastorale Aktivitäten in der Gegenwart“ soll neu gegründeten Religionsgemeinschaften helfen, die Zahl ihrer Mitglieder zu erhöhen. Bis zu 8.000 neue Seelen pro Jahr könnten die Kirchen durch seine Methoden gewinnen, glaubt Ferreira.

Dass der Pastorenjob vor dem Gesetz als Anstellung gilt, bestätigte im vergangenen Jahr ein Arbeitsgericht. Seitdem wird innerhalb evangelikaler Zirkel über eine Regulierung der Arbeitsverhältnisse diskutiert. Zur Diskussion steht dabei auch, ob Pastoren eine Prämie für jedes neu gewonnene Kirchenmitglied erhalten sollen. Das wäre vermutlich ein gutes Geschäft. Schließlich haben Pfingstkirchen in Brasilien in den vergangenen Jahrzehnten starken Zuspruch erfahren. Während sich im Jahr 2000 etwa 15 Prozent der brasilianischen Bevölkerung als „evangelicos“ bezeichneten, waren es 2010 bereits 22 Prozent – rund 42 Millionen Brasilianer.

Von Thomas Milz

© KNA

Pfingstkirchen

Die sogenannten Pfingstkirchen, die „pentecostales“, haben schon seit Jahren in Lateinamerika einen großen Zulauf – für die katholische Kirche vor Ort eine große Herausforderung. Diese und andere Veränderungsprozesse wurden in der vergangenen Woche in Mexiko-Stadt auf einem internationalen Kongress zum Thema Großstadtpastoral diskutiert. Auch Wissenschaftler aus Deutschland nahmen daran teil. Im Blog des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat berichteten sie von ihren Erfahrungen:

www.adveniat.de/blog