Für mehr Dialog und Kreativität

  • Kongress Großstadtpastoral - 01.03.2013

Heute gab es auf dem Kongress zur Stadtpastoral in Mexiko eine Diskussionsrunde zur Präsenz der Indigenen in den großen Städten. Ich war als Moderator eingeteilt und besprach mich vorher mit den Vortragenden, wie ich sie vorstellen sollte. Ihre Antwort: keine akademischen Titel oder Publikationen (obwohl sie auch diese durchaus vorzuweisen haben), sondern ihre Verbundenheit mit dem indianischen Volk, aus dem sie kommen und für das sie sprechen, sollte ich hervorheben.

Ihre Beiträge waren denn auch weniger wissenschaftlich als erfahrungsbezogen und, vor allem im Falle der Gruppe aus Oaxaca in Mexiko, sehr wohl parteiisch: Sie nahmen eindeutig Stellung zu den Konflikten in Oaxaca: gegen die staatliche Repression, gegen den Hunger, gegen Exklusion und Diskriminierung, gegen Teile der katholischen Kirche, besonders aus der Hierarchie, die das indianische Volk genauso missachtet wie die mexikanische Oberschicht, die auf die Indigenen herabschaut.

Ausgrenzung und Diskriminierung

Gewiss ist die Situation in Lateinamerika nicht überall gleich, aber sicherlich fühlen sich Indigene in den großen Städten häufig ausgeschlossen. Sie werden auch oft mehr oder weniger direkt diskriminiert, haben weniger Chancen auf einen Arbeitsplatz oder eine qualitätsvolle Berufsausbildung und leiden unter großer Armut. Und trotz aller theologischer Neuansätze in Richtung einer „indianischen Theologie“, habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich die Kirche in ihrer pastoralen Arbeit in der Stadt wenig bis gar nicht um diese indigenen Gruppen kümmert, jedenfalls nicht so, dass sie sie bei ihrem Versuch begleiten und unterstützen würde, ihre eigene, indianisch geprägte Religiosität in der Stadt weiterzuführen und weiterzuentwickeln, um so trotz aller Veränderungen, die das Leben in der Stadt mit sich bringt, ihre eigene Identität zu bewahren.

Auf dem Kongress zur Stadtpastoral in Mexiko war Gerhard Kruip Moderator einer Diskussionsrunde zur Präsenz der Indigenen in den großen Städten. Edwin Claros A. / ITEPAL, Bolivien

Auf die Frage, mit welcher Methode man denn pastoral auf die Indigenen zugehen sollte, antwortete Manuel Arias, Priester der Diözese Oaxaca: Das sei doch ganz einfach. Man solle den Indigenen zuhören, ihre Lebenswelt zu verstehen versuchen und sie als Subjekte ihres eigenen Lebens und ihrer eigenen Religiosität ernst nehmen. Alles Weitere würde sich dann im Dialog mit ihnen ergeben.

Warum ist die Kirche in ihrer pastoralen Praxis nicht kreativer?

Sehr interessant war auf einem weiteren Podium der Beitrag von Prof. Dr. Brenda Carranza aus Brasilien. Sie sprach über die Pfingstkirchen und ihren enormen Erfolg in ganz Lateinamerika. Sie führte ihn unter anderem darauf zurück, dass diese Pfingstkirchen unglaublich kreativ seien, sehr darauf schauen würden, was bei den Leuten gut ankommt, ihre Alltagsprobleme ernst nehmen würden, geschickt Werbung und neue Medien nutzen würden, gerade unter den Armen stark präsent seien, Musik verwendeten, die den Leute gefalle usw. Da fragt man sich doch: Warum eigentlich ist die katholische Kirche in ihrer pastoralen Praxis nicht auch kreativer? Warum orientiert sie sich nicht stärker an den konkreten Sorgen und Problemen der Menschen? Warum ist sie nicht stärker bei den Armen? Sollte das etwas damit zu tun haben, dass sie mittlerweile in ihrer hierarchischen Struktur erstarrt ist und die Menschen in dieser Struktur zu wenig Mut haben, Probleme anzusprechen und innovative Vorschläge zu machen?

Von Gerhard Kruip

Zur Person

Gerhard Kruip ist Professor für Christliche Anthropologie und Sozialethik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen unter anderem die Themenfelder Globalisierung und Gerechtigkeit, Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern, Theologie der Befreiung und Katholische Soziallehre. Seit dem 1. Oktober 2012 ist er Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

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