„Der meiste Hunger ist von Menschen gemacht“

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  • Bonn - 16.02.2013

Wir haben den Hunger satt!“ lautet das Motto der neuen Misereor-Fastenaktion, die am 17. Februar in Aachen eröffnet wird. Im Doppel-Interview verdeutlichen der Hauptgeschäftsführer des katholischen Entwicklungshilfswerks, Pirmin Spiegel, und Misereor-Bischof Werner Thissen die Zusammenhänge von unserem westlichen Luxus und dem Hunger in vielen Teilen der Welt.

Frage: Erzbischof Thissen, Monsignore Spiegel, warum haben Sie den Hunger satt?

Thissen: Kein Mensch auf dieser Erde müsste wirklich hungern, wenn die wohlhabenden Staaten mehr Willen zeigen würden, ihre Wirtschafts- und Produktionsweisen gerechter zu gestalten und weniger Lebensmittel zu verschwenden. In Deutschland werden etwa 40 Prozent der Nahrungsmittel weggeworfen. Bei ihrer Herstellung werden enorme Mengen an Energie und landwirtschaftlichen Ressourcen verbraucht, die den Armen zu ihrer ausreichenden Versorgung fehlen. Weltweit hungern deshalb 870 Millionen Menschen, fast jeder achte Erdenbürger. Das macht mich sehr zornig.

Frage: Hunger ist also kein Schicksal?

Bildung ist der einzige Weg, dauerhaft der Armut zu entfliehen – doch: Wer Hunger hat, kann nicht lernen. Schwarzbach/Misereor

Spiegel: Nur ein kleiner Teil entsteht durch Naturkatastrophen oder bewaffnete Konflikte. Der meiste Hunger ist von uns Menschen gemacht. Mit unserer Fastenaktion wollen wir auf diesen Skandal aufmerksam machen. Denn der Hunger hat Gründe und ist nicht vom Himmel gefallen. Wir wollen diese Gründe benennen, erforschen und Wege aufzeigen, diese Ausgrenzung durch Hunger in den Griff zu bekommen.

Frage: Monsignore Spiegel, Sie haben lange in einem sehr armen Teil Brasiliens gelebt, wo Hunger an der Tagesordnung war. Was bedeutet es, morgens nicht zu wissen, ob man am Tag genug zu essen bekommt?

Spiegel: Hunger zu haben, bedeutet anfälliger zu sein für Krankheiten und auch, früher zu sterben. Die Potenziale, die in jedem Menschen, in jedem Kind angelegt sind, können nicht ausgeschöpft werden, etwa wenn es um Bildung geht oder um die alltägliche Arbeit. Wer hungern muss, kann kein Leben in Würde führen.

Frage: Ungerechte Verteilung ist das eine, welche weiteren Gründe führen zum Hunger in der Welt?

Bangladesch kämpft mit vielen Problemen

Video-Blog Teil 1: Misereor-Chef Pirmin Spiegel besucht im Vorfeld der Fastenaktion 2013 das Schwerpunktland Bangladesch.

Misereor

Thissen: Eine wichtige Rolle spielt die industrielle Landwirtschaft: Sie ist zum einen für etwa 20 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen und den dadurch verstärkten Klimawandel verantwortlich. Und der wiederum erschwert den Kleinbauern das Leben gewaltig. Außerdem führt die industrielle Landwirtschaft zu einem Verlust an Artenvielfalt und verbraucht eine große Menge an Energie für Produktion, Verarbeitung und Transport. Und noch ein Problem wird immer schlimmer: Kleinbauern werden durch internationale Konzerne oder Staaten von ihren Äckern vertrieben – nur, damit wir hier mehr Luxus haben.

Frage: Was hat das denn mit unserem Leben hier zu tun?

Spiegel: Mehr, als die meisten glauben. Da, wo früher Kleinbauern Getreide, Reis oder Gemüse für ihre Familien angebaut haben, ernten heute Großgrundbesitzer und internationale Konzerne Soja oder Getreide, damit wir in den reichen Ländern mit Biosprit fahren können oder damit Tiere für unseren viel zu hohen Fleischkonsum gemästet werden können. Außerdem subventionieren wir immer noch landwirtschaftliche Produkte, die dann im Süden – vor allem in afrikanischen Ländern – verkauft werden. Die kleinen bäuerlichen Familienbetriebe dort verlieren ihre Existenzgrundlage.

Frage: Was wollen Sie mit Ihrer Fastenaktion dagegen tun?

Thissen: Die Fastenzeit ist eine Chance zur Umkehr. Wir regen mit vielen Veranstaltungen an, sich über die Gründe des Hungers zu informieren und selbst aktiv zu werden. Zum Beispiel, indem wir mal bewusst weniger Fleisch essen oder häufiger öffentliche Verkehrsmittel nutzen, um den Klimawandel nicht noch weiter voranzutreiben. Bewusster einkaufen, weniger wegwerfen und weniger Energie verbrauchen sind andere Möglichkeiten, selbst etwas zu tun.

Großgrundbesitzer und internationale Konzerne entziehen Kleinbauern ihr Land und damit auch ihre Lebensgrundlage. Harms/Misereor

Frage: Reicht das aus, um wirklich etwas zu verändern?

Spiegel: Das alleine reicht sicher nicht, aber es ist ein erster wichtiger Schritt. Natürlich müssen wir auch auf die Politik einwirken, um zu einem Umsteuern zu kommen – etwa bei Themen wie Biosprit oder bei den Agrarsubventionen. Wichtig sind auch Spenden, damit unsere Partner vor Ort den hungernden Menschen ganz konkret helfen können.

Frage: Wie geschieht das? Durch Nahrungsmittellieferungen?

Spiegel: In besonderen Fällen gibt es auch akute Nothilfe. Wichtiger aber ist die langfristige Hilfe. Zum Beispiel fördern wir seit vielen Jahren mit unseren Partnern in Asien, Afrika und Lateinamerika eine nachhaltige, ökologisch orientierte Form der Landwirtschaft. Wir unterstützen Kleinbauern, sich gegen Landraub und Spekulation mit Nahrungsmitteln zu wehren. Und wir helfen ihnen, traditionelle Getreide- und Reissorten wiederzuentdecken, die weniger anfällig gegen die Folgen des Klimawandels sind und die sie auch unabhängiger machen von teurem und gesundheitsschädlichem Dünger. Und das sind nur einige Beispiele von vielen hundert Projekten in aller Welt, die wir dank der Spenden aus der Fastenaktion unterstützen können.

Von Sabine Kleyboldt und Gottfried Bohl

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